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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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— 136 — :' . an den Ernst dieser Beschlüsse glauben, mit Laternen gesucht werden müßten. An der Spitze steht die Entscheidung, „die lokalen Behörden auf die Notwendigkeit strenger Maßnahmen gegen die Aufforderungen zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden aufmerksam zu machen" sowie „alle Urheber solcher Aufforderungen zu versolgen". Der Ministerrat kann also mit obigem Beschluß die „lokalen Behörden" höchstens auffordern, daß sie gegen sich selbst auftreten. Mit diesen löblichen Absichten steht aber in schreiendem Widerspruch eine Broschüre, die den Titel führt: „Aufruf an das russische Volk. Ursachen alles Unglücks in Rußland, Maßregeln zur Aufhebung des Uebels von seiten der Juden", in der Druckerei der Petersburger Stadthauptmannschast gedruckt und von der Buchhandlung der „Nowoje Wremja" verkauft wird. In dieser Broschüre, die an Lügenhaftigkeit, Sinnlosigkeit und Schamlosigkeit alles übertrifft, was in dieser Beziehung geschrieben worden ist, wird ausgeführt, daß die Juden der ganzen Welt, die Neider Rußlands, die Armenier sowie Deutschland und England einen Bund geschlossen hätten, um Rußland in kleine Staaten zu teilen und diese den Feinden des russischen Volkes zu geben, dem Bauern sein Land zu nehmen und ihn selbst zum Sklaven der Juden zu machen, die Popen ihrer Weihen zu entkleiden und die griechischorthodoxen Kirchen zu jüdischen — Schweineställen zu machen. Wenn man bedenkt, daß diese nichtswürdige Broschüre den Vermerk: „Erlaubt von der Zensur" trägt, dann kann man sich leicht eine Vorstellung machen, wie der einfache Mann zu der Ansicht kommen kann, daß er es mit von den Behörden gebilligten Auslassungen zu tun habe. Die Juden, heißt es da ferner, haben den Japanern geholfen, die Unruhen in Rußland veranlaßt usw. „Sobald nur diese Christusverkäufer bei euch erscheinen, zerfleischt und tötet sie, damit sie keine Lust mehr haben, zu euch zu kommen. Sofort sollen die ehrlichen russischen Leute, welche Rußland lieben, sich beim Kaiser darum bemühen, damit er so schnell als möglich vom Präsidentenposten verjage den Hauptfeind des russischen Volkes und Hanptmithelser der Juden, samt seiner jüdischen Frau." Ebenso roh wie diese Auslassung sind die Maßregeln, welche zur Bekämpfungder Juden vorgeschlagen werden: Uebersiedelung aller Juden aus allen Städten und Landbezirken des europäischen und asiatischen Rußland in den Rayon binnen 1 bis 5 Jahren; Schließung aller jüdischen Schulen; den Juden das Recht zum Besuche der höheren Lehranstalten zu nehmen; Ausschließung der Juden vom Kriegsdienste und Entrichtung einer besonderen Steuer für jeden wehrpflichtigen Juden; Erlaubnis zur Ansiedelung von Juden mit Familien im Kreise Werchojansk (nördliches Sibirien) unter kostenloser Ueberlassung von 15 Dessjätinen für jede Person; Aenderung aller von Juden angenommenen russischen und fremden Namen in jüdische, unter Androhung von 300 Rubel Strafe, falls dieser Befehl nicht ausgeführt wird; alle Ländereien der Juden zu verkaufen; den Juden zu verbieten, Theater zu besuchen; den Bevölkerungen der Städte und Dörfer das Recht zu gewähren, Juden anzusiedeln, schließlich nur den Enkeln von Inden, die Christen geworden sind, volle Bürgerrechte zu gewähren. Die russische Petersburger „Börsen Ztg." bemerkt spöttisch, es werde dem Stadthauptmann nach den Erklärungen der Regierung nichts anderes übrig bleiben, als die Druckerei der Stadthauptmannschaft zu schließen, Natürlich kann eine solche Veröffentlichung, noch dazu am Sitze der Regierung selbst, nur dazu beitragen, das Mißtrauen gegen diese zu verstärken. Keinesfalls aber wird dasselbe etwa durch das folgende Dementi verringert, das von Petersburg ans in die Welt geschickt wurde: Petersburg , 17. März^- In einer Rede, die Lord Rothfchil in Chatham gegen die Verweigerung des Asylrechts ausländische, politischen Flüchtlingen gegenüber gehalten