Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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wird noch heute,.wie früher, gewühlt. HamA ist noch im Januar auSgeplündert worden. Ein Hetzaufruf, der Ln schärfster Weise gegen die Fuden wühlt, ist von der Zensur in Odessa genehmigt und in der dortigen Druckerei des Generalstabes gedruckt worden. (Bewegung.) Er liegt mir vor. Man muß die Zukunft als düster betrachten. Die Revolution wird ihren chronischen Charakter noch lange behalten. Attentate und Streiks werden kommen. Eine Agrarrevolution steht in Aussicht, gegen die die bisherigen agrarischen Unruhen ein Kinderspiel gewesen sein dürsten. Eine offizielle Intervention der europäischen Staaten ist unmöglich, aber Rußlands Finanzen hängen ab von der öffentlichen Meinung der Well. Nun ist es moralisch verwerflich, einer solchen Regierung mit Geld beizuspringen (Lebhafter Beifall), aber es ist auch unklug vom finanziellen Standpunkt aus^ Der Schein einer Volksvertretung darf darüber nicht täuschendaß die Zersetzung in Rußland noch immer weitere Fortschritte macht. Und eine Regierung, die in ihrem eigenen Lande nur durch Verbrechen und durch die Entfesselung jeder Niedertracht sich am Ruder zu erhalten vermag, muß von der öffentlichen Meinung der Welt boykottiert werden, bis Zustände geschaffen sind, die es allen Russen und auch den Juden gestatten, als Menschen und als gute Reichsbürger in ihrem Baterlande zu leben. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Landtagsabgeordneter Justizral Cassel: Sachlich habe ich den Aussührungen des Vorredners nichts hinzuzufügen. Ich will nur den Empfindungen Ausdruck geben, die uns ergreifen müssen, wenn wir Dinge geschehen sehen, die wir für unmöglich gehalten hätten. In einer Zeit der Freiheit und Toleranz sind die Geister des Hasses und der Zwietracht wieder frei geworden. Der Vergle ch mit den schaudervollen Taten des Mittelalters liegt nahk Die russischen Bluttaten gehen aber über die des Mittelalters noch hinaus, der Staat schritt im Mittelalter doch ein, irr Rußland aber geschehen Mord, Brand, Plünderung und Schändung gegen Juden und gegen zahlreiche andere Bevölkerungsschichten im Namen desjenigen, der von Gottes Gnaden das Reich und die Regierung führt. (Lebhafte Pfuirufe.) Eine größere Entheiligung des göttlichen Namens ist wohl noch nie geschehen. (Lebhafte Zustimmung ) Heinrich Heines Novellenfragment „Der Rabbi von Bacharach" schildert, wie durch Wahn und blutige Verfolgung in ferner Vergangenheit entsetzliche Greuel entstanden. Und jetzt werden diese Schilderungen vor unfern Augen zur Wirklichkeit. Wir wollen uns aber bewußt sein, daß auch von hier aus die Saat des Hasses ins russische Reich einmal hinübergesprungen ist; mit den Hetzreden in Deutschland,. die immer noch Vorkommen, sind die Hetzausrufe in Rußland in Vergleich zu stellen. Auch byr uns ist noch manches im argen. Wir müssen unsere Kultur mehr und mehr heben, damit auch ein Reflex hinüber geworfen wird nach jenem unglücklichen Reiche. (Beifall.) Wir müssen hoffen, es werden die Verbrechen in Rußland schließlich doch ihre Sühne finden. (Lebhafter Beifall.) Und die daran schuld, die werden hier oder dort ihren Richter finden. (Beifall.) Deutschland freilich kann nicht einschreiten, aber helfen muffen wir privatim nach Möglichkeit, und wenn wir auch nicht alles Elend beheben können, so wollen wir doch dort es lindern, wo wir können. (Beifall.) Hätte der Verein nicht feit Jahren eine Organisation geschaffen, dann wäre nicht so viel erreicht worden, wie nunmehr erzielt ist. Wir wollen die Seelen der russischen Juden von dem Drucke der Verzweiflung lösen, indem wir es aussprechendaß wir hilfsbereit, so weit wir können^ bleiben. Wir werden sie in Not und Elend nimmer verlassen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Damit schloß die Versammlung. s. Berlin, 9 März. In der am 4. d. M. im Sitzungssaäle der Repräsentanten- Versammlung stättgehabten Sitzung des Komitees für die 200 Jahrfeier der Krankenpflege der jüdischen Gemeinde wurde beschlossen, am 1. April d. I. in der Neuen Synagoge einen Dank- und Festgottesdienst zu veranstalten. Die Festpredigt hat Herr Rabbiner Professor Dr. Maybanm übernommen und soll die Teilnahme weitesten Kreisen unserer Gemeindemitglieder tunlichst ermöglicht werden. -—Alsdann wurde ein Aufruf seitgeftellt, welcher zunächst an die wohlhabenden Kreise zu dem Zweck gerichtet werden soll, durch größere Bettstiftungen Mittel zur Errichtung einer ghnäkologischen