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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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daß b'te ÄbkÄnmlmge jenev Möbannten HEe über' die' gakze Weltkugel verbreitet find. Und ein weiteres Faktum, welches uns die Pulidosche Statistik erbringt, läßt unser anteiluehmendes Herz freudiger schlagen. Aus den 400 000 gehetzten Flüchtlingen, die plan- und ziellos nach allen Richtungen der Windrose auseinanderstoben, ist eine stattliche, selbstbewußte Rasse geworden, die heute, nach vier Jahrhunderten, nicht nur keineswegs absorbiert wurde, sondern sich sogar um das dreifache vermehrt hat. Die Zahl der Sesardim mit mehr als einer Million ist. soweit das möglich ist, statistisch sestgelegt, ja es gibt Autoritäten genug, welche die heute lebenden spanischen Juden auf zwei Millionen schätzen. Das größte Kontingent stellt der Orient und vornehmlich die europäische Türkei, die zum mindesten 200000 spanische Juden beherbergt. Es folgen die asiatische Türkei mit 90 000 Sesardim, Serbien, Rumänien und Bosnien, die mit Bulgarien und Oesterreich-Ungarn die halbe Million der „Spaniolen" des Orients voll machen werden. Italien weist eine geringere Zahl Sesardim auf, da diese sich schon wegen der Aehnlichkeit der Sprache dort leichter assimilierten. Hingegen existieren in Frankreich, und besonders in Süd-Frankreich, stärkere Gruppen spanischer Juden. In Belgien und Holland scheint wiederum das früher so überaus zahlreiche sefardische Element auf dem Wege des Verschwindens zu sein. Innerhalb Deutschlands beherbergen wohl nur Hamburg und Berlin, in Rußland Odessa und ändere Küstenstädte des Kaspischen Meeres spanische 'Juden, während diese in England und besonders in London nach Tausenden zählen. Skandinavien dürfte in dieser Beziehung „judenrein" sein, und Spanien selbst vorerst ihm wenig nächstehen. (Ich schätze die Gesamtzahl der heute in Spanien wohnenden Juden — Sesardim und Aschkenassim — auf höchstens 3000 Seelen). In Afrika erscheint in erster Linie Marokko mit einer ganz bedeutenden spanisch-jüdischen Kolonie, ebenso beherbergen Algier, Tunis und Aegypten, wenn auch in geringerem Maße, Sesardim, die sich einerseits bis Zansibar, andererseits bis zur Kapkolonie verbreitet haben. In Asien verzeichnen wir spanischjüdisches Element, wie schon erwähnt, in ganz bedeutender Anzahl in Klein-Asien, dann folgen Syrien, das heilige Land Palästina, außerdem Persien, die beiden Indien und sogar China, wie das ferne Jnselreich Japan. Amerika darf bei dieser summarischen Aufzählung keineswegs fehlen, im Norden sowohl wie in Mittelamerika finden wir Sesardim, besonders aber im Süden, wo Argentinien eine bedeutende Sammelstelle bildet. Für uns in Betracht kommt irn wesentlichen nur der Orient und Marokko. Die Geschichte der 'spanischen I ud en des Orients ist eines der schönsten und rührendsten Kapitel jüdischer Geschichte überhaupt. Und sonderbarer Weise hat es ' wenige vör dem Auftreten des Senators Pulido gegeben, die jenem interessanten Kapitel ihre volle Aufmerksamkeit zugewandt hätten. Nur drei größere Werke geben uns einigen Aufschluß über jene Epoche: Das „Dictionnaire Bibliographique des Auteurs Juifs de leurs ouorages espagnols etportugais“, publiziert 1890 von dem bekannten Dr. Kayserling - Budapest, dann „Recueil des Romancez judeö-espagholes chanlees en Turquie“ von Abr. Danon, Direktor des Rabb. Seminars -in Konstantinopel, erschien 1896. Beide Werke, die währe Schätze der spanischjüdischen Literatur ans Tageslicht beförderten, wurden nichtsdestoweniger in französischer' Spräche der Oefsentlichkeit übergeben. Ditz Verfasser suchten auch wenig Anschluß an Spanien selbst oder an dessen literarische Kreise, die -jene Veröffentlichungen