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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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70. Jahrgang. - No. 11. i ■ Berlin, 16. März 1906. Dellsge zur „Allgrmeinru Leitung deK Judentums". korrrlponLm?rn und Aschrichten. Deutschland. S£2 Berlin, 12. März. Der Hilfsverein der Deutschen Inden hielt am 11. d. M: in der Viktoriabrauerei seine Generalversammlung ab, die sehr gut besucht war. Den Geschäftsbericht erstattete der Vorsitzende des Vereins, Herr James Simon. Er wies darauf hin, daß das verflossene Jahr durch traurige Ereignisse mannigfacher Art eine große Kraftan spannung des Vereins erforderte. Gerade die Bewältigung dieser Schwierigkeiten zeigt aber, daß der Hilfsverein in der Reihe jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen eine klaffende Lücke ausgefüllt hat. Er ist ein vollgültiges und vollwertiges Glied dieser gemeinnützigen Organisationen geworden. Das Interesse für ihn ist ständig im Wachsen begriffen. Das beweist am besten die Tatsache, daß die Zahl seiner Mitglieder bereits die Zahl von 9500 überschritten hat. In Posen und Oppeln und einer sehrgroßen Anzahl weiterer Städte sind neue Lokalkomitees gegründet worden. Der Vorsitzende erstattet dann Bericht über die Tätigkeit des Vereins im Auslande. Galizien, Rumänien und Bulgarien bieten noch immer weite Arbeitsfelder, wo der Verein besonders auf dem Gebiete der Jugenderziehung erfolgreich tätig ist. In den Donanländern und der Türkei wird deutsche Bildung, wo die Gemeinden es wünschen, auf diese Weise durch den Verein verbreitet. Am ausgedehntesten arbeitet der Verein in dieser Beziehung in Palästina, wo in Jerusalem ein deutsches Lehrerseminar begründet wurde. Ein trauriges Bild zeigen die russischen Angelegenheiten. Das Zentralbureau für Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins, ebenso die Schutzkomitees an den Grenzen, wirken äußerst erfolgreich. Tausende von Auswanderern sind durch dasselbe mit Rat und Tat unterstützt worden,, so daß insbesondere auch jede Ansammlung von Durchwanderern in Deutschland vermieden worden ist. Es hat sich bald herausgestellt, daß diese Organisationen fast unentbehrlich geworden sind. Russische Gemeinden, die durch Mißernten, Feuersbrünste, Exzesse gelitten halten, mußten im Laufe des Jahres zahlreich unterstützt werden. Die Greueltaten im November veranlaßten dann Christen und Juden, gemeinsam aus Menschenliebe für die russischen Gemeinden in großem Maßstabe einzutreten. Für die Waisen und Witwen der Verunglückten wird noch Sorge getragen werden müssen. Ueber die Kassenverhältnifse referierte Dr. Cllstätter. Danach wurden für Schulen und andere gemeinnützige Anstalten rund 50000 Mark ausgegeben, während für die Unterstützung der durch die Progrome geschädigten Juden und Christen in Rußland zwei Millionen Verwendung fanden. Im Anschluß an diese Ausführungen wies der Vorsitzende darauf hin, daß die Verhältnisse in Rußland noch immer nicht geregelt sind, daß die Greuelszenen sich jeden Tag erneuern können, so daß immer wieder an den Wohltätigkeitssinn appelliert werden müsse. In der sich anschließenden öffentlichen Versammlung ergriff zunächst Herr James Simon das Wort. Zwei Dramen, führte er . aus, haben sich in. den letzten Monaten vor unseren Augen abgespielt, der russisch - japanische Krieg und dann die russische Revolution. Dieses traurige und blutige Drama spielt sich noch weiter ab. Deutschland hat natürlich das regste Interesse an den Geschehnissen in Rußland. Daher trat von verschiedenen Seiten die Bitte an den Hilfsverein heran, daß eine öffentliche Besprechung der russischen Ereignisse herbeigeführt werden möge. Herr Dr. Nathan und Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel werden sich dieser Ausgabe unterziehen. Dr. Nathan berichtet über die Lage in Rußland: Wir müssen darauf vorbereitet bleiben, führte er aus, daß neue Greueltaten sich ereignen mit all ihren Folgeerscheinungen. Das akute Stadium der Revolution beginnt, das wird ein künftiger Historiker voraussichtlich sagen, mit der Ermordung Plehwes. Damals lag eine dumpfe Schwüle über dem Lande, kein Funken von Patriotismus, kein Enthusiasmus für den Krieg. Man erwartete -- —-«t-----;-— von