Abteilung nebst Ent-' bin dungSanstalt im Anschluß an das neu zu erbauende Krankenhaus zu beschaffen. Meldungen zu Plätzen für den Fest- I ''gyttesdienU können an das Komitee im' Krankerchause Auguststraße 14/1H gerichtet werden. Berlin, 10. März. Der vierte Rechenschaftsbericht < des Vereins „Jüdische Arbeiter^olonie in Weißensee" ist soeben erschienen. Er widmet den Heimgegangenen Vorstandsmitgliedern Justizrat Hermann Stern und Bankier Martin Simon Worte herzlichen Gedenkens' und gibt eine Erklärung des trotz aller Popularität des Instituts in finanzieller Beziehung ungünstigen Jähresabschlnsses. Recht günstig ist dagegen der Abschluß, wenn man die der Arbeiterkolonie gestellte Aufgabe ins Auge saßt. Im letzten Jahre sind 453 Leute neu ausgenommen worden. Seit dem Bestehen hat die Kolonie 1386 Insassen beherbergt. Sehr groß ist die Zahl früherer Kolonisten, die dauernd za einer anständigen Lebensstellung gelangt sind. Der Gesundheitszustand in der Kolonie ist ein günstiger geblieben. An Gelegenheit zu geistiger Aufrichtung, deren moralischer Wert nicht hoch genug veranschlagt werden kann, hat es niemals gefehlt. Der aus den 18. d. M. anberaumten MitgUederversammlung liegt ein den praktischen Verhältnissen angepaßter Entwurf zur Verbesserung der Statuten vor. Vermehrung der Jahresbeiträge des Vereins wie auch Unterstützung der Kolonisten durch Zuwendung von gebrauchten Kleidern bleibt erwünscht. s. Berlin, 8 März. Der zweite von den angekündigten vier jüdischen Vortragsabenden fand am Mittwoch statt und war dem Heiligen Land gewidmet. Herr Dr. Heinrich Löwe, der von dem Komitee gewonnen war, ist wie kein anderer für diesen Vortrag geeignet, da er Palästina wiederholt besucht hat und ein genauer Kenner des Landes ist In seinem fast zweistündigen Referate verstand er es. die Zuhörer ungemein zu fesseln. Der Vortragende begann mit einer kurzen historischen Einleitung und schilderte dann in ausführlicher Weise die heutigen Zustände in Palästina, wobei eine Reihe der belehrendsten Bilder des Lebens und Schaffens unserer Brüder zur Vorführung gelangte. Man hatte bisher wohl kaum Gelegenheit, eine derartige große Auswahl in interessanter Zusammenstellung zu sehen. Wir erwähnen Jaffa, Jerusalem und die althebräischen Denkmäler Damaskus, Liberias. den Jordan und die jüdischen Kolonien. Das Publikum folgte den Darbietungen mit lebhaftem Interesse und zollte dem Vortragenden zum Schluffe großen Beifall. 1. Schwedt ($4 £>♦, 8. März. Eine unter dem Protektorate unseres Rabbiners Herrn Dr. Holzer von Frau Margarete Meinhardt und mehreren Damen und Herren am 4. d. M. veranstaltete Wohltätigkeitsvorstellung zugunsten der Waisenkinder der ermordeten jüdischen Glaubensgenossen in Rußland hat einen namhaften Reinertrag ergeben. Es verdient dies als ein rühmliches Zeugnis der Opferfreudigkeit um so mehr hervorgehoben zu .werden, als bereits hier schon vordem eine Sammlung zugunsten der russischen Juden veranstaltet worden war, die den für unsere Verhältnisse sehr ansehnlichen Betrag von über 400 Mark gebracht hat. — Ein weiteres der Mitteilung nicht unwertes erfreuliches Vorkommnis in hiesiger Gemeinde ist die Tatsache, daß dev hiesige streng konservative christliche Beamtenverein auch unsere beiden Beamten, Rabbiner Dr Holzer und Kantor Meisel, auf das freundlichste zum Beitritt aüfgefordert hat. Bei dem zu Ehren der Doppelhochzeitsfeier im Kaiserhause veranstalteten Vereinskommers hielt Dr. Holzer eine mit so großem allgemeinen Beifall aufgenommene Rede, daß, obwohl außer ihm noch mehrere Pastoren und Professoren gesprochen hatten, dennoch von inoffiziellen Rednern nur er allein in dem Bericht der hiesigen konservativen „Schwedter Zeitung" rühmlich erwähnt wird. n. Breslau, 2. März. Am Montag, den 19. v. M., hielt die hiesige Ortsgruppe des „Zentrcklvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glau bens" im großen Saale der Lesstngloge ihre Generalversammlung, ab. Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles — der Vorstand wurde wiedergewählt — hielt Dr. Loewh- Bertin einen Vortrag über „den Judenhaß und seine Folgen." Der Redner beleuchtete eingehend die guten und schlechten Folgen des Judenhasses besonders in bezug auf die deutschen Inden. Reicher Beifall der sehr gut besuchten Versammlung lohnte seine Ausführungen. Darauf trat eine Pause ein, in der Herr Schlesinger,der Schatzmeister des Vereins, zu recht zahlreichem Beitritt aufforderte. Danach eröffnete der Vorsitzende Dr. Reich die Diskussion und ergriff zuerst