Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeit und Menschen nicht reisgenüg. wären, um atavistische Vorurteil der gerechteren Einsicht des Gesetzgebers unterzuordnen. Die christliche Gemeinde wollte die Inden, wenn sie es auch nicht offen aussprach, nicht als gleichberechtigte«Bürger aufnehmen, - die lebenskräftige und sich fühlende Judengemeinde wollte ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit nicht aufgeben, und so kam es, daß beide Parteien stillschweigend alles beim alten ließen. Es kam ihnen sehr gelegen, daß die bayerischen Behörden durch die sich erneuernden Kriegsereignisse in Atem gehalten wurden. Nur die Unselige-EiuschränkuW der jüdischen Ehen, die aller VeruunßdHphnUWchende und eine gedeihliche Entwicklung der Gemeinde. jeder,. Hinsicht erschwerende Einführung der berüchtigten Normalzahl,, die eine Heirat erst dann ermöglichte, wenn eine Nummer erledigt war, wirft einen tiefen Schatten auf das dem König Dtax und dem Minister, Montgelas zu Ruhm und Ehre gereichende Edikt, um das die Hohenemser Juden von ihren österreichischen Glaubensgenoffen mit Recht besieihet worden sein mochten. Am 3. Juni 1814 ward Vorarlberg wieder mit Oesterreich vereinigt. Obwohl die Juden allen Grund hatten, der bayerischen Regierung dankbar zu sein, jubelten sie doch dem angestammten Herrscherhause entgegen. Sie blieben unentwegt loyal, obwohl die ihnen günstigen Folgen des bayerischen Edikts, wie beispielsweise der uneingeschränkte Erwerb von Realitäten, höheren Orts nicht anerkannt, und die Normalzahl der Ehen in ganz ungehöriger Weise dahin ausgedeutet wurde, daß nur jener Sohn eines Familienvaters zur Eheschließung zugelassen sei, der gesetzlich berufen ist, nach dem Abfterben des letzteren an dessen Stelle einzutreten. Auf daß ja kein zweitgeborener Sohn eines .jüdischen Hauses eine Familie gründe, ließ sich das Landgericht Dornbirn 1819 eineigenes Ehe- und Familienverzeichnis, „Schutzkataster" genannt, behufs bequemerer Kontrolle anlegen. Und ein kaiserliches Hofdekret vom 19. Januar 1820 gab für die Organisierung der Verhältnisse der Juden unter andern: die Direktive, daß die Vermehrung und Ausbreitung der Juden nicht zu begünstigen und deren Duldung ans weitere Provinzen nicht auszudehnen sei. Die Sonne der vollen Gleichberechtigung leuchtete den Juden erst in der Reichsverfassung vom 4. März 1849. Einen hohen Aufschwung nahm die Gemeinde seit dem Jahre 1833, in dem Abraham Kohn, der nachmalige Rabbiner und Märtyrer von Lemberg, seinen Einzug als Rabbiner hielt und der junge Wilhelm Steinach sich in der Heimat als Arzt niederließ. Abraham Kohns Bedeutung ist zur Genüge'bekannt und gewürdigt. Dem Andenken Dr. Steinachs hat Dr. L. Sonderegger, ein berühmter Schweizer Arzt, in seiner Autobiographie (1896) die Worte gewidmet: „Das Ideal eines. Arztes, dessen Bild mir auch im Alter nicht abgeblaßt ist, der wissenschaftlich hochstehende, praktisch gewandte, großartig wohltätige und wahrhaft kollegiale Mann, der beste Christ unter uns Aerzten, das war der alte Jude Dr. Steinach in Hohenems. Als er 1867 auf seinem Sterbebette lag, hat die katholische Gemeinde in der Kirche für ihn gebetet. Er war die oberste Instanz weit herum, und ein Druck seines Fingers