Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228703--62478-3289626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. u ch Resovmgernemden neben den orthodoxeil 'Gemeinden l ilöen!- Es ist mehr als bedauerlich, daß an den Stellen, l io man über die protestantischen und-katholischen Verhältnisse §.mau orientiert ist, eine solche Unkenntnis der jüdischen Verl ittuiffe herrscht. . * Zu den neuen Adelsverleihungen bringt die „Kölnische olkszeitung", das führende Organ des Zentrums, die folmden bemerkenswerten Ausführungen eines „christlichen ' esers": „Eine Aeußerung dev Deutsch-sozialen Blätter zu den neuen Adelserleihungen, welche die „Kreuzzeitnng" nachdruckte, erwägt die Ohnmacht des Fürstenwillens gegen den Volksinstinkt, spricht von einer berflüssigen Verletzung des deutschen Volksempfindens, einem Zwie- ^alte, der zum Unheile des Fürsten ausschlagen müsse, und reist üblich durch den Industriestaat, vom Bauernadel oder Geistesadel — .'ll das gleichbedeutend sein? — in den Geldadel, aus der Monarchie i die Republik. Das ist sehr viel erwogen auf einmal! Wie wär's mm, wenn man bei uns dem Namenadel überhaupt nicht so viel edeutung beilegte? Wie Bürgerliche über den Wert des Adels oft nken, das beweisen die oft vorgekomnrenen Ablehnungen. Kennt ber der Kaiser die kürzlich Geadelten als Männer von hoher esinnung und ragen sie geistig hervor, so hat er wohl mit Recht iese Merkmale geadelt, und es kommt nicht daraus an, ob er sie bei mden fand. Bisher suchte ich in den Zeitungen vergeblich danach, b jemand vom alten Adel das vom Kaiser auf seinem Gute Cadinen gegebene schöne Beispiel der Fürsorge nachgeahmt hätte. Dagegen rzählte mir ein evangelischer Pfarrer, der in einer Großstadt Gaben ur ein Waisenhaus sammelte und annähernd 20 000 Mark zufanrmenvrachte, volle drei Viertel der Summe seien ihm von Juden übergeben worden. Dieser evangelische Pfarrer rühmte überhaupt die Freigebigkeit und Mildtätigkeit der Juden. Es kommt wirklich nicht darauf an, ob jemand eine lange, eine dicke oder eine krumme Nase hat. Der Adel muß in der Seele wurzeln. Hoffentlich haben wir unter Christen und Juden in unserrn weiten Reiche noch viele Adelige, ^ie ihre Namen ohne „von" schreiben." * Im englischen Unterhause geht man der Fremdenbill charf zu Leibe. Der Staatssekretär des Innern Herbert Gladrone erklärte, er werbe darauf achten, daß dieses Gesetz in 'ernünftiger und menschlicher Weise zur Anwendung gelange, bemerkenswert ist, daß die meisten der von den Hafenbeamten urückgewiesenen Ausländer Juden sind, die nach ihrer Landung rls mittellos nicht den staatlichen Armenbehörden Englands nr Last fallen würden, da die jüdische Armenbehörde aus Irivatmitteln für solche Leute sorgt. Die Handhabung dieses Gesetzes kostet eine weit größere Summe, als die halbe Million stark. die für die Verköstigung der ausländischen Armen ahrlich in englischen Armenhäusern ausgegeben wird. Letzten Sonnabend hat Herbert.L. Samuel, der unter Herbert Gladstvne Untersekretär im Home Office ist, in der Versammlung des „Makkabäer-Klubs" eine Rede gehalten, in der er seine Abneigung gegen das Gesetz nicht verhehlte und dessen Handhabung keineswegs zu verteidigen suchte. Der „Aliens Act" war eine Ausgeburt der Fremdenhetze, die von den Schutzzöllnern unter Josef Ehamberlains Leitung künstlich betrieben wurde, um für Kampf- und Schutzzölle unter den Arbeitern und Kteinkrämern Stimmung zu machen. Die erbärmliche Freindenhetze hat ihr Ziel verfehlt. Daß die englischen Arbeiter keine Angst haben vor den hier landenden Ausländern, darf man wohl aus dem Umstand schließen, daß ein hervorragendes Mitglied der Arbeiterpartei den Antrag auf sofortige Abänderung des „Aliens Act", stellte. Die Regierung hat nunmehr Anordnungen