Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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rege, doch wurden, neue Gesichtspunkte nicht entwickelt. Vor allem machte sich der Wunsch nach häufigeren Versammlungen'des Vereins geltend, in denen belehrende, allgemeinverständliche Vorträge gehalten werden sollen. Die Frage der Judentaufen nahm einen breiten Raum, in der Debatte, ein;, auch sie wurde als in das Arbeitsgebiet des Vereins fallend bezeichnet, doch der Vorsitzende wies eine derartige Aufgabe für den Verein zurück, der lediglich die Erörterung innerer Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung und die Erweckung und Belebung des liberalen Gedankens innerhalb der Gemeinde zum Ziele hat. ' x. Siffrt, 16; März. Heute verstarb hier der erste Vorsteher unserer Gemeinde, Bankier Iakob Jakub owski, im 73. Lebensjahre. Mehr als 20 Jahre hat derselbe seine reichen Erfahrungen in den Dienst unserer Gemeinde gestellt. Seit dem Jahre 1884 dem Repräsentantenkollegium angehörend, wurde er im Jahre 1891 zum Mitglieds des Vorstandes gewählt, in welchem er seit 1903 den Vorsitz mit großer Umsicht und besten Erfolgen führte. Auch von seiner Heimatstadt Lissa und vom Staate sind ihm viele Ehren zuteil geworden. Er war Stadtrat und wegen seiner Verdienste um die Stadt zum Stadtältesten ernannt worden. Er war Provinziallandtags, abgeordneter und Mitglied der Direktion der Provinzialhilfskasse.- Anläßlich des letzten Kaiserbesuches in Posen wurde ihm die hohe Ehre zuteil, mit zurHostafel befohlen und daraus von den Majestäten mit Ansprachen beehrt zu werden. Er erhielt auch den Roten Adlerorden 4. Klasse. Unvergessen soll es ihm bleiben, wie mannhaft und entschieden er jederzeit für die Interessen des Judentums eingetreten ist.' Das segensreiche Wirken des Verstorbenen sichert ihm in unserer Gemeinde ein bleibendes Andenken. 2. Kattowitz, im März. Am 17. v. M. fand in Beuthen O./S. eine Versammlung des oberschlesischen Ra bbi ne rverba n des statt. Der Vorsitzende, Rabbiner Dr. Cohn - Kattowitz, eröffnet die Sitzung und richtet Worte der Begrüßung an den neueingetretenen Kollegen Gradenwitz-Tarnowitz. Anwesend sind die Herren Cohn- Kattowitz, Münz-Gleiwitz, Kopfstein-Beuthen, Knatz-Zabrze, Rau-Pleß, Norden-Myslowitz, Dienemann - Ratibor, Braunschweiger - Kattowitz, Galliner-Beuthen und Gradenwitz-Tarnowitz. Nach Eintritt in die Tagesordnung bringt.der Vorsitzende ein Schreiben des Amtsgerichtsrats Glogauer-Tarnowitz zur Verlesung. Derselbe, teilt dem oberschlesischen Rabbinerverbande mit, daß er den Vorsitz des oberschlesischen Gemeindeverbandes übernommen und daß er es in dieser Eigenschaft als eine seiner wichtigsten Aufgaben erachte, in Gemeinschaft mit dem oberschlesischen Rabbinerverbande an der Förderung des Religionsunterrichts mitzuwirken. Die Versammlung nimmt von dieser Auslassung mit Befriedigung Kenntnis. Kollege Münz erstattet den Kassenbericht. — Hierauf weist der Vorsitzende daraus hin, daß zum April d. I. einige Zöglinge aus dem Rybniker Waisenhause entlassen werden und ersucht die Kollegen, sich dafür zu interessieren, für diese Zöglinge solche Stellen ausfindig zu machen, an welchen die Sabbatheiligung innegehalten werde. Hierauf gelangt die nun seit mehreren Jahren eingesührte Revision des Religionsunterrichts in den rabbinerlosen Gemeinden seitens des oberschlesischen Rabbinerverbandes zur Besprechung. Es wird festgestellt, daß diese Einrichtung sich segensreich bewährt habe und daß ein Wechsel der Revisoren an den einzelnen Schulen im allgemeinen nicht als zweckmäßig erscheine. Der Vorsitzende macht die Kollegen darauf aufmerksam, daß nur durch sorgsame und pünktliche Jnnehaltung der von ihnen als Revisoren übernommenen. Ehrenpflicht ein ersprießliches Zusammenwirken in dem großen Organismus, der so viele Gemeinden und auf den Dörfern verstreute Schulen umfasse, zu ermöglichen sei. — Die Versammlung wendet sich hierauf dem Entwürfe eines Minimallehrplans für einklassige Schulen zu, der einem Unterricht zugrunde gelegt werden soll, für den nur zwei Stunden in der Woche zur Verfügung stehen. Diese Frage, die bereits früher zur Erörterung stand, wurde auch diesmal in angeregter Debatte beleuchtet. Sie ist gerade für oberschlesische Verhältnisse, wo aus den Hüttendörfern einzelne Kinder zu gemeinschaftlichem Religionsunterricht' zusammengeführt werden, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Nachdem Kollege Kopfstein einige allgemeine Gesichtspunkte für den M'inimallehrptan ausgestellt hatte, wurde eine aus den