Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Scheinwerfer des Bürgerschuldirektors hell erleuchtete. Wir wollen die Gefäße, mit denen der Herr Direktor die christlichsoziale Größe, Herrn Hraba, beschüttete, nicht näher betrachten; sie waren, um mit dem vielzitierten Heine zu sprechen, keine „leeren". - Die Gerichtsverhandlung endete mit dem Freispruch des Direktors, d. h. man hielt seine Anschuldigungen für erwiesen. Herr Hraba wurde als. „Patriotischer Heuchler" bezeichnet, und der Vorsitzende des Gerichtshofes mußte zur deutschen Grammatik greifen, um diesen Gallimathias zu erklären. Es soll wahrscheinlich heuchlerischer Patriot heißen. Dem Einsichtigen genüge diese Erklärung. Und wie wurden die menschlichen Tugenden Hrabas gerühmt! Daß er ein Alkoholist sei, wäre noch das wenigste, aber er ist noch viel mehr. Doch genug des Schlammes. Und diese Leute regieren Wien; von diesen Helden der allertraurigsten Gestalt sind Existenzen abhängig, diese setzen sich zum grünen Tisch, diese wollen uns Juden Anstand, Ehrlichkeit, Wahrheit, Patriotismus usw. lehren. Nein, Herr Schönerer, kein „polnischer Jude" will mit diesen Leuten gleichgestellt sein, denn der „polnische Jude" pflegt sich nicht zu betrinken und dann noch coram publico von sich zu geben, was er getrunken hat. Der Jude beleidigt nicht anständige Frauen und nimmt es mit der Keuschheit sehr genau. Wir wollen nicht Hraba und Genossen gleichgestellt werden, die mit Schönerer und Genossen das gleiche Band, das des' Antisemitismus, verknüpft. — Jener Hilsner, von dem jetzt wieder soviel geredet wird, und über den wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde, steht höher als mancher von den Herren, denen wir Inden minderwertig erscheinen. Ein Herr Luksch, er gehört der deutschen Volks-, d. i. verschämten Antisemitenpartei an, meinte im Abgeordnetenhause, eher werde der Mörder Hilsner sreigesprochen werden, ehe man gewisse Ereignisie in Oesterreich erleben wird. Gemach Herr Luksch, ob Hilsner ein Mörder ist, das wird wohl noch ans Tageslicht kvmnien. Mit dem Hilsner scheinen furchtbare Geheimnisse gewaltsam eingekerkert worden zu sein. Der damalige Justizminister wird wohl etwas von der Sache wissen. Es wird auch in dieser schrecklich dunklen Affäre Morgen werden, und es ist über Hilsner auch noch nicht das letzte Wort gesprochen worden. Es verhält sich bei uns schon so: Einem Hraba schadet selbst das Verdikt des Gerichts nichts, einen Hilsner sperrt man für lebenslänglich ein, spricht von Ritualmord und beleidigt durch Hilsner eine ganze Religionsgenossenschaft. Aber die Wahrheit ist auf dem Wege, wie der unsterbliche Zola sagte, kein Schönerer, kein Luksch, kein Lueger und kein Hraba werden sie aufhalten. Vielleicht dämmert es doch, auch bei uns; vielleicht wird durch die neue Wahlreform ein Abgeordnetenhaus geschaffen, in welchem, gleichgültig, ob es Slaven oder Deutsche seien. Vorurteilslose herrschen, Freisinnige, dje das Recht lieben und die Gewalttat hasten, der Wahrheit zum Siege verhelfen und Oesterreich aus dem Sumpfe retten, in den es geraten ist. Diese Absichten waren es wohl, die unsere Regierung beseelten, als sie den neuen Wahlreformentwurf im Reichsrate einbrachte. So, wie jetzt, geht es nicht weiter. Und die Schönererpartei, diese wackeren Volksmänner, wie begrüßen sie den schwachen Dämmerschein am Zukunftshimmel Oesterreichs? Mit Schmähungen, die natürlich auch die Juden nicht in Ruhe ließen. Die Lehren der Weltgeschichte und des Buches Esther aber müßten uns täuschen, wenn sich nicht auch hier bewahrheitet: Amalek kann nicht ewiglich bestehen. Auch Haman mußte untergehen und war mehr als du; dieses Wort, wir möchten es jenen zurufen, denen Gewalttat über Recht geht und Lüge über Wahrheit. . Jwri. Hie MsmMWrUcht PrsM Bon Siegwart Al. Nußbaum-Madrid. ... V. 4n den .Rahmen der spanisch - jüdischen Frage gehöre: zunächst nur jene Juden, die wir allgemein mit den, Namen S esardim bezeichnen. Diese Juden spanischer Ab stammung, die höchstens den fünften Teil des jüdischen Volkes überhaupt darstellen, hat man verschiedentlich gewistermaßen als die Aristokratie der Judenheit insgesamt hinzustellen gesucht. Wir wollen jedoch hier diesen mehr oder minder bedeutenden, wirklich oder nur scheinbar existierenden Unterschied zwischen Sefardim und Aschkenassim schon deshal, ganz außer acht lasten, da er für die Grundbedingungen der spanisch -jüdischen Kampagne, wie sie Pulido angeregt unn weitergeführt hat, gar nicht in Frage kommt. Vielmehr wirres für uns von erheblich größerem Werte sein, ideell in näher Beziehungen zu diesen Sefardim zu treten, die nach Verlau so vieler Jahrhunderte mehr als je die Anteilnahme ihrer Alt-Vaterlandes erregen. Es muß vor allem von größerem Interesse für uns sein zu erfahren, unter welchen Verhältnissen die heutigen Sefardin. leben und wie.sie sich ihrerseits zu der.Aufrollung der spanisch jüdischen Frage stellen. Um so mehr interessiert auch unc gerade der Gedanke Pulidos, seinerseits mit den in der ganzer Welt zerstreuten spanischen Juden in direkte Verbindung zu treten, um sowohl statistisches Material zu sammeln, als auck die hervorragendsten spanisch-jüdischen Männer durch einer lebhaften Briefwechsel gewissermaßen persönlich kennen zr lernen und ihre Ansichten und Meinungen, die sie ihm spon taner Weise kundgaben, zu erfahren. So entstand bald nacl der Herausgabe des ersten Buches des spanischen Senators des schon erwähnten „Los Israelitas Espanoles", eine reg Jnformationskorrespondenz, die ihrem intellektuellen Urhebe: während des Jahres 1904 fast täglich aus allen möglicher Teilen der Welt umfangreiche und höchst interessante Brief schäften und Sendungen einbrachte, Kundgebungen, Berichte Anfragen und Erwiderungen, Dokumente von kulturhistorischen! Werte, die einen großartigen Einblick gaben in die bis datr fast ganz abgeschlossene Welt der Sefardim. Und der Senator verstand es wohl, dieses ungeheur« Material zu sichten und zu bearbeiten. Mit kunstverständige: Hand zog er aus dem Chaos das für seine Zwecke-Verwert bare, sammelte Daten und Zahlen, Meinungen und Tatsäch liches, Hypothesen und Belege und schuf aus all diesen woi ihm wohlgeordneten Elementen ein Ganzes, ein Kunstwer' von unschätzbarem Werte, ein plastisches Zeitbild der spanischen Juden. So entstand im .Juni 1905 das zweite größere Kompendium Pulidos über die spanisch-jüdische Frage: „Espanole sin Patria y la Raza Sefardi" (Spanier ohne Vaterland und die Rasse der Sefardim). Wir wollen vorerst nicht des näheren auf eine Würdigung dieses historisch wertvollen Werkes, eingehen, wir haben es nurdeswegen schon hier zitiert, da wir es im folgenden des öfteren als Quelle benutzt haben. Was geschah mit den Juden, die im Frühling des Jahres 1492. unter dem Druck jenes berüchtigten Dekrets Spaniens Städte und Dörfer verlaffen mußten? Wir vermögen feine vollbefriedigende Antwort auf diese Frage zu geben. Nicht all ihren zahlreichen Spuren , können wir an der Hand der geschichtlichen Aufzeichnungen folgen, aber ein Blick auf die Pulidosch e Karte zeigt uns zur Genüge,