hat, behauptete n Beweise dafür zu haben, daß in England nicht ausgenommen, russische Flüchtlinge sofort nach ihrer Rückkehr nach Rußland an de Grenz« erschossen worden wären. Die Petersburger Telegraphen agentur ist amtlich ermächtigt, gegen diese Behauptung in der tat, gorischsten Weise zu protestieren und sie sür positiv unwahr z, erklären. Dazu ist zu bemerken: Zunächst hat nicht Lord Rothschild sondern Sir Walter Rothschild eine Rede gehalten. Zweitens hat dieser nicht im allgemeinen, sondern nur von einzelnen Fällen, die vorgekommen sind, gesprochen. Drittens glauben wir,, uni mit uns alle urteilsfähigen 'Leute, Sir Walter Rothschild okpe weiteres mehr als den russischen Behörden. Vor kurzem fand in Petersburg eine Konferenz alleprovinziellen Hilfskomitees zugunsten der Opfer der Juden krawalle in Rußland statt, an der 30 Delegierte aus ver schiedenen von Krawallen betroffenen Genreinden teilnahmen und die zwei Wochen lang währte. - Die ökonomische Lage der Juden in Süd- und Südwestrußland wo die Krawalle am schwersten gewütet haben, hat sich im hohen Grade verschlechtert. Nicht nur sind zahlreiche wohlhabende Juden über Nacht zu Bettlern geworden, sondern es haben viele den Red ihrer Habe zusammengerafft und sich damit ins Ausland gefluchte! Das Ergebnis ist, daß Handel und Wandel schwer darniederliege!, und die arbeitswilligen Juden ohne Brot bleiben. Der Umfang de- Schadens konnte bis jetzt nur in vier Gouvernenlents, solvie in der Stadt Rostow a. Don genauer festgeftellt werden, wo im ganze,, 23 000 Familien von den Kraivallen schwer betroffen wurden. Davor, wohnen in den Gouvernements Tschernigoiv 6500, Poltawa 400« Jekaterinoslaw 5000, Kiew 6000 und in der Stadt Rostow a. Don 1500. Die Einnahmen des Komitees beliefen sich bis Ende Febrnar auf 47$ Millionen Rubel, von denen 3 Millionen Rubel aus den Auslande kamen, während l1/., Millionen Rubel in Rußland selb>i aufgebracht worden sind. An der Spitze der russischen Sammlungen steht Kiew, welches nicht weniger als 400 000 Rubel aufgebracht har Ihm folgten Odessa mit 200 000, Moskau mit 140 000 und Petersbur g und Rostow n. Don mit je 120 000 Rubel. Beträge unter 100 0V > Rubel brachten zusammen die Städte Jekaterinoslaw mit 60 00' , Nikolajew mit 52 740, Warschau mit 50 000, Elisabethgrad mit 40 vl, und Krementschug mit 33 000 Rubel. Auch kleinere Gemeinden habe > sich zum Teil an den Sammlungen lebhaft beteiligt. So brach c Cherson 26 000, Kischinew 19 000, Romni 18 900, Balta 15 000 u, ' Rjeshin und Korolewetz je 8000 Rubel. Da, als die KoniMisfion i > Rußland weilte, die Sammlungen nur 778 000 Rubel erbracht habe io hat Rußland inzwischen eifrig weiter gesammelt und ansehnlic!: Resultate erzielt. Dazu komme» noch die enormen Sammlungen, d von Privatpersonen sofort nach Bekanntwerden der Krawalle allerort veranstaltet wurden und deren Ergebnis, weil die Gaben unmittelbcr unter die Notleidenden verteilt wurden, niemals zur öffentliche! Kenntnis gelangen dürften. Aber selbst abgesehen von diese i unkontrollierbaren Sammlungen hat Rußland nicht weniger ai-> ä1li Millionen Mark ausgebracht, eine Summe, die nur noch von den Be' einigten Staaten von Nordamerika übertroffen wurde. Ein solche Ergebnis ist um so bewunderungswerter, als die ökonomische Lne | der russischen Juden sich infolge der Krawalle sehr verschlechtert ha Ausgegeben resp. zur Ausgabe bereitgestellt wurden bishe! 3 060 000 Rubel. Davon wurden verteilt 511 900 Rubel, bevor M Kommission unter Führung des Dr. Nathan in Rußland erschiene , war. Letztere hat im ganzen 1 588190 Rubel bewilligt, und zwcr für Odessa 624 500, Kiew 310 600, das Moskauer Komitee 237 00 ,1 Krementschug 120 000, Rostow a. Don und Poltawa je 10000 ( Elisabethgrad 85 900, Hoinel 6000 und Cherson 5000 Rubel. Nachde! die Kommission Rußland verlassen hatte, sind noch weitere 375 0(||| Rubel bewilligt resp. verteilt worden. Davon erhielt Odessa 30 0(01 Rubel zur Errichtung einer Kreditgenossenschaft, 20 000 Rudel z"!

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