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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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149 r-' oftoregamen, und zwar mit dem Prädikat „summa cum laude“, üb die Professoren bedauerten, daß sie keinen wärmeren Ausrack des Lobes in ihrem Formular fanden. Um sich noch uiter wissenschaftlich zu bilden, ging er im Spätherbst 1830 wch München, wo er die Vorlesungen von Schelling, Görres, fen und anderen hörte. Alle Versuche des jungen Gelehrten aber, sich eine staatliche der doch vom Staate anerkannte Position zu gründen, ü lugen fehl. Er stellte zunächst bei der badischen Regierung ra Antrag, ihm zu gestatten, sich in Heidelberg als Privatr;ent zu habilitieren, aber sein Gesuch wurde aus nichtigen rwänden abschlägig beschieden. Es wurde ihm nahe gelegt, eine Religion zu „changieren", und hätte dann seiner Karriere j hts im Wege gestanden, aber er verschmähte in der Tiefe jseiner Seele einen solchen Religionswechsel, denn er war Jude ai s Ueberzeugung. Israel gehörte er durch Geburt und E ziehung an, und er hatte das innere Leben desselben in e nem elterlichen Hause von der schönsten und harmonischsten Lite kennen gelernt. Schon in seiner ersten, Ende des Jahres 1830 erschienenen Schrift: „Ueber die Stellung der B kenner des mosaischen Glaubens in Deutschland" spricht er sich darüber in unzweideutiger Weise aus: „Wir haben an der Religion unserer Väter nichts zu rächen, w r haben nur Ursache, sie zu lieben; denn wir sind ohne Vorurteile uub ohne einen drückenden Zeremoniendienst in einem reinen Gottesglauben aufgewachsen, in dem unbesiegbaren Vertrauen auf eine göttliche Führung und auf den endlichen Sieg des Guten und des Rechten erzogen. Wir glauben die mittelalterliche Form des Judentums, in unwiederbringlichem Untergang begriffen; aber wir sehen nichts als die sreieste Entwicklung der innersten Lebenskeime des N osaismus, gereiht an das Höchste, was die Menschheit unserer Tage;> fassen vermag, was für uns an deren Stelle treten konnte. Wir gomben nicht, daß eine der bestehenden öffentlichen Religionen den wihrhaften, naturgemäßen Ausgangspunkt dieser Entwicklung darb etet; wir können darin irren, aber darin gewiß nicht, daß nur d aube und Ueberzeugung, nicht schnöde Rücklicht auf äußeren Vorteil, nicht ein feiges Weichen vor sinnloser Gewalt diese Fragen unterscheiden müssen. Wir verehren mit tiefgefühlter Begeisterung die i rundsätze der Vernunft und der Freiheit, denen alle edlen Be- > ebungen unseres Jahrhunderts zngewandt sind, und denen wir r.ehr als irgend jemand alles verdanken, was dem Leben Wert gibt. ' -ir verachten aber jenen Jesuitismus der Aufklärung, der den < lauben wie das Gewand wechselt, der den Lama oder Fetisch, wie Mohammed oder Christus, der diesen nach den Lehren der katholischen Kirche, Luthers oder Calvins usw. anzubeten bereit ist, je nachdem > - die Umstände mit sich bringen. Wir glauben, daß das Gebot des -abbats, wie die mosaischen Speisegesetze und ähnliche, an äußere i rgängliche Verhältnisse geknüpft sind; aber das inhaltschwere Wort t r ewigen Wahrheit: „Du sollst den Namen Deines Gottes nicht >»sonst anrusen!" hallt ewig in den Tiefen unseres Herzens wieder > id flößt uns ein Grauen vor einem Gottesbekbnntnis ein, an dem tj§ Herz keinen Teil hat, und Abscheu gegen eine verworfene Gesetz- > bnng, die zu solchen Bekenntnissen führen." Auch der Versuch, sich in feiner Vaterstadt Hamburg als vokat immatrikulieren zu lasse», schlug fehl, und er vernähte den Nebenweg anderer jüdischer Advokaten einzujlagen, um den gesetzlichen Formen zum Trotz den'Anwalts- "eruf auszuüben. Die vielen Kränkungen und Unbilden, denen 1 ausgesetzt war, die schmachvolle Behandlung seiner Glaubensumossen seitens des Staates, die er am eigenen Leibe erfahren umßte, der stammende Zorn über die Vergewaltigung und die -chtlosigkeit der Israeliten — alle diese Umstände drückten ihm ilejchsam mit zwingender Gewalt die Feder in die Hand, im ^inne des alten römischen Spruches: „ira facit versum“, das ieißt hier in dem Sinne, daß die sittliche Entrüstung den «chriftsteller.schaffi. Immer mehr kam es ihm zum Bewußtsein, daß er eine heilige Mission zu erfüllen habe, nämlich die Gewissen der Menschen aufzurütteln und die tausendjährigen Fesseln durch die Macht des Wortes und des begeisterten Rechts zu sprengen. In diesem Sinne schrieb er seine erste bereits genannte Schrift, die gleich bei ihrem Erscheinen das größte Aufsehen im Jn- und Ausland erregte. Zum erstenmal sprach hier ein Jude mit der lautesten Stimme der tiefsten Entrüstung, nicht bittend, nicht einräumend, nicht sich begnügend mit teilweiser Befriedigung seiner Ansprüche, sondern auf das volle Recht sich berufend, und auf nichts als das Recht. Auch keinen Zoll breit wollte er weichen, nicht gab er irgend etwas von den Vorwürfen zu, die den Juden in so reichem Maße zugeschrieben werden, die Unsittlichkeit erkannte er nur in den Unterdrückern. Er erklärte es für ein Gebot der Ehre, nicht zu weichen vom Kampfplatze, solange noch das letzte Recht zu erkämpfen sei. Welche Sprache führte der junge Schriftsteller in dieser seiner Erstlingsschrift! Wie durchglühte ihn die Flamme der Begeisterung für Wahrheit und Recht! Wie freimütig, offen und kühn warf er den reaktionären Staaten und Parlamenten den Fehdehandschuh ins Gesicht! Hier nur ein Pröbchen davon: „Es ist nicht mehr ein Kamps zwischen Glauben und Glauben, sonder» zwischen Wahrheit und Trug, zwischen Redlichkeit und Falschheit, um den es sich handelt; es ist die Frage, ob der Staat länger auf die Lüge, die entweder mit der Maske der Heuchelei erscheinen, oder sich nicht die Mühe des Heuchelns geben und ihre Häßlichkeit offen zur Schau tragen könnte, einen Preis setzen, ob er einen Zustand der Dinge soll währen lassen, der der öffentlichen Moral Hohn spricht, der die entschiedene Tendenz hat, Rechtlichkeit und Wahrheit nicht minder als Glaube und Gottesfurcht zum hohlen Worte zu machen. Wenn der Teufel ein System der Gesetzgebung zu erfinden gehabt hätte, darauf berechnet, die Menschen zu demoralisieren und eine freche Frivolität, die Gott wie die Wahrheit, den Glauben wie das Recht höhnt und das Heiligste mit Füßen tritt, zum herrschenden Geist macht, er hätte fürwahr für unsere Tage keinen passenderen erfinden können, als das der bürgerlichen Unfähigkeit des Glaubens wegen." Schon hier, wie auch vielfach in seinen späteren Schriften und Reden, wendet sich Gabriel Rießer mit flammender Entrüstung gegen diejenigen, die um des zu erlangenden materiellen oder sonstigen Vorteils wegen den Glauben ihrer Väter abschwören und das Schmachvolle ihres Schrittes damit beschönigen, daß ja der Staat eine derartige Charakterlosigkeit und Ueberlauferei belohne. Seine Worte erregten nicht nur in Deutschland, sondern weit über dessen Grenzen hinaus das größte Aufsehen. Die Armen am Geiste, die Bedrückten und Verfolgten atmeten aufs neue aus, und sehr groß war die Begeisterung, die Rießer zu entfesseln wußte. Die erste Auflage war bald vergriffen und schon in wenigen Monaten folgte die zweite. Freilich fehlte es auch an Gegenschriften nicht. Besonders eiferte der rationalistische Professor Paulus in Heidelberg gegen Rießer und seine Anschauungen. Speziell in der Flugschrift: „Die jüdische Nationalabsonderung nach Ursprung, Folgen und Besserungsmittel", setzte Paulus alle Hebel gegen die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Bewegung und machte geltend, daß die Christen nicht von den Juden regiert werden dürften und schlug als einziges Mittel zur Besserung der Lage der Israeliten die Lossagung von den Zeremonialgesetzen und dem mosaischen Glauben überhaupt vor. Rießer blieb aber dem verbohrten Professor die Antwort nicht schuldig; er erteilte sie ihm in der Streitschrift: „Verteidigung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden gegen die Einwürfe des Herrn Dr. I. E. G. Paulus". Wie einst Apollo den Marsyas geschunden, so sezierte Rießer hier seinen Gegner nach allen Regeln der Kunst.

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