Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Gr dringendes Bitten und im Hinblick, ans seine zerrütteten Vermögensperhältnisse bereit erklärte, ihnen wieder in seiner Grafschaft Schutz zu bieten. 1759 erlosch der Mannesstamm des reichsgräflichen Geschlechtes. Von einzelnen hochnotpeinlichen Zwischenfällen abgesehen, konnte die Hohenemser Judepgemeinde desselben — bis auf Franz Karl — nur mit Dankbarkeit. gedenken. Die Reichsgrafen hatten im großen und ganzen eine für die Kulturstufe und den Eigendünkel der Rittergeschlechter sener Zeit anerkennenswerte Toleranz walten lassen. Die zeitweilige Ungnade gegen die Juden begründeten sie niemals mit religiösen Motiven, und Schmähschriften, wie die Vorarlberger Stände sich sie um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu Dutzenden leisteten, haben die reichsgräfliche Kanzlei niemals verlassen. Die volle Religionsfreiheit fand bereits im ersten Schutzbriefe von 1617 ihren unzwejdeutigen Ansdruck und sie wurde nie angetastet. Freilich waren die Juden nur gegen Bezahlung in Schutz genommene Untertanen; aber diese Art von Gewährung der natürlichen Menschenrechte an Juden war damals übexall üblich, und es muß schon als besonderer Hochsinn der kleinen und großen Herren gepriesen werden, wen:: sie den für klingende Münze verheißenen Schutz auch wirklich gewährten. Von diesem im Geiste jener Zeit wurzelnden Standpunkte aus kann es nicht genug hervorgehoben werden, daß die Reichsgrafen von Hohenems die ausgepreßte Zitrone nicht wegwarfen. Die Triebfeder ihrer Ungnade war übrigens nur ihre ewige Geldnot. Nie und nimmer hätten unter ihren: Zepter Exzesse stattfinden können, wie die im vierten Kapitel behandelten, die sich in Sulz zu Ende des Jahres 1744 unter den Auspizien des Landammanns Leonhard Grisz und gewissermaßen unter der Patronanz der Stände abspielten. Glücklicherweise haben diese traurigen Vorgänge in Vorarlberg sich nie wiederholt, wie es denn auch das einzige Kronland Oesterreichs ist, das niemals durch die infame Lüge vom Ritnalmorde geschändet und entweiht wurde. Toleranz, Gutmütigkeit und gesunder Menschenverstand haben den Vorarlberger allezeit ausgezeichnet, und nur die durch die kriegerischen Ereignisse hervorgerufene Verwilderung der Sitten, genährt durch altes Vorurteil, hatte jene Exzesse verschuldet. Vorarlbergs Bewohner lernten die Juden besser würdigen, und auch die Stände fanden wenige Jahrzehnte später eine ganz anders lautende Sprache für dieselben. Das reichsgräfliche. Haus ward durch das Erzhaus Habsburg abgelöst. Der Herrscherwechsel war für die Inden eine Existenzfrage. Erwog doch die Kaiserin Maria Theresia, ob sie die Inden in Hohenems überhaupt und unter welchen Bedingungen sie sie eventuell beibehalten solle. .DasOberamt in Bregenz sollte sich darüber äußern. Es ließ sich wörtlich also vernehmen: „Sie haben hierauf so vorliegenden gegenständ reiflich erwogen und nach überlegten allen umständen einhellig befunden, daß die juden, falls selbe anders in den engeren schranken gehalten würden, keinem lande überhaupt schädlich, insonderheit aber der grafschaft Hohenembs wenigstens für dermalen so zu sagen notwendig seien, wann man nicht an ihrem bisherigen schutzgeld einer derer stärksten rubriquen des reichslehenbaren einkommens verlieren und zugleich den armen unterthanen, welcher ihnen juden vieles schuldig, durch unerschwingliche schnellste zahlung mit gewalt überstoßen, zumal noch nebenher den mit christen sehr dünn besetzten flecken Embs nahezu völlig auf einmal veröden will." Bezüglich der geplanten engeren Schranken verwies das Oberamt auf den Entwurf des reichsgräflichen Schutzbriefes vom Jahre 1708. Die österreichische Hofkanzlei erklärte sich mit diesen Vorschlägen einverstanden, nahm aber noch weitere Verschärfungen vor. .dje Rädelsführer der Sützer Judenplünderuygert begnadigt Md, HE'Willen kundgegehen hatte, „daß die Judenschaft . 