getroffen, durch welchedie. Handhabung des Fremdengesehes sehr gemildert werden soll. Nach der Ansicht des eigentlichen Urhebers des Gesetzes, Sir W. Evans Gordon, find diese neuen Anordnungen derart, daß das Fremdengesetz selbst dadurch ganz außer Kraft kommt und eine unnütze Farce und Geldverschwendung vermieden wird. Er hat vielleicht nicht Unrecht, denn die Wirksamkeit dieses Gesetzes war bisher schon zweifelhaft genug. Nach den neuen Anordnungen sollen nur solche Schiffe als Einwandererschiffe gelten, welche mindestens 20 (bisher 12) Zwischendeckspassagiere an Bord haben. Die Schiffskapitäne und die Einwanderer selbst brauchen also künftig nur dafür zu sorgen, daß nicht mehr als 20 Einwanderer an Bord sind, und sie werden von keiner Kommission behelligt. Außerdem werden feit kurzem bei allen Sitzungen von Einwanderungskommissionen Vertreter der Presse zugelassen, es spielen sich also alle Verhandlungen öffentlich ab, und überdies hat Herbert Gladstone den Kommissionen in einem Zirkulare Mitteilen lassen, daß das Parlament nie daran gedacht habe, bei Anwendung des Gesetzes Härte obwalten zu lassen. Ferner sind Zettel gedruckt worden, auf denen in verschiedenen Sprachen mitgeteilt ist, daß der Einwanderer das Recht hat, gegen die Entscheidungen der Kommission zu appellieren; ein solcher Zettel wird jedem zurückgewiesenen Einwanderer in die Hand gegeben. Besondere Rücksicht soll mit solchen geübt werden, die, wie das Zirkular schonend sagt, „aus unruhigen Gegenden des Kontinentes" kommen, d. h. aus Rußland. Ihnen soll, wenn sie, ohne es beweisen zu können, behaupten, die Opfer politischer oder religiöser Verfolgung zu sein, die Rechtswohltat des Zweifels zugute kommen, d. h. es soll ihnen dies auch ohne Beweis geglaubt werden und sie sollen als politische Flüchtlinge in England ihr Asyl finden. Hiernach kann also künftig kein jüdischer Einwanderer aus Rußland mehr äbgewiesen werden. Die russische Regierung hat plötzlich ihr judenfreundliches Herz entdeckt. Sie geht mit großer Entschiedenheit gegen die Judenhetzer und — für die neue Anleihe vor! Denn das ist des Pudels Kern! Sonst wären die halbamtlichen Petersburger Telegramme vom 13. und 14. d. M. wohl geeignet, erstauntes und ungläubiges Kopfschütteln zu erregen. In dem einen heißt es: Der Ministerrat beschloß gestern, die lokalen Behörden auf die Notwendigkeit strenger Maßnahmen gegen die Anffordernngen zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden, welche die niedere Bevölkerung erregen, aufmerksam zu machen. Der Ministcrrat beschloß ferner, alle Urheber solcher Aufforderungen zu verfolgen und ermächtigte den Minister des Innern, eine Untersuchung der Vorgänge in Homel anzuordnen und diejenigen Personen strafrechtlich zu verfolgen, denen Untätigkeit in der Unterdrückung der Unruhen zur Last sällt. Und am folgenden Tage: Der Ministerrat beauftragte deu Minister des Innern, seine besondere Aufmerksamkeit den Umständen znzntvenden, die aus die Möglichkeit antiseniitischer Unruhen hindeuten, damit solchen rechtzeitig entgegengetreten tverden könne. Der Minister soll den General - gouverneuren und Gouverneuren die Ergreifung von Maßnahmen zur Verhinderung von Massenausschreitungen gegen die Juden vorschreiben, ihnen überhaupt ihre Pflicht in Erinnerung bringen^ für die öffentliche Sicherheit und Ruhe und die Unantastbarkeit des Lebens und des Eigentums der Privatpersonen Sorge zu tragen. Außerdem wurde der Minister des Innern beauftragt, anzuordnen, daß bei der Anwendung der hinsichtlich der Inden bestehenden Ausnahmebestimmungen keine neuen, direkt aus dem Gesetz abgeleiteten Beschränkungen zugelassen werden. Der Ministerrat hat in Wirklichkeit eine ganze Anzahl trefflicher Beschlüsse gefaßt — mir schade, daß die Leute, die