doch mit am. .meisten interessieren mußten. Aber wiederum muß man: es doch den beiden Verfassern geradezu als Verdienst anrechnen, daß sie selbständig aus sich heraus zu jenen Publikationen schritten. Ebenso selbständig ist 1897 Moises Franco mit seinem „Essai Sur l’histoire des Israelites de 1’ Empire Ottoman“ an die Oefsentlichkeit getreten. (M. Franco ist Direktor einer Alliance-Schule in Gallipoli, Türkei und u. a., auch Mitarbeiter der bekannten „Jewish Encyclopedia“ in Newyork und der „Allgem. Ztg. des Judentums"). Verbinden wir die aus jenen Publikationen resultierenden Schlüffe mit den von Pulido gesammelten Daten, so ergibt sich ein recht anschauliches Bild des geistigen und sozialen Lebens der spanischen Juden des Orients.. Die große Masse der Sesardim stand vor Beginn des Einwirkens der ,Alliance Israelit e Universelle“ in den fünfziger Jahren geistig auf einem ziemlich niedrigen Niveau. Still in sich abgeschlossen lebten sie, eine eigene Welt, kaum daß ein engerer Zusammenhang unter ihnen selbst bestanden hätte. Man könnte fast sagen, daß die verflossenen Säkula spurlos an ihnen vorüber gegangen waren, und daher finden wir heute auch die Sesardim mehr oder weniger auf derselben Stufe, ans der sie zur Zeit der Auswanderung aus Spanien sich befanden. So haben sich ihre Traditionen, ihre Sitten und Gebräuche und ihre Sprache fast unversehrt erhalten, und nur in geringem Maße konnten die fremden Umgebungen irgend einen Einfluß auf sie ausüben. Das hat sich am meisten in der Konservierung des spanischen Idioms gezeigt. Die Juden, die in der ersten Epoche nach der Verbannung lebten, kultivierten noch die spanische Literatur, und daher zeigen auch die damals publizierten Dokumente, Reden. Erzählungen und Legenden rc. eine Reinheit und Schönheit des Ausdrucks, die es jenen Produkten spanisch-jüdischer Geistestätigkeit wohl ermöglichte, in einen rühmlichen Wetteifer mit den besten Werken der spanischen Schriftsteller das XVI. Jahrhundertseinzutreten. Dann aber, unter dem Druck der Verhältnisse, ändert sich das Bild. Der Wortschatz ist nicht mehr derselbe reiche; hebräische, persische, türkische, arabische, französische rc. Worte drängen sich ein, die starren Regeln der Syntax werden nicht mehr in aller Strenge gewahrt, und obwohl die Gebildeteren in einigen Nationen, wie in Südfrankreich, Italien und Holland, die spanische Sprache in ihrer klassischen Reinheit zu erhalten suchten, kam das Idiom im Orient in steten Verfall, und es bildete sich schließlich ein Jargon, eine Art niederer Umgangssprache, die unter dem Namen Ladino (zu Deutsch: das Lateinartige) bekannt und sich nunmehr allerdings bis ans unsere Tage irr jenen alten Formen erhalten hat. Dieses Jüdisch-Spanisch stellt dennoch keineswegs, wie z.. B. auch Max Nordau meint, einen Dialekt niedrigster Art mit höchstens 400 Vokabeln dar; der Wortschatz des Ladino soll vielmehr nach dem spanischjüdischen Gelehrten Nissim de Juda Pardo in Smyrna 10 000 Satzelemente umfassen. Das wird auch erhärtet durch die Tatsache, daß seit dem Beginn der Ansiedlungsepoche der Sesardim im Orient an 400 Werke allein in Jüdisch-Spanisch publiziert wurden, davon einige wissenschaftlichen Charakters, in der Mehrzahl aber exegetischen und religiösen Inhalts. Auch Sammlungen von Romanzen und Sprüchen befinden sich darunter; die sich derart verbreitet haben, daß sie fast in jeder Familie zu finden sind. - . Wir lasen, nebenbei bemerkt, ein Werk neueren Datums in-Jüdisch-Spanisch, eine Uebertragung des Goetheschen Erlkönigs, unter dem Titel „Asmodi" (König der Dämonen), verfaßt von Levi Sadio in Sarajevo (Bosnien), welches eine ganz bedeutende Probe der Reichhaltigkeit des von den Sesardim

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