5 i 'aüf ewigezeiten ausunseren vorarlbergischen Herrschaften abgeschafft und ausgerott'et bleiben möchte", genehmigte diese Verschärfungen mit dem Bemerken, daß auf die Verminderung der Faden hinznivirken sei und die Erteilung von Ehebewilligungen iiursehr vorsichtig erfolgen dürfe. Am 15. November 1777 bräiH^rch dre Unvorsichtigkeit eines Knechtes in der sogenannten Christengasse ein Feuer aus, das 36 Stunden währte und säst die ganze Christen- und Jud'engaffe in Asche legte. Der Chef der k.' k. Verwaltung leitete als „Brandsteuer" im ganzen Lande' 'eine wohltätige Sammlung zur Steuerung des furchtbaren Elends ein, mit deren Ergebnis aber Nur die christlichen Abbrändler bedacht wurden. Unsäglich war die Not unter den'--rum -obdachlosen und des größten Teiles ihrer beweglichen Habe verlustigen Juden. In herzergreifenden Worten klagten sie der Kaiserin ihr Leid in einem Bittgesuche. Mit 80 000 Gulden wird da ihr Schaden berechnet, wozu noch der schwer ins Gewicht fallende Umstand kam, daß die Juden nicht wie bisher in weite Fernen ziehen und Handel treiben konnten, weil sie in der Nähe ihrer obdachlosen Familien bleiben und den Bau neuer Häuser leiten mußten. Flehentlich baten sie darum die Kaiserin, ihnen nunmehr den Handel in Vorarlberg zu gestatten. Doch vergebens. Ja noch mehr, das Gesuch verschlechterte sogar ihre Situation, es hatte zur Folge, daß das Obervogteiamt in Feldkirch den Juden selbst in den beiden Gerichten Rankweil lind Sulz, die selbst betonten, daß sie ohne die Juden „dem Monopol der Landkrämer und Makler unterworfen" seien, den Handel verbot. Die Juden schritten wohl dagegen bittlich bei der Kaiserin ein, aber ebenfalls ohne jeden Erfolg. Das Verbot blieb in Kraft und die Juden, die in Hohenems an 800 Gulden jährlich Schutzgeld bezahlten und den größten Teil des kaiserlichen Einkommens aus der Grafschaft lieferten, mußte:: die Mittel hierzu aus weiter Ferne herbeiholen. Markerschütternd klingt es, wenn Tänzer sagt: „Daheim durften sie ihr Geld los werden, nicht aber es verdienen." Eine nachhaltige Veränderung bewirkte das berühmte Toleranzedikt des Kaisers Josef, dessen Absicht es war, die Juden dem Staate nützlicher zu machen, „als sie bei den ihnen so sehr beschränkten nährnngszweigen und auch nicht hinlänglich verstatteten und eben deswegen ihnen überflüssig geschienenen ausklärungsmitteln bisher werden konnten." Die Kriegsereignisse an: Ende des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts und die schweren, noch nach Jahrzehnten empfundenen Wunden, die sie Vorarlberg schlugen, stellten den patriotischen Sinn der. Hohenemser Juden auf eine schwere Belastungsprobe, die sie indessen glänzend bestanden. Sie litten für das Vaterland, wenn es sie auch als Stiefkinder behandelte. In der bayerischen Regierungsperiode (1806—1814) erst ward gründlich Wandel geschaffen. Das bayerische Regime machte dem unwürdigen Schuhjudenzustande ein Ende und ließ nur königliche Untertanen gelten. Es erschloß den Juden ohne jede Einschränkung Handel und Gewerbe, gestattete ihnen den Erwerb von Grund und Boden, zog sie zu persönlichen: Militärdienst heran, machte sie zu gleichberechtigten Bürgern, und bahnte damit eine Blütezeit an, zumal-Oesterreich diese hochherzigen Bestimmungen, trotz der Wühlereien und Beschwerden der christlichen .Ortsgemeinde, im Prinzipe —„ freilich nur in: Prinzipe — fortbestehen ließ. Wenn die .dekretierte Einverleibung der jüdischen in die christliche Gemeinde, Verschmelzung der beiden Gemeinden, sich gleichwohl erst in: Jahre 1879 vollzog, so liegt der Grund hierfür darin, daß