Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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141 schreiben der religiösen it»b auch profanen Werke wieder widmen wollte, muß dieser Verlust wirklich fühlbar geworden fein. Die junge, neue Generation, die die vielleicht nie recht gekannten lateinischen Lettern wohl gänzlich vergessen hatte, bediente sich dann kurzerhand der hebräischen Lettern. So kam es auch, daß der großen Masse allmählich die rechte Vorstellung von dem, was ihre Sprache war, vollständig schwand- und der Glaube sich allgemein verbreitete, der Jargon der Sefardim fei einfach : Judio, oder auch Chudeo geschrieben. (Zu Deutsch: Jiddisch.) Diese Meinung ist auch heute noch bei einem großen Teile der Sefardim rege. So erzählt Max Nordau in einem Interview — auf das wir übrigens noch zurückkommen werden — wie er in Belgrad einmal in einen Tabakladen geraten seium sich ein paar Freimarken zu kaufen, und die Frau dort, an die er sich gewandt hatte, ihren Mann zu seinem größten Erstaunen im reinsten Spanisch gefragt habe, wo die Marken lägen. Auf die Frage Nordaus, ob sie spanisch spreche, habe die Frau erwidert: Das nicht, aber Jiddisch. Der Mann aber, der Nordaus Lächeln bemerkt haben mochte, hätte sich daun beeilt, zu versichern, seine Frau sei nicht recht gescheit, wenn sie wüßte, was sie schwätzte, hätte sie wohl zugegeben, daß sie spanisch spreche. Auch Pulido erzählt, daß er auf seinen Reisen im Orient mehrfach Sefardim getroffen hätte, die ihm auf feine Fragen allen Ernstes versichert hätten, sie sprächen Jiddisch. Diese Meinung der nicht unterrichteten Leute erklärt sich eben durch den bereits erwähnten Umstand, daß wir im gesamten Orient das geschriebene Wort der spanischen Sprache in hebräischen Lettern finden. Und auch die dort erscheinenden Zeitungen mußten diesem sonderbaren Umstande Rechnung tragen, den wir wohl am besten in die Worte kleiden: Nach außen jüdisch, nach innen spanisch! Trotzdem nun auf diese Weise die Presie auch den nicht unterrichteten Volkskreisen zugänglich gemacht wurde, ist sie bis zum Auftreten der Dreyfus-Affäre ziemlich ignoriert worden. Erst als damals durch den berühmten Prozeß das Jntereffe geweckt war und die Leidenschaften rege wurden, griff man gierig nach den wenigen Zeitungen, bereit man habhast werden konnte, und deren Lektüre keine Schwierigkeiten bot, also natürlich nach den spanisch-jüdischen. Hattet: sich aber diese Blätter einmal ihren Platz erobert, so wußten sie ihn auch durch das stete Wachhalten des Jntereffes zu behaupten. So wuchs durch ihre Verbreitung auch im Orient die Presse zu einer bedeutenden Macht heran, und in ihren Spalten spiegeln sich in aller Schärfe und Klarheit die geistigen und sozialen Zustände der Juden des Orients wieder. Die spanisch-jüdische Presse hat auch selbständig zu der großartigen Kampagne des Dr. Pulido in hohem Maße, wenn auch unbewußt, vorgearbeitet, und es wird schon daher von Jntereffe sein, sich näher mit ihr zu beschäftigen. Lur Geschichte der Juden in Tira!. Von Dr. Bernhard Münz. II. mit Spannung sehen wir dem zweiten Bande der „Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg" (Meran, F. W.Ellmenreich) von Dr. A. Tänzer entgegen, der sich mit der Geschichte der Juden in Tirol beschäftigen wird. Der kürzlich erschienene erste Band verbreitet sich über die Geschichte der Juden in Vorarlberg. Der Verfasser ließ dem kleineren Vorarlberg den Vortritt, weil nur in diesem Kronlande ein wohlgeregeltes und staatlich anerkanntes israelitisches