Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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der Vortragende ein anschauliches Bild, und die Versammlung dankte ihm mit warmem Beifall. Der bisher 14 Mitglieder zählende Ausschuß wurytzdurch Krwahl von fünf weiteren.Herren auf einen Bestand von 15 Mitgliedern, nur Trägern der bestgenannten Namen» erhtzW. mit dem Atzftrag, aus seiner Mitte den eigentlichen Vorstand, pt wAMn..;3um Schluffe widmete- Herr Feilchenfeld dem tags zuvor verstorbenen Eugen Richter-einen-warmem gehenden Nachruf, den die.'Versammelten stehend anhörten. Er beleuchteLe'- darin besonders Richters Stellung zuw Judentum Und brächte vielfache Beweise, daß der Verstorbene die Rechte der Juden -stets hochgehalten--und mit- Wärmen und Eifer verteidigt hgbe.. - u- Stuttgart,. 14.. März^. Wr^Odnig'hat dem. württemLergischen. Staatsangehörigen Jul. Kocherthal.er, Generaldirektor der-Aktien- GesellschaftM E. G. Thomsdü-Ho ustun Jherica und Ehest der Firma Kocherthaler: &. Cie:, in Madrids die nachgesuchte Erlaubnis zur Annahnie und Anlegung deL ihm: von: dem König von Spanien verliehenen Marineverdienstkreuzes 2. Klasse, erteilt. Wiewir hören> hat die spanische Marineverwaltung durch Herrn Kocherthal er mehrere Stationen für drahtlose Telegraphie, an der Küste und aus Kriegsschiffen errichten/ lassen/ die vorzüglich funktionieren und einen Triumph deutscher Industrie über die ausländische Konkurrenz feiern konnten. Der König ließ sich Persönlich das Wesen der drahtlosen Telegraphie nach dem deutschen Telesunken-System voll Generaldirektor Kocherthaler und dessen Bruder erläutern und Proben des Betriebs ablegen. Freudig überrascht verabschiedete sich der König in liebenswürdigster Weise mit den Worten: „Wir sehen uns bald wieder." Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 19. März. Der Abgeordnete Dr. Benno Straucher hat in der Sitzung vom 13. d. M. eine glänzende Rede über die Frage der jüdischen Vertretung im österreichischen Parlament gehalten, in der er ziffernmäßig nachwies, daß die-österreichischen Juden auf eine viel größere Zahl von Mandaten Anspruch erheben könnten. Leider aber wird dieser Beweis nur wenig nützen. Dagegen haben die Antisemiten eine Interpellation wegen der Revision des Prozesses Hülsner eingebracht, in der sie kühn behaupten, daß die Alliance für diesen Prozeß 35 Millionen Francs ausgegeben habe, damit nur ja kein „.Ritualmord" an den. Tag komme. Ist das zu glauben? — Professor Franz v. Liszt, der jetzt hier ist, wurde in dieser Angelegenheit interviewt. Er sprach sich Wer die antisemitische Behauptung, daß sein Name mißbraucht worden, sehr entrüstet aus. — Die Meldung von dem Hinscheiden des früheren Abgeordneten Rudolf Auspitz brachte ich schon in der.vorigen Nummer.' Nach der Berufung des Herrn v. Gomperz ins Herrenhaus wurde Auspitz an dessen Stelle von der Brünner Handelskammer in das Parlament entsendet. Bor einigen Jahren zog sich Auspitz vom politischen Leben zurück. Er gehörte dann durch mehrere Jahre dem Vorstände der israelitischen Kültusgemeinde und der israelitischen Allianz an. und war Mitglied des Kuratoriums für den israelitischen Kolonisations- Vereine Der Verblichene war ein gewandter Redner und galt in allen wirtschaftlichen Fragen/ besonderst aber auf dem Gebiete des Steuerwesens, als Fachmann ersten Ranges.. Er hat testamentarisch' 470 000 Kronen, für Wöhltätigkeits- und Volksbildungszwecke fceftimmt. Die Verwendung dieses Betrages,- von welchem alsbald 2500 Kronen durchden Bürgermeister der Stadt Wien und 250O Kronen durch den Vorstand der israelitischen Kultusgenleinde zur Verteilung gelangen werden/ ist im Testament genau vorgeschrieben. — Der erste Kantor der israelitischen Kultusgemeinde, Moritz Blatt, ist am 11. d. M. im 60. Lebensjahre gestorben.— Der Kaiser, hat dem Oberrabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in. Triest,. Sabato Raffael Melli, das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Vrm MHund Fern. — Der- Charakter als Justizrat wurde verliehen den Rechtsanwälten Dr. Schlesinger,^ Isidor Jacoby, Sigm. Blumen- . thal, Dr. Emil Misch, Rud. Hahn, Dr... Max Silbersteim, Ratkowski, Karmicki und Schachian in Berlin, Lasker in Trebnitz, Mendelsohn und Koppel in Breslau, Frankel in G log a u, Jacob sv hn in ^nsterb u r g. —Bei - dem^Wettbewerb um däs Stipsndiüin der' Michael B eersch en Stiftung inr Betrage von je 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien/ wurde ■ der