Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 13. 'SSff />» Am a { ** a Berlin, 30. März 1306. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenten ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Verkriebsst-llen) l» zogen uiertelzährl. 3.M. Redakteur: Gnskav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipz-son. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgenr Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße 4b/49. zu richten. Verlag von Rudolf LNoffe, Berlin. Schwere Sorgen. Berlin', 27. März, ie Küinmerniffe unserer Gegner sind augenblicklich sehrgroß. Ihr Jammer ist derartig, daß wir wirklich mit ihnen -mitfühlen könnten, wenn wir diesen Jammer nicht für ' sehr unangebracht hielten. Es geht ihnen gar sehr zu Herzen, daß zwei Herren „von der Kohlenbranche" geadelt worden sind, daß^einige Juden'zu Hofe gehen und Herr . Ballin „unmittelbar aus dem Bade von: Kaiser an das Telephon gerufen wurde". Sie scheinen die Antwort jenes Leutnants noch nicht zu kennen, der wegen seiner etwas verdächtigen Nase vom Major befragt: „Kohlen oder Papier?" schlagfertig zur Antwort gab: „Nein, Herr Major, Schnaps und.Getreide." Was - doch wohl heißen soll,' daß das eine so gut wie das andere ein reeller Erwerb ist. Und ebenso scheinen sie nicht zu wissen, daß auch unter Kaiser Wilhelm I. zwei ungetaufte Juden, Eohn und Bleichröder, geadelt, ein ungetanster Jude, Karl Mayer «. Rothschild, ins Herrenhaus-berufen und verschiedene, gleichfalls ungetaufte Juden, z.B. Berthold Auerbach, Moritz Lazarus u. a. sehr oft öur Hoftafel befohlen wurden. Dies alles scheint ihnen unbekannt zu sein. Ebenso wie die Tatsache, daß auch schon der alte Adel, den sie dem neuen jetzt so beharrlich gegenüberstellen, sich oft mit dem neuen verbunden, und daß die Familien der nohilitierten Berliner Bankiers und Großindustriellen fast ausnahmslos im Schoße des alten Adels aufgingen, der sie anfangs mit so scheelen Augen betrachtete. Ein nichtjüdischer Heraldiker nennt die Familien v. Flatow, v. Witzleben, Bethusy- Huc, Posadowsky-Wehner, Eulenburg, Wartensleben, v. Prittwitz, Wedel, v. Hindersin, Haake, v. Boß, v. Zitzewitz, v. Zieten- Schwerin. Bis in die strengkirchlichen Kreise des Hochadels erstreckt sich diese Verbindung. Und trotz alledem! Der „Ernst der^ Situation" liegt, wahrhaftig wo anders als darin, daß ein halbes Dutzend getaufter und nichtgetaufter, geadelter und nichtgeadelter Juden, die man gleich eine „jüdische Kamarilla" nennt, ab und zu einmal zur Hoftafel oder,lin ein Gespräch gezogen werden. Man fürchtet, die Träger historischer Namen treten zurück. Man hat nun unseres Erachtens bei den letzten Hoffestlichkeiten keine^Spur von diesem Zurücktreten, keine Spur von einer jüdischen Kamarilla gemerkt. Dennoch bebt schon die ganze Gesellschaft bei dein Gedanken, daß sich ein Ofsizierkorps finden könnte, das willig wäre, als erstes „die rein arische Art" aufzugeben. Seit wann ist aber in Preußen arisch und nicht christlich das Schlagwort? Es ist anscheinend sehr schwer, heidnische Reminiszenzen mit den christlich-sozialen Schlagworten in Einklang zu bringen. - Ein süßer Trost ist jedoch den Herrschaften geblieben : die neugeadelteu Juden kommen nicht einmal in den Gotha, in den blauen und in den roten kommen sie nie. Lieber freilich wäre ihnen, daß der preußische Adel ebenso das „Ausschließungsrecht" hätte wie der baltische. Ob aber darum der preußische Adel mit dem in den Ostseeprovinzen tauschen würde? Doch sie haben noch anderen Kummer. Daß die Redakteure der in Berlin erscheinenden russischen Zeitung Jakobsohn und Hirschmann heißen, liegt ihnen auch schwer auf dem. Herzen. Ferner bereitet ihnen Kummer, daß ein königlicher Oberlehrer und ein Assessor sich an einer zionistischen Versammlung in Posen beteiligt haben. Bei der Gelegenheit unterläßt man nicht, daran zu erinnern, daß die zionistische Bewegung „ein offenes Eingeständnis bedeute, daß ein großer Teil des Judentums gar nicht daran denke, rückhaltlos im Volkstum der Wirtsvölker aufzugehen", Daß die Zionisten einen großen Teil des Judentums bei uns ausmachen, behaupten die Antisemiten, aber daruni braucht es noch nicht wahr zu sein. Soviel wir wissen, findet der Zionismus den meisten Anklang nur in den Ländern, in welchen die Juden schwer unter Truck und Verfolgung zu leiden haben, und nur geringen, wo es den Juden gut oder auch nur leidlich geht. Im übrigen möchten wir trotz allerprinzipiellen Gegnerschaft bestreiten, daß der Zionismus durchaus die Bedeutung haben müffe, die ihm die Antisemiten so gern zuschreiben. Was tun denn die Juden, die, weil sie mehr oder weniger unter Druck leben oder zu leben glauben, sich nach einem andern Heim sehnen als andere Auswanderer, die ihr Vaterland mit einem neuen vertauschen? Sind die Juden, die nach Palästina, Uganda, Kanada auswandern möchten, so sehr viel schlimmer als die Germanen, die zu Hunderttausenden und Millionen ausgewandert sind? Sind die Juden, die irgendeinen harmlosen kleinen Staat bilden wollen, für Deutschland oder andere Länder gefährlicher und schädlicher als die Deutschen beispielsweise, die, sagen wir, nach Amerika auswandern oder nach Rußland gehen, bald aufhören Deutsche zu sein, und diejenigen Reiche kräftigen, die eines Tages als Feinde Deutschlands auftreten könnten? Den größten Kummer scheint aber den Gegnern die in der Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus vom Professor Dr. Franz von Liszt mitgeteilte Zweikampfstatistik zu bereiten, aus der hervorgeht, daß unter Zugrundelegung der Bevölkerungsziffer dreimal soviel Juden im deutschen Reiche wegen Zweikampfes bestraft worden sind als Christen. Sie fürchten, daß man daraus die ganz besondere Befähigung der Inden zum Offiziersstand folgern werde.