Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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erhaltenen Idioms darstellt. Allerdings soll daS Jüdisch» Spanische in Bosnien überhaupt am reinsten gesprochen werden, so daß es dort den Charakter des Spanischen des XV. Jahrhunderts wohl am besten bewahrt hat?) Die Erhaltung der spanischen Sprache unter den Sefardim ist auf ihre Tradition gegründet. Sie bezeichnen das von ihnen zärtlich geliebte Idiom als die Sprache, „in der man zu Gott rede." Das erste Lallen des Kindes geschieht in spanischen Lauten, und wenn die Mutter an der Wiege des Jüngsten sitzt, um durch leisen Gesang den Liebling in Schlaf zu lullen, dringen spanische Wiegenlieder durch die geöffneten kleinen Fenster auf die Straße: Duermete miblanca viria Duermete mi blanca flor2) während draußen die fliegenden Händler laut in spanischen Rusen ihre Waren anpreisen: Bizcochos con un huevo veinte! Leche! Leche!3) Ein Bild spanischen Lebens im fernen Orient! So wachsen die Kinder in der Familie auf, das spanische Idiom gleichsam als Muttersprache in sich ausnehmend. Kaum, daß sie irgendwo in einer Schule dasselbe methodisch erlernen; in der Familie wurde es dem Kinde anerzogen, im Schoße der Familie ist es auch Alleinherrscherin. Es ist die Sprache der Intimität, die sich wie ein heiliges Vermächtnis von den Eltern auf die Kinder durch Generationen hindurch sortgepflanzt hat. Und mit der Sprache haben sich andere pietätvolle Ueberlieferungen in unsere Zeiten mit hinübergerettet, Sitten und Gewohnheiten aus dem spanischen Alt-Vaterland. Der kühne, feurige Blick, die spanische Grandezza und wiederum eine gewisse Grazie in den Bewegungen lassen heute noch, nach sovielen Generationen, den ehemaligen Bewohner spanischen Landes erkennen. Eine schöne Probe der Anhänglichkeit an das verlorene Vaterland ist auch die Tradition der Familiennamen, die mit wahrem Stolz die Herkunft ihrer Träger bekunden: So finden wir Namen wie Alcal», Bejarano, Cordova, Davila, Leon, Medina, Miranda, Sevilla, Toledo, Tarragona u. a. Der Ritus im Gottesdienst ist natürlich auch seit Jahrhunderten der alte geblieben. Gebetbücher in spanischer Sprache, ebenso wie die Bibel, sind heute noch in stetem Gebrauch. Gewisse Gebete und Stellen aus dem Pentateuch werden während des Gottesdienstes in spanischer Sprache vorgetragen, und eine Predigt in unverfälschtem Jüdisch-Spanisch ist auch heute immer noch keine Seltenheit. An Festtagen oder üuch an traulichen Abenden liest der Hausherr im Kreise der Familie irgend ein erbauliches Buch in der traditioneller! Sprache, die wir sogar in den Jeremiaden, vermischt mit hebräischen Worten, gefunden haben, die am 9. Aw während des Gottesdienstes vorgetragen werden. Der spanische Jude beweist so die beiden in seiner Geschichte traurigsten Ereignisse, die Zerstörung Jerusalems und den Verlust des geliebten Alt-Vaterlandes. Yo sufro Senor Yo sufro tu sana Perdi mi amor Mi cara Espaüa! Die glücklichen Leser, die der spanischen Sprache mächtig sind, werden mit mir gestehen müssen, daß selten in so wenigen ') Ueber die Sefardim in Bosnien bringen wir demnächst einen besonderen und sehr interessanten Aufsatz aus der Feder des Herrn Eh. Weitzner in Sarajewo. Die Red. -) Schlas mein weißes Kindchen, Schlaf weiße Blume mein! 3) Biscuits mit Ei, zwanzig! Milch! Frische Milch! gegeben wurde, wie ein ganzes Volk um das verlorene Vater-' land klagt: ■ Ich leide o Herr, mein Gott, Ich dulde still Deinen Zorn.. Berlor meine Lieb', mein Spanien, All meines Lebens Born! Wir fürchten mit Recht, daß unsere Uebertragung nur schwach die Melodie des Urtextes wiedergibt. Die alten Ueberlieferungen haben, wie wohl überall, besonders in den unteren Schichten ,der Sefardim ihre wirkliche und schönste Heimstätte gefunden. Sprichwörter und Refrains, an denen gerade die spanische Sprache so überaus reich ist, haben sich im Orient noch heute in all ihrer Fülle erhalten, und da in Spanien selbst eben so sehr das Volk an seinen Traditionen hängt, so finden wir die wunderbare Erscheinung, daß der Volksmund im Orient spricht, wie es auch heute noch auf der iberischen Halbinsel „gang und gebe" ist. Soviel über das -rallerdings reiche — Jnnenlebey der Sefardim. Nach außen hin bietet sich uns ein weniger erfreuliches Bild. Die breite Maffe der Juden des Orients lag bis zum Eingreifen der „Alliance Israelite Universelle" in einem gewissen geistigen und sozialen Verfall. Erst der frische Wind, der in ihre Ghettos drang und die dumpfe, stickige Luft daraus hervörscheüchte, förderte auch den Fortschritt unter den Sefardim. Ein plötzliches Streben nach Bildung, nach Unterricht begann, neue Schulen wurden gegründet, die bis dahin völlig verwahrloste Kindererziehung wurde in die Hände berufener Männer gelegt, und so allenthalben die neue Aera des Fortschritts vorbereitet. Das kam m gewissem Sinne auch der arg vernachlässigten spanischen Sprache zugute, die, wenn ihr auch in der mehr und mehr sich ausbreitenden französischen Sprache ein gefährlicher Gegner erstand, doch durch die Aufnahme in das Lehrprogramm der Schulen wesentlich vervollkommnet wurde. Die Alliance sorgte in erster Linie für eine gesunde Kindererziehung und da, wo es ihr möglich war, auch zur Hebung des sozialen Niveaus der jüdischen Familien. Ein historisches Ereignis sollte auch im Orient seinen Einfluß geltend machen und einem weiteren helfenden Faktor bei der Kulturarbeit, der Press e, die Wege ebnen: nämlich die Drehfus-Affäre. Für den späteren Geschichtsschreiber, der sich in die interessanten Kapitel der jüdischen Geschichte unserer Zeit vertiefen wird, muß die Drehfus-Affäre eines der wesentlichsten zu beachtenden Momente bilden. Sie hat jene gewaltige Bewegung, die heute ihre Wellen — ob mit Recht oder Unrecht, mag für uns hier dahingestellt bleiben — in alle Kreise der Judenheit fluten läßt, den Zionismus, erzeugt, sie hat auch zur Erweckung der Lebensgeister unter den Sefardim des Orients geführt, sie hat zu der kraftvollen Entfaltung der spanisch-jüdischen Presse und damit zur Aufrollung der spanisch-jüdischen Frage in ihren Vorläufern nicht wenig beigetragen. Zur besseren Beurteilung der an das Auftreten der Presse im Orient sich knüpfenden Vorgänge sei hier noch eines Umstandes erwähnt, der vieles sonderbar Anmutende erklärlich machen wird. Der spanischen Sprache unter den Juden des Orients war im Lause der Zeit einer ihrer wesentlichsten Bestandteile, die Schrift, verloren gegangen. Das läßt -sich dadurch erklären, daß die Sprache sich fast allgemein nur durch mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt hatte. Erst später, als man in der Epoche der endlichen Seßhaftigkeit sich dem Nieder- 140 Worten so, röhrend und ergreifend der Gedanke wieder-