Gemeindewesen sich entwickelt und seit 1617 erhalten hat, und zwar in dem von der erhabenen Majestät der Alpenwelt und den Wogen des schwäbischen Meeres umschlossenen Marttflecken Hohenems. Die Geschichte der fernab von den größeren Judengemeinden Oesterreichs und Deutschlaitds gelegenen Judengemeinde in Hohenems bildet den:: auch vornehmlich den Inhalt des ersten Bandes. Tänzer hat sich durch seine stattliche Publikation ein großes Verdienst erworben, denn er hat zum erstenmal die einschlägigen Urkunden erforscht und sie mit Bienenfleiß in zahlreichen in- und ausländischen Archiven gesammelt. Leider ist das wohlgeordnete und ziemlich reichhaltige Archiv der israelitischen Gemeinde in Hohenems im Jahre 1777 ein Raub der Flaminen geworden, doch gewährten das ehemalige reichsgräfliche Archiv in Hohenems, die handschriftliche Sammlung der dortigen Marktgemeinde, das Landesünd Museumsarchiv in Bregenz, das städtische Archiv in Feldkirch, das k. k. Statthaltereiarchiv und die handschriftlichen Sammlungen des Ferdinandeums in Jnsbruck, die Archive in Wien, München, Zürich, St. Gallen nsw. eine reiche Ausbeute für die früheren Jahrhuitderte. Objektivität und Vornehmheit deS Tones drücken dem Buche den Stempel auf. Trefflich ist das Bild, das der Verfasser von dem Reichsgrafen Caspar entwirft, der die ersten Juden 1617 in Hohenems aufnahm. Er findet die Bestimmungen des ersten Schutzbriefes, trotzdem sie in mehreren Puntten eine Erschwerung gegen den ursprünglichen Entwurf bedeuten, im Vergleiche zu der damaligen Stellung der Juden im deutschen Reiche sehr nrild. Mit besonderem Nachdrucke betonen die! verschiedenen Verbote: „wie andere Untertanen". Graf Caspar war ein rechtliebender und hochherziger Regent, der allezeit seine den Juden gewährte Schutzverheißung vollinhaltlich aufrecht erhielt, weder das Schutzgeld erhöhte, noch sie mit Extraabgaben und Erpressungen belästigte, ja einzelnen seiner Juden besondere Privilegien verlieh und sein christliches Gewissen damit beruhigte, daß die Juden in Rom und Prag, den Metropolen der Christenheit, Aufnahme gefunden und verschiedene Privilegien erhalten hätten. Erst unter seinem Enkel Karl Friedrich trat eine Wendung zuungunsten der Juden ein. Je mehr die Reichtümer der Reichsgrafen abnahmen, desto drückender wurden die Abgaben, die jene zu zahlen hatten. Doch durften sie immerhin mit diesen materiellen Belastungen in einer Zeit zufrieden sein, da die Hexenprozesse und die „Brenner" in Vorarlberg epidemisch grassierten. Von religiösen Verfolgungen, die damals in der Luft lagen, blieben sie verschont. Graf Franz Karl, der 1675 die Regierung antrat, bestätigte noch am 9. Januar 1676 den Schutzbrief der Juden, verjagte sie aber, einer gewalttätigen Laune folgend, samt und sonders am ersten Pfingsttage desselben Jahres aus seiner; Herrschaft, wobei er den Abziehenden noch bedeutete, daß sie bei Strafe die Märkte in Hohenems nicht besuchen dürsten. Die Vertriebenen ließen sich zumeist in der österreichischen Herrschaft Feldkirch, insbesondere in denk Dorfe Sulz, nieder. Die österreichischen Beamten in Feldkirch ließen ihneir kräftigen Schutz angedeihen. Dagegen ließ die Lage der Jtlden in Sulz alles zu wünschen übrig. 1688 wurde sogar ein kaiserlicher Erlaß herausgegeben, nach dem auf Verlangen der Vorarlberger Stände die Juden aus Vorarlberg abgeschafft und nur die drei reichsteit Judenfamilien in Sulz geduldet werden sollten. Die neuerdings von einer Ausweisung Bedrohten kehrten nach Hohenems zurück, als Graf Franz Karl sich aus