hätte genügt, den jungen Sperling von Konkurrenten tot zu machen. Er hat mich väterlich geführt und gehoben und die Ehrenschuld auferlegt, später seinem Beispiele zu folgen." Und auch die Wirksamkeit seines Sohnes, des Arztes Dr. Simon Steinach, war ein wahrer llickäuseb-kesebsm. Die Stimme des Gewillrns. Von H. Flesch. ii. achmittag betrat Rosa um die gewöhnliche Stunde das Studierzimmer des Dr. Kühne. Heute gelang es ihr nicht, die düstern Schatten von des Rechtsanwalts Stirn zu verscheuchen. Rosa schwieg. Endlich brach Franz das Schweigen. „Rosa, ich trete heute als Freiwerber für Dr. Winter ans, er bietet ihnen Herz und Hand fürs Leben an." „Nein, niemals werde ich die Seine," rief Rosa; es war ein gellender Aufschrei und Entsetzen malte sich auf dem blassen Gesichte ab. „Ich kann nicht —ich werde ihn niemals lieben können —-mein Herz — mein armes Herz ist nicht" — — — Dr. Kühnes Seelenruhe war geschwunden, die unterdrückten Gefühle brachen mit elementarer Gewalt hervor. Nun mußte es ausgesprochen werden, was ihn so lange schon quälte. Mit bebenden Lippen, durch die hervorbrechende Leidenschaft bis ins Jnuerste aufgewühlt, sprach Franz: „Ich weiß, Sie lieben mich, und ich, ich liebe Sie mit jeder Faser meines Lebens, mit der ganzen Glut meiner Seele. Ich liebe Sie mehr als alles, das wissen Sie längst. Ach, warum habe ich Stamm und Herkunft verleugnet, den Glauben der Väter äbgeschworen, um zu einem Weibe das Auge zu erheben, zu einer Fremden, die meinem Herz und Geist stets fremd geblieben! Mein Weib hat um meine Liebe mich betrogen und ich hasse sie. Warum ist mir eine solche edle Glaubensgenossin wie Sie, geliebte Rosa, nicht eher begegnet? Oder habe ich sie nicht sehen wollen? Rosa, nur in Ihrer Liebe kann ich des Lebens Glückseligkeit finden, doch das ist mir versagt. Für eine kurze Stunde des Glückes und der Liebe an Ihrer Seite würde ich mein Leben freudig opfern, denn nun weiß ich es. Sie sind meine einzige, meine erste, meine letzte Liebe. Und doch, dies Glück habe ich für ewig verwirkt, niemals darf ich Sie mein nennen. Darum möchte ich Sie an der Seite eines braven Mannes, der Sie liebt und verehrt, glücklich wissen; nur in Ihrem Glücke könnte ich Trost und Ruhe finden." Ein bis jetzt noch unbekannter süßer Schauer durchrieselte den Körper des jungen Mädchens. Wohl hatte sie dieses Geständnis geahnt, seine Augen hatten es ihr längst abgelegt, jetzt aber fühlte sie namenloses Weh, und laut aufschluchzend sank sie dem geliebten Manne in die Arme, der ihr Antlitz mit feurigen Küssen bedeckte. „Franz, teuerster Mann, nie wird meine heilige Liebe entweiht werden," sprach Rosa, indem sie sich aus seinen Armen befreite; dann verließ sie still und geräuschlos, voll tiefer, innerer Trauer, den Rechtsanwalt. Franz blieb allein mit seinem Glücke, allein mit seinem Schmerze. Er litt unsäglich unter dein Geständnisse, welches in einem Momente der Leidenschaft wider seinen Willen seinen: Herzen entströmt, seinen Lippen entschlüpft war. Feisch, Feisch, was hast du getan, du hast Rosa mit deinen Armen umfangen gehalten, hast sie geküßt, als wolltest du ihre Seele trinken, und hast die Seele des unschuldigen Kindes vergiftet! Warum hast du dich weggeworfen, an eine Fremde