den Japanern vielmehr die Befreiung und selbst in patriotischen maßvollen, echt russischen Kreisen. Im November 1904 fand dann der erste Semstwokongreß statt. Die maßvollen Beschlüsse dieser Versammlung nannte der Zar „frech". In Petersburg ließ mau dann die Bewegung langsam anschwellen. Das ist System bei der russischen Regierung. Man sucht nicht die Verhältnisse zu verbessern, sondern knallt alsdann die unzusriedenen Massen nieder. Nach der Ermordung des Großfürsten Sergius dachte man an eine Reorganisation der Regierung; der Zar gab das vage Versprechen einer Verfassung. Im Juli folgte ein neuer Semstwokongreß, den der Zar jetzt wiederum als eine Versammlung von „Schwätzern" bezeichnete. Der Bulhginsche Entwurf, das Oktobermanifest, die Dezember-Konstitution ersolgten, und jetzt vor wenigen Tageu sind die Wahlen ausgeschrieben worden. Die Verfassungsentwürfe sind aber nach der heutigen Lage nur gedrucktes Papier. Die Wahlen zum russischen Reichsparlament werden so gut wie bedeutungslos sein. Denn sie finden unter einem Ausnahmezustände statt. (Sehr richtig.) Sie sind nur darauf berechnet, das Ausland zu täuschen. In Rußland gibt sich niemand einer Täuschung hin/ (Lebhafte Zustimmung.) Man"will nur Rußland erneut die Möglichkeit geben, aus dem Westen Geld nach dem Osten herüberzuziehen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Lage der Juden ist in Rußland eine entsetzliche. Es gibt etwa 6 Millionen Juden in Rußland, ,die in einem Rayon eingepfercht sind. Rußland bringt diese 6 Millionen in ein Verhältnis, daß sie weder zu leben noch zu sterben vermögen. Freilich, es geht der Gesamtheit der Bevölkerung nicht allzuviel besser unter dieser korrupten Beamtenherrschast. - Zwei Möglichkeiten gibt es für einen Staat, Elemente sich zu assimilieren. Man kann durch die Höhe und Stärke der eigenen Kultur die Elemente fremder Kultur allmählich aufsaugen. Die russische Regierung ist für solche Assimrlationstätigkeit natürlich unfähig. Sie hetzt die einzelnen Völker, wie Letten und Deutsche, Armenier und Tartaren, gegen einander oder sie nimmt das Henkersamt den Juden gegenüber selbst in die Hand. Nach Kischinew und Homel trat in Rußland eine Fortsetzung der Massenabschlachtungen ein und zwar unmittelbar nach dem Manifest des Zaren. Seit dem frühesten Mittelalter ist ähnliches nicht erlebt worden. (Zustimmung.) In, 400 Städten, Ortschaften, brach die systematisch aufgehetzte Hefe des Volkes gegen die Juden los, und so oft die Juden sich wehrten, rückte die Polizei an und schützte den Mob. (Lebhaftes Pfui.) Spontan war diese Bewegung nicht. Es lag eine organisierte Abschlachtung einer ganzen Bevölkerungsschicht vor. Es war System. Nach diesen Ereignissen mußten wir mit einer Hilfsaktion einsetzen. Mir gingen nach Rußland und setzten in den einzelnen großen Zentren Komitees ein. Wir teilten die Bevölkerung in Großkaufleute, mittlere Kaufleute und Arbeiter, und setzten Pauschale aus. Die Gelder sind natürlich zu politischen Zwecken niemals verwendet worden, sondern gemäß den Absichten der Geber ausschließlich im humanitären Sinne. Und wir haben nicht nur unsere eigenen Glaubensgenossen unterstützt, sondern auch alle Christen, die durch die Progrome gelitten haben. (Beifall.) Schwerlich ist von privater Seite eine ähnliche Hilfsaktion schon eingeleitel worden. Ueber sechs Millionen Mark sind bereits zur Verwendung gelangt. Nur wenn die gesamte Lage in Rußland sich ändert, wird auch das Schicksal der Juden ein menschlicheres werden. Aber das was geschehen ist, kann doch nur wenig lindern. Alle diese Millionen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. (Sehr richtig!) Der prominente Mann in Rußland ist in diesem Augenblick Graf Witte, er will die Judenfrage, wie er dem Redner in einer Unterredung sagte, pur rnoreeau lösen. Die Lösung, die bisher geübt wird, besteht darin, daß man die Juden pur moreeau massakriert, hier hundert, dort ein paar hundert. Graf Witte hat neuerdings wiederholt liberale Aeußerungen getan, aber immer reaktionär gehandelt. Und der Minister des Innern hat kürzlich einer Deputation erklärt, er werde/ Exzesse mit starker Hand Niederhalten. Aber in den Gouvernements

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