Kollegen Norden, Braunschweiger und Galliner bestehende Kommission gewählt und derselben dre Aufgabe KbeÄragen, den zur Beratung. stehenden Minimallehrplan unter Berücksichtigung der in der Sitzung gegebenen Anregungen und aufgestellten allgemeinen Gesichtspunkte auszuarbeiten. Der > Vorsitzende berichtet nunmehr über die erneute drohende Agitation der Tierschutzvereine gegen das Schächten^ Von jüdischer Seite ymsse jetzt vor allem das religiöse Moment in den Vordergrund gestellt werden. Es wird beschlossen, an! den Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbänd das Ersuchen zu richten, die diesbezügliche Erklärung, die bereits früher von deutschen Rabbinern erlassen wurde, zu erneuern. r; Göttinger*, 12. März. Am 1. d' M. hat unser Rabbiner Herr Dr. B. Jakob nach 15jähriger Tätigkeit sein Amt in der hiesigen. Gemeinde niedergelegt, um sein neues Amt in Dortmund zu übernehmen. In ihm verliert die hiesige Gemeinde einen vorzüglichen Lehrer und Prediger. Den Wert und die Bedeutung desselben als' Lehrer, sowie seine Verdienste um die hiesige Religionsschnle ausführlich hier zu schildern, würde zu weit führen. Man kann aber ohne zu übertreiben behaupten, daß Dr. Jakob einer der tüchtigsten Schulmänner der Gegenwart ist. Unsere Gemeinde kann daher stolz sein, einen solchen Mann 15 Jahre als Leiter ihrer Schule besessen zu haben. Was seine Leistungen als Kanzelredner anbetrifft, so kann man ihn auch auf diesem Gebiete als hervorragend bezeichnen. Seine Predigten sind tief durchdacht und inhaltsreich und wirken aus die Zuhörer belehrend und erbauend. Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten hat er sich auch in der Gelehrtenwelt einen bedeutenden Ruf erworben. Es ist daher sehr zu bedauern, daß unsere Gemeinde einen solchen Mann verlieren muß! Am 24. v. M. fand seitens der Schute eine erhebende Abschiedsfeier statt. Die Feier sowie die Rede, die Dr. Jakob aus diesem Anlaß hielt, machten auf alle Anwesenden einen ergreifenden Eindruck. Auch seitens seiner Freunde find dem Scheidenden zahlreiche Beweise der Liebe und Verehrung zuteil geworden. Möge es ihm vergönnt sein, seine Kräfte ui seinem neuen Wirkungskreise segensreich zu betätigen! B. Köln, 17. März. Am 3. d. M. tagte in der Lesegesellschaft die Generalversammlung des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde Köln. Den Vorsitz führte Herr Jnstizrat Cällmann, später vertreten durch Herrn Blumenau. Dieser erstattete einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Vereins in der Berichtsperiode und verbreitete sich namentlich über die Orgelangelegenheit. Er schilderte, daß namentlich hier am Platze, wo durch den glücklichen Umstand, daß zwei Synagogen vorhanden seien, jedem Gelegenheit gegeben sei, seinen religiösen Bedürfnissen nach seinen besonderen Anschauungen gerecht zu werden, die Einführung der Orgel in der neuen Synagoge nur dem Frieden "in der Gemeinde dienen könne. Er ging sodann auf die allgemeine Stellung der Juden ein und schloß mit einem warmen Appell, wenigstens in den Beziehungen nach außen alle Zwistigkeiten beiseite zu lassen, um den andrängenden Gegnern eine feste, geeinte Macht enigegenstellen zu können; in solchem Falle solle man sich nicht als orthodoxer oder liberaler Jude, sondern lediglich als deutscher Jude fühlen, und nur auf diesem Wege sei es zu erreichen, daß, indem auch der einzelne durch vornehme Gesinnung den andersgläubigen Bürgern Respekt abzwinge, die Gleichberechtigung der Juden nicht nur auf dem Papier stehen bleibe, sondern daß sich diese Gleichberechtigung auch in unserer sozialen Stellung ausdrücke und unsere jetzigen Gegner mit der Zeit das' Gesühl erfülle, daß wir ihre gleichberechtigten deutschen Mitbürger seien. An den Vortrag schloß sich eine interessante Debatte^ Zu Vorstandsmitgliedern wurden neubezw. wiedergewählt die Herren: Alb. Bier, Emil Blumenau, Carl A. Callmann, Justizrat Dr. Max Callmann, Jac. Eottschalh Hauptlehrer a. D. A. Herrmanns, Ed. Jöhlittger, Jost Schlüchterer und Wilh. Steuer. Es.wurden sodann noch einige Fragen untergeordneter Bedeutung behandelt und schließlich wurde in Aussicht genommen, zur Kräftigung des liberalen Gedankens häufiger als-bisher zusammenzukommen. — Unter der bewährten Leitung des Herrn Hermann Jonas tagte hier am 11. d. M. die Generalversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens. Aus dem von dem Vorsitzenden erstatteten Bericht entnehmen wir,, daß die Zahl der hiesigen Mitglieder, welche 1902 20, 19(t3 200 betrug, -jetzt auf 380 gestiegen Ist. .Von der bisherigen Wirk-