Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 137 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Unterstützung von kleinen Äädtchen und-20 000 Rubel für BogopoL.?as Gouvernement Kiew erhiM zur Unterstützung verschiedener f einerer Städtchen sowie der Orte Dimmer, Dobrianka, Rjeshin und Winitza 33 500 Rubel, während die Stadt Romni allein 102 000 Rubel erhielt. Endlich erhielt noch die Stadt und das Gouvernement . ekaterinoslaw 169 500 Rubel. Weitere 535 000 Rubel dürften noch zur Verteilung gelangen und zwar, vom Odessaer Komitee ausgehend, s:r kleine Städtchen sowie für die Städte Vairamtscha, Kalaraschi i rrd Ismail 130 000 Rubel, im Kreise Jekaterinoslaw für die Städte ''achrnut, Mariupol, Iusowka, Lugautsk und Ober-Dnjeprowsk; / 0 000 Rubel. Das * Moskauer Komitee erhält noch weitere : t5 000 Rubel, davon 50 000 Rubel für Suraji. Das Gouvernement oltawa soll noch 50 000, Krementschug 10 000 und Kiew 200 000 übel erhalten. Damit wäre der unmittelbarsten dringendsten Rot abgeholfen. abei*bleibt den Komitees noch die große Aufgabe, die der Gesamtheit geschlagenen allgemeinen Wunden nach Möglichkeit zu heilen. Als estes Mittel, die Folgen des Krawalles einigermaßen zu mildern, i'urde die Organisation des Kreditwesens erkannt. Für kleine eute sollen eine ganze Reihe von Leih- und Sparkassen errichtet »erden, vondenen jede ein Kapital von 10—15 000Nubel erhalten soll, ür Großkaufleute soll eine Bank begründet werden, welche ihrerseits ei den verschiedenen Banken größere Kredite verschaffen soll. Eine olche Bank soll ein'".Grundkapital von 1000 000 Rubel erhalten und iicm hofft, daß sie Kredit auf 3 Millionen Rubel garantieren wird. Sie Frage, was mit den Waisenkindern werden sott, hat die Konferenz lebhaft beschäftigt. Im ganzen sind noch 1000 Waiseninder zu*versorgen. Die Konferenz hat beschlossen, diese solange in tußland selbst zu unterstützen, bis sie ihre Mündigkeit erlangt haben. Endlich müßten noch nach Ansicht der Konferenz die großen jüdischen Lohltätigkeitsrnstitutionen, deren Einnahmequellen auf Jahre hinaus urch die furchtbaren Krawalle versiegt sind, durch größere Summen unterstützt werden. Da die Errichtung der geplanten Banken 2 Millionen Rubek erschlingen dürste, da ferner die Versorgung der 1000 Waisenkinder ns zu ihrer Volljährigkeit weitere 2 Millionen Rubel kosten dürfte, o werden die im Auslande aufgebrachten Mittel schon längst völlig rschöpft sein, bevor man noch an die Versorgung der jüdischen Vohltätigkeitsinstitutionen wird gehen können. Lrirk aus Lrltrrreich. Anfang März. as wir in unserm vorigen Briefe vorausgesagt haben, ist geschehen, das Chaos ist nun eingekehrt in Ungarn, >as Abgeordnetenhaus ist aufgelöst, ein königlicher Kommissar nit diktatorischer Gewalt ist,'ernannt; es ist gerade so, wie in ien Tagen, an die sich in unserer raschlebenden Zeit wenige rinnern, vor jetzt 45 Jahren, in jenen Tagen, die, allerdings nach blutigen Kriegen und Kämpfen, zu dem Ausgleiche vom Jahre 1867 führten. Soviel steht fest, für den Augenblick ist die ungarische Freiheit geknebelt, und Oesterreich trägt ,ur Bezahlung der Rechnung bei. Es wurde jüngst viel über tue ungarischen Verhältnisse im österreichischen Reichsrat, der ia auch in den letzten, Zügen liegt, gesprochen. Manches aufrichtige oder vielleicht auch nicht ganz aufrichtige „pater pseeavi" ertönte hier, wie es im Munde von Sterbenden so rührend klingt. Jetzt freilich, in diesen letzten Stunden, raffen sie sich auf. und erkennen, daß es nicht regieren heißt, wenn man sich über antisemitische Scherze weidlich unterhält und täglich — freilich nur in effigie — Juden verbrennt. In den letzten Sitzungen des Reichsrats hat Herr Schönerer, der entthronte Ritter, wieder bedenklich stark als Rufer im Streit sich hören kaffen. Die neue Wahlreformvorlage ist dem alten Georg