Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 144 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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dich gekettet, die dein gutes jüdisches Herz nie verstanden, die dir gefolgt, kalt, herzlos, weil du sie dem Elend entrissen War^s die alte, fromme Mutter, die Franz beim alten Namen anrief? Nein! Die Stinune des Gewissens war erwacht und wollte nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Nacht sank immer tiefer herab und immer düsterer ward es in Franzens Seele. j Es duldete ihn nicht länger zu Hause und er lies bei strömendem Regen in den nahen Wald. Nur^fort aus diesem Hause des Elends, wo jedes Stück Einrichtung ihm sein Unglück zuzurufen schien. Wie ein Wahnsinniger lief er bei schaurigem Wetter im Walde herum. Der Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Der gelbe Lehm klebte sich an die Schuhe, daß er mit Mühe nur die Füße bewegen konnte. Alle Besinnung war von ihm gewichen. Er war ruhelos. Selbst hier in der Einsamkeit war er wie von Furien gejagt. Das Weib, das er an sich gekettet, verleidete ihm das Dasein. Sein Leben war verpfuscht. Er war mit den reichsten Gaben des Geistes ausgestattet, hätte Großes erreichen können, doch die Ketten waren ihm zu schwer. Die Flügel waren ihm gebrochen, der Flug nach Höherem unmöglich geworden. L Wäre dieses Weib nicht in sein Leben getreten, wie stände er jetzt da. Nur um dieses Weib hat er die stärksten Bande zerschnitten, das Heiligste verleugnet. Er konnte nicht weiter leben. — Große Tränen rannen ihm langsam die bleichen Wangen; herab. Ein Menschjvon seiner Jugend, seinem Wissen, seinen! Fähigkeiten sollte mit dem Leben schon abgeschlossen haben? „Feisch, Feisch! Rufst Du mich, teure Mutter?" so schrie er in den Wald hinein. Deine Mutter, du armer betrogener Feisch, ist vor Gram längst gestorben, der Sturm nur ist es, der so schauerlich heult. Die Schuld drückte ihm das Herz ab, raubte ihm die Sinne. Inzwischen war er in die Nähe des Stromes gelangt. Der Tod in den Wellen! Er schauderte nicht vor den Tod in Gestalt eiskalter Stromwellen. Die paar Sekunden des physischen Todeskampfes werden ja bald vorüber sein, den seelischen Todeskampf, den ungleich schlimmern, hätte er hinter sich. Er schlug sich reumütig vor die Brust, betete leise, es war das Sündenbekenntnis, das er seinem Gotte ablegte, — Feisch, Feisch, nun täuscht mich nichts mehr! Mutter, Du rufst! Ich komme! Er hob die Hände in die Höhe : ein Schrei ertönte von seinen Lippen, ein geller, wilder Naturlaut und dann sank er hinab in die Fluten zum ewigen — ewigen Schlaf. . . . Zwei Tage später wurde Dr. Franz Kühne aus dem Strome gezogen und zur Erde bestattet. Die schöne Witwe mit dem wallenden Trauerschleier war rasend vor Schmerz, sie wollte sich ins offene Grab stürzen. War auch in ihr die Stimme des Gewissens erwacht? In einer Ecke des Friedhofes stand ein blasses Mädchen, keine wohltätige Träne linderte ihren grausamen Schmerz, doch nun wüßte sie, wo auch sie einst von ihrem schrecklichen Weh Erlösung finden wird. Nie Lonne im Gottrshsus. ' Von Sofie Lattv, 4 dt) habe die Sonne so gern, wenn sie im Frühling die Knospen erweckt. So gern, wenn sie im Winter das Eis erglänzen macht und an die gefrorenen Fensterscheiben Millionen Diamanten zaubert. Wenn sie aufgeht und wenn sie untergeht. Wenn sie Helle Flecken auf den Waldboden! malt und das Korn reifen läßt und die Blumen erblühen. 'Ich habe die Sonne so gern, wenn sie in den Tempel scheint, plötzlich, so sieghast strahlend und hell, wenn der Prediger auf der Kanzel steht und das Wüvt Gottes kündet. Eben fiel ihr breiter Schein auf die goldenen Sprüche, die die eine Wand des Tempels zierten. Und während der Vorbeter die uralten Gebete unserer Väter hersagte, wanderte ihr Strahl immer weiter, langsam, langsam aber stetig, der ewigen Lampe zu, die über der Kanzel hing. Rot und schwach nur strahlte ihr Licht, aber es brannte doch unentwegt, das Lämpchen, das Symbol der Ewigkeit unserer Religion, unseres Gottes, unseres Judentums. Ein kleines Häuflein sind wir nur in der Welt, aber die Flamme der religiösen Begeisterung brennt in unfern Herzen, wie das ewige Lämpchen im Gotteshaus. Und immer weiter rückte der Sonnenschein und immer näher kam er der ewigen Lampe. Da wurde die Sonne mir zum Symbol. . Würde sie wohl, noch ehe die Beter den Tempel verließen, die ewige Lampe mit ihrem himmlischen Licht überfluten? Ist es wohl jetzt an der Zeit, daß ein Licht erscheinen wird, das j die Lehre des Judentums erstrahlen läßt in all ihrer Größe! und Herrlichkeit? Das den Irrwahn ertötet, um Raum zu geben einer ewigen Lehre? Ist unsere Zeit wohl schon reif dazu? Wird der Sonnenschein auf die ewige Lampe fallen? Wie ich das hoffte und ersehnte! Wie ich darum betete und bat! Und diese Sonnengedanken schlangen sich um all die Erläuterungen, die der Prediger von der Kanzel her gab und gaben ihnen ihre eigene Bedeutung. Und der Sonnenschein rückte immer näher an die ewige Lampe heran. Nun ertönte der letzte Orgelgesang; leise verhallten seine Schlußakkorde. Es fehlte nur noch das letzte kleine Stück zum roten Wunderschein. Der Tempel leerte sich allmählich. An der Pforte des Gotteshauses schaute ich noch einmal zurück. Ich wartete... Nur eine Handbreit Schatten trennte den Sonnenschein von der ewigen Lampe. Sonne, eile dich, eile dich, nur dieses einzige Mal! Da wurden die Tempeltüren geschlossen. Der Sonnenschein an der Tempelwand und die ewige Lampe entschwanden meinem Blick. Die Lampe hatte nicht im Sonnenschein gestrahlt. .. Noch ist also nicht die Zeit gekommen, die wir alle ersehnen und erträumen. Mit einem Weh im Herzen schritt ich davon. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.