Preis der ersten Stiftung dem Maler Nikolaus Schattenstein in Wien zuerkannt. — Me sich das V erbre chertn m in Preußen nach dem Religionsbekenntnisse verteilt, untersucht die amtliche „Statist. Korr." Sie stellt dabei fest, daß die Zahl der wegen in Preußen begangener Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze rechtskräftig Verurteilten im Jahre 4903 312114 betragen hat. Unter diesen Verurteilten waren im Jahre 1903 3433 (3527) Juden. Von 1902 bis 1903 hat die Zahl der Evangelischen lim 1,7 v. H., der Katholiken um 1,6 ü. . H. und der Juddn um 2,7 v. H. abgenommen. Unter 1000 der Gesamtbevölkerung im Jahre 1900 waren 633 Evangelische, 351 Katholiken,. 4 sonstige Christen und 11 Juden. Zu 1000 Verurteilten stellten die Evangelischen im Jahre 1900 590, die Katholiken 393, die sonstigen Christen 2,' die Juden 11. Der Anteil der Juden an den Verurteilten entsprach also genau dem Anteil an der Bevölkerung, die Evangelischen stellten auf 1000 Personen 43 Verurteilte zu wenig, die Katholiken 42 zu viel. In Berlin kamen bei der Volkszählung von 1900 auf 1000 Einwohner 842 (auf 1000 Verurteilte im Jahre 1903 835) Evangelische, 100 (123) Katholiken, 8 (3) andere Christen und 49 (38) Juden. — In Stettin haben die Antisemiten große Krawalle gegen den Breslauer Professor Neißer veranstaltet, dem sie fälschlich vorwarfen, daß er Kinder mit Syphilisgift geimpft habe, um seiner Forschungen Witten. Die Sache ist aber längst widerlegt. Professor Neißer ist übrigens kein Jude mehr und soll sogar, wie die „Jüdische Rundschau" berichtet, „allen seinen Assistenten immer wieder den sicher aus tiefster Ueberzeugung kommenden Rat erteilen, sich ebenfalls dem Christentums anzuschließen!" — Vor etwa Jahresfrist Warans dem jüdischen Friedhof in Mo sch in das Grab des kurz vorher verstorbenen Händlers Rosenberg geöffnet und aus diesem der Kopf der Leiche entwendet worden. Jetzt endlich ist es den angestrengten Bemühungen der Behörde gelungen, den Täter zu ermitteln. Es ist dies ein Wirt aus dem Dorfe Baranowo, der den Kopf in seine Futterkiste gestellt hatte, damit seine Pferde besser gedeihen sollten. — Am 12.,. 13. und 14. d. M. fand an der Jacobson-Schüle (berechtigte Realschule mit realprogymnasialer Abteilung) in Seesen die Reifeprüfung unter dem Vorsitz des Herzoglichen Kommissars Herrn Professor Dr.- R. Fricke, zurzeit Rector magnificus, aus Braunschweig statt. 15, bezw. 9 Prüflinge der beiden ersten Klassen haben dieselbe mit. Erfolg bestandem — In der Ersten Kammer des schwedischen Reichstages machte am, 6. d. M. der Führer der Reaktion Vorschläge, zur Abänderung des Einwanderungsgesetzes. Er wünscht besonders, daß den Juden, die angeblich in großen Mengen aus Polen,, Rußland und Deutschland nach Schweden kommen, die Einwanderung verboten werde, jedoch ausdrücklich mit Ausnahme derjenigen, die „nützliche Arbeit" verrichten, das heißt offenbar: der Galizier und Polen, die den schwedischen Großgrundbesitzern als Lohndrücker gegen die einheimischen Landarbeiter dienen. — Die Anglo-Jewish Association in London trat mit 12 gegen 9 Stimmen dem Projekt der Brüsseler Konferenz bezw. einer Gesamtorganisation im Prinzip bei und nahm die Einladung zu einer weiteren Vorkonferenz an, ohne jedoch dabei eine finanzielle Verpflichtung eingehen zu wollen. — Großes Aufsehen unter den russischen Juden hat die Verhaftung des Dr. Wilen ki, Kronrabbiuer von Nikolajew, hervorgerufen. Dieselbe erfolgte auf Anordnung des Nikolajewer Polizeimeisters, einem enragierten Antisemiten, der auch den Judenkrawall in diesem Orte organisiert und geleitet hatte. Dem Krawall folgten zahlreiche Massenverhaftungen von Juden, die ohne jeden Grund vorgenommen worden sind. Wilenki ist. nach Petersburg gebracht worden und sollte von da nach Archangelsk, nach anderen Berichten sogar nach Jakutsk. verschickt werden. Sein Anwalt jedoch, Rechtsanwalt Slosberg, halte eine Audienz bei Witte und es gelang ihm, den russischen Premierminister von der vollständigen Makellosigkeit des Rabbiners so zu überzeugen, daß er die Verschickung einstweilen sistieren ließ. Dr. Wilenki wird nunmehr vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Auch der bekannte Vorsitzende des Homeler Wohltätigkeitvereins, Dr. Salkind, dessen Verhaftung während eines Erholungsaufenthaltes in Petersburg wir seinerzeit gemeldet haben, ist nur eine' Nacht' in Haft geblieben. Ein Grund für die Verhaftung wurde nicht angegeben- ' Dr. Salkind befindet sich jetzt im Auslande.