Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Herz und Geist, seine gerechte Natur, sträubten sich gegen dies« unschöne Lösung. , .. . . Und was sollte , aus dem kleinen, Han st werden, aus dem Kinde, an welchem er mit jeder Faser seines Herzens hing? Und Rosa sollte er verlassen? Rosa, die Gefährtin seines Strebens, die Genossin seiner werktätigen Menschenliebe, das holde Wesen, das —- — ■ — — — — Er konnte diesen' Gedanken nicht weiterspinnen, denn plötzlich klopfte es schüchtern an der Tür. „Das ist Rosa!" und er lief ihr freudig entgegen. Rosa Herz war ein mittelgroßes Mädchen mit kastaniensarbenem Haar, das sie einfach gescheitelt trug. Die rehbraunen, geschlitzten Augen blickten so gütig drein, daß einem bei ihrem Anblicke das Herz ordentlich warm werden mußte; das blasse Gesicht war so zart und edel geformt, ja das ganze Wesen zeigte, daß mit den Vorzügen des Körpers auch die des Geistes in edler Harmonie übereinstimmten, und in diesem schönen Menschenleibe auch eine edle^Seele lebe. Rosa war die Beraterin des Rechtsanwalts. Sie allein konnte in seinem Herzen lesen, sie hegte und pflegte seine Schützlinge, unterstützte ihn in seinen Liebeswerken, ihr erzählte er seine Rechtsfälle, mit ihr besprach er seine wissenschaftlichen Studien. Wer die beiden sah, wie sie sich wonnetrunken in die Augen blickten, wie eins den andern cm den Lippen hing, der mußte erkennen, daß in diesen Herzen die Glut heißer Liebe entfacht war, und wenn es auch der Mund nicht auszusprechen wagte, die Herzen hatten sich, gefunden, die Seelen waren zusammengeschmolzen. Rosa sah es dem Rechtsanwalt an, daß er heute seinen schlechten Tag haben müsse, und sie blickte ihni so warmherzig ins Auge, daß die düstern Falten von seiner Stirn wichen. Nun war er wirklich schön, der große, breitschulterige Franz, init den« blonden Bart, nun blickten die sanften blauen Augen nicht mehr so finster wie zuvor. In trautein Geplauder versunken, saßen sie einander gegenüber, bald ernste, bald gleichgültige Dinge besprechend, bis es allmählich dunkel zu werden begann. Dt. Franz Kühne war wieder allein und die düstern Gedanken bemächtigten sich seiner. Der Gedanke an das Weib, das ihm das Dasein verleidete, wollte nicht aus seinem Geiste weichen, saß ihm wie ein Dorn in der Seele. Er wollte lesen, arbeiten, um ihn los zu werden, unmöglich. Ruhelos schritt er ans und ab. Endlich saß er stille, es wurde noch schlimmer. Zitternd vor Frost, mit klappernden Zähnen, saß er am kalten Herbstabend in seinem Zimmer, das innere Entsetzen, das ihn: durchs Herz ging, machte ihur das Frieren vergessen. Aber soviel er auch über seine Lage nachdachte, es gab kein Entrinnen, es gab keinen Ausweg aus diesem Chaos voll Kämpfen und Bitternissen. Und dann kam die stille, endlose, düstere, schlvarze Nacht herauf. Sein Weib, das den ganzen Tag herumkeifte, mit dem Hauswesen sich beschäftigte, war übermüdet und schnarchte, kaum daß sie im Bette lag. Und er lag im Bett, die Hände auf der Brust gefaltet; so lag er Stunde um Stunde, der Erlöser Schlaf wollte sich ihm nicht in die Seele stehlen. Aber auch die schrecklichste Nacht muß dem Tagesgrauen weichen. Es war ein kalter Morgen, der Regelt fiel in Strömen. Heute war es Franz zwiefaches Bedürfnis, den Entrechteten und Bedrückten seinen Beistand -zu gewähren. Das eigene Joch machte ihn noch weicher für den Kummer und die Leiden anderer. Er war der rettende Engel derer, die vom Glücke enterbt. Dem einen half er zu seinem Rechte, dem andern spendete er seinen. Rat, einem dritten träu^lte^M-NÜ^