in die Beine gefahren; er und sein Troß zittern für das Mandat der Zukunft. Wittern die Herren Morgenluft? Schönerer meint, in dem neuen Reichsrate werde es nur „Slaven und Juden" geben; er kann ruhig sein, was die Juden anlangt, so ist dafür gesorgt, daß ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen. Schönerer will kein Gleichheitsmann sein, obwohl er sich doch gewiß als Volksmann bezeichnet, aber mit polnischen Juden will er nicht gleichgestellt sein. Drehen wir den Spieß um; fühlte sich nicht vielleicht mancher Jude beleidigt, mit Schönerer gleichgestellt zu werden? — Es muß ja nicht grade ein „Polnischer" sein. Und so gar entfernt von den Juden ist ja auch Ritter- Georg nicht, er erinnere sich an die Ahnen, die in Pohrlitz in Mähren lebten. Nein, wir Juden wollen mit gewissen Herrn nicht gleichgestellt sein. Schönerer ist Raffenantisemit, die Christlich-Sozialen aber sind seine Feinde — und mit wem wäre der Germane aus Rosenau in Oesterreich nicht verfeindet? Warum wir Juden nun mit den Christlich-Sozialen nicht gleichgestellt werden wollen? Wenn wir es nicht schon wüßten, so hätte uns eine kleine Gerichtsverhandlung der letzten Tage, die sich in Wien abspielte, ein blitzartiges Licht geworfen auf die in Wien und Niederösterreich regierende Luegerpartei, und uns gezeigt, was für sonderbare Gesellschaft hier beisammen ist, eine Gesellschaft, die es wagt, für sich den Titel einer Antikorruptionistenpartei in Anspruch zn nehmen, das Judentum zu verlästern und in den Kot zu ziehen. Herr Lueger wandelt soeben an den Gestaden der sonnigen Riviera, er hat eiligst die Flucht ergriffen vor diesen Kotwellen, die in besagter Gerichtsversammlnng aufgehäuft wurden; oder ist er, wie einige sagen, vor der Wahlreformdebatte geflüchtet, die nun in unserem Reichsrate gewaltig die Wogen des politischen Lebens aufrühren wird? Wer kann es sagen? ES ist nicht immer die Gesundheit des „großen Bürgermeisters" der Grund, wenn er, der Mutige, sich tapfer zurückzieht und sein allerwertestes „Ich" nach rückwärts konzentriert. Kehren wir also zu der von Ihrem Wiener Korrespondenten schon kurz erwähnten Gerichtsverhandlung zurück. Der Budgetreferent des Wiener Gemeinderats, wie man leicht denken kann, ein Generalgewaltiger, gleichsam der Generalftabschef Luegers, Hraba heißt der Wackere, und seine Ahnen scheinen nach seinem Namen, ebenso wie die Bielohlaweks, des Percy des Gemeinderates, nicht im Teutoburgerwalde gekämpft zu haben, benamster Hraba also hatte die Unvorsichtigkeit begangen, einen christlichsozialen Bürgerschnldirektor zu verklagen. Man soll bekanntlich nicht mit Steinen um sich werfen, wenn man in einem Glashause sitzt, und nicht in die Sonne gehen, wenn man Butter aus dem Kopse hat. Das sind alltägliche Wahrheiten, vielzitierte Gemeinplätze. Und doch, wie häufig sündigt man gegen diese Wahrheiten aus der Kinderstube! — Der Herr Bürgerschuldirektor also hatte die Protektion jenes Hraba in Anspruch genommen. Warum gehört man auch der christlichsozialen Partei an, wenn man nicht einmal sein anständiges Profitchen, oder, wie die Antisemiten sagen, seinen Rebach, daraus ziehen sollte? Man will weiter kommen, und der Ehrgeiz des Herrn Bürgerschuldirektors ging weiter, er wollte Bezirksschulinspektor werden. Sein Weg führte ihn zu Hraba. Der aber scheint dem Herrn Direktor nicht hold gewesen zu sein, er wird seine Gründe dafür haben, die wir hier des näheren nicht erörtern wollen. Aber, der Mensch denkt und der Bürgerschnldirektor lenkt. Dies sollte Hraba an seinem Leibe erfahren. Man läßt sich mit Bürgerschuldirektoren nicht ein, die von einem gar manches, nicht gerade ehrenvolles, wissen. Der Herr Direktor wußte vieles von Hraba, enthüllte es schonungslos, und der Herr Budgetreferent des Wiener Eemeinderats stand nun in seiner ganzen Gloriole da, welche