Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zunächst möchten wir bemerken, daß die jüdische Gemeinschaft auf die Zunahme der Duelle bei den Juden keineswegsstolz ist. Im. Gegenteil-beklagtHe hieseZunahme, die doch ohne Zweifel - wie'der Zionismus eine der bösen Dolgen des Antisemitismus ist. Die Juden werden infolge derMtttisemitischen Verhetzung öfter beleidigt und glauben sich niM anders-und besser wehren zu können als durch den Zweikampf, der christlich-germanischen Geistern immer noch besonders imponiert. Aus der Zunahme der Kampfstatistik braucht nicht erst die Befähigung der Juden Sir Woche.;^Berlin, E März, ^ie Antisemiten.haben sich in. dieser Woche im Teichst« g eine ordentliche Schlappe geholt. - Sie chatten nätnlich einen Antrag eingebrächt, der die Befugnisse der Polizei zur Aufrechterhaltung der Versammlungsfreiheit stärken soll. Bekanntlich haben.ste bei der Eisenacher.Ersatzwahl im letzten Herbst einen nicht gerade sehr saÜberen Wahlkampf geführt. Sie zum Offiziersstand gefolgert zu werden. Diese Befähigung haben sie im Frieden wie im Kriege im Dienste Frankreichs, Italiens, Englands, der Vereinigten Staaten, und zu . den wer--; schieden sten Zeiten bis zurück zu der Zeit, da weder die christlichen noch die heidnischen Germanen auch nur erwähnt wurden, und in den verschiedensten Ländern, in. welche noch kein germanisches Heer gekommen ist, auf das glänzendste bewiesen. Wenn es in einem hiesigen Antisemitenblatte heißt, man. wisse, daß jüdische Vorgesetzte dem Heere nicht gut tun, so könnte daraus im Hinblick auf die Leistungen der Inden in den Heeren anderer Länder nur gefolgert werden, daß entweder die deutschen Truppen nicht so vernünftig und vorurteilsfrei find wie andere Truppen, oder aber, daß die deutschen Juden militärisch nicht so tüchtig sind wie die Juden in denjenigen Ländern, in welchen sie die volle Gleichberechtigung genießen. Beide Folgerungen sind aber, wie jeder objektive Beurteiler weiß, durchaus falsch. Freilich, von objektiver Beurteilung sind unsere Gegner so fern wie möglich. Darum ist es auch unmöglich, mit ihnen ernsthaft zu polemisieren. Sie verdrehen einfach die Tatsachen, legen dem Gegner jedes schlechte Motiv unter und lassen sich niemals auf den Versuch einer wirklichen Widerlegung ein. Kann denn z. B. die „Kreuzzeitung" in Abrede stellen, daß der Satz: „Fürchte Gott, ehre den König und mische dich nicht unter die Aufrührer" ein Gebot des Judentums ist? Nein, aber sie kann uns unterstellen, daß wir das Gebot für ein „spezifisch jüdisches" auszugeben versucht hätten. Daß viele Juden das Verbot nicht beobachten, ist leider wahr; aber die Zahl der Christen, die es nicht hatten, ist doch auch prozentualiter eine erheblich größere. Ungerecht ist es auch, die Zahl der sozialdemokratischen Redner dem Judentum vorzuwerfen. So wenig wie die 80 sozialdemokratischen Redner des roten Sonntags Christen, so wenig waren die 20 andern Juden. Ja noch viel weniger, denn von diesen 20 sind nur vier oder fünf Nochjuden — wegen der andern 16 muß sich die „Kreuzzeitung" mit den Herren Pastoren auseinandersetzen, die diese so bereitwillig in den Bund des Christentums ausgenommen haben. Im übrigen haben wir den Patriotismus der Juden weder glorifiziert, noch auch diese als Patrioten erster Klaffe hingestellt. Wir haben nur den Unterschied zwischen echtem und falschem Patriotismus zu zeigen versucht — und daß dieser Versuch den Herrschaften so in die Parade gefahren ist, zeigt klar und sicher, wie stark dieser Unterschied in Wirklichkeit ist. Deshalb bleibt auch nichts anderes übrig, als ihre Erfindungen und Entstellungen festzunageln, nicht etwa in der Absicht, um sie zu bessern und zu bekehren, sondern um der Allgemeinheit zu zeigen, mit welchen Waffen man gegenwärtig gegen die Juden kämpft, im übrigen aber sie ruhig ihres Wegesziehen zu lassen. Die Geschichte der ganzen Bewegung zeigt ja mehr als deutlich, wohin dieser Weg führt. haben alle Parteien aufs heftigste angegriffen, aber in ihren Versammlungen jede Redefreiheit ausgeschloffen. Das erbitterte damals alle Beteiligten, besonders aber die Sozialdemokraten, die sich dadurch wehrten, daß sie in den antisemitischen Versammlungen zu lärmen anfingen, und dadurch deren Sprengung veranlaßten. Darauf brachten die Antisemiten, schleunigst am 7. Dezember v. I., also nach Zusammentritt des Reichstags, den Antrag ein, durch Landesgesetze möchten die Befugnisse der Polizei, Ruhestörungen niederzuhalten, gestärkt werden. Die . Antisemiten schickten eine ganze Anzahl Redner vor, um ihren Antrag zu empfehlen. Die Herren Liebermann v. Sonnenberg, Raab. Lattmann, Burckhardt und Zimmermann strengten ihre Lungen nach Kräften an und versicherten dem Haus nach allen Seiten, wie edel und trefflich ihre Partei und in jeder Beziehung unantastbar ihre Agitation sei. Aber sie fanden damit wenig Glauben. Fast auf allen Seiten des Hauses wurde ihr Antrag abgelehnt. Ziemlich einstimmig ließ man durchblicken, daß die Antisemiten die letzten wären, die sich über skrupellose Agitation der Gegner zu beklagen das Recht hätten. Auch die Nationalliberalen ließen es durch den Abgeordneten Patzig aussprechen, daß die antisemitische Agitation gerade in Eisenach keineswegs..musterhaft gewesen wäre. Selbst das Zentrum hatte für den antisemitischen Antrag ein rundes Nein. Im ganzen schnitten die Antisemiten sicherlich schlecht ab und die Ablehnung des Antrags mit einer gewaltigen Majorität war eine Blamage. Neberall geht es ihnen eben nicht so gut wie im schönen Sachsenlande, wo sie ungehindert ihre Versammlungen abhalten und ungestraft ihre Resolutionen fassen können. Der Kuriosität halber teilen wir hier eine solche Resolution aus der Versammlung der deutschen Reformpartei in Dresden vom 15. d. M. mit. Sie lautet: 1, Die auf Einladung der Deutschen Resormpärtei zahlreich besuchte Volksversammlung im „Tivoli" zu Dresden spricht ihr lebhaftes Bedauern und Befremden über den neuesten Kurs der Reichsregierung aus. In einer Zeit, wo man vom deutschen Volke, besonders auch von seinen Mittelschichten, die schwersten Opfer für nationale Zwecke, für die Erhaltung des Ansehens unseres Nationalstaates verlangt, zeigen die Regierung und die Berater der Krone eine Hinneigung zum internationalen Element; die den natürlichen Empfindungen des Volkes zuwiderläuft und die bange Befürchtungen wachrust, daß trotz äußeren Prunkes der neueste Kurs abwärts statt zur Höhe führt. 2. Die Versammlung richtet an die Königlich Sächsische Regierung das Ersuchen, im Interesse unserer nationalen und volkswirtschaftlichen Wohlfahrt, insbesondere zum Schutz des einheimischen Kleinhandels und Gewerbes, die drohende Niederlassung und Anfiedlung einwandernder russischer Juden in unserem engeren Vaterlande nachdrücklich zu verhüten. Wahrscheinlich sind die Gerüchte von einer Känzlerkrisis auf den Erfolg dieser Resolution zurückzuführen. Denn es versteht sich, daß nach einer solchen Verurteilung seiner Politik durch die deutsche Reformpartei in Dresden Fürst Bülow unmöglich mehr im Amte bleiben kann. . , Während diese 'Zeilen in den Druck gehen, werden die Vorwahlen zur Reichsduma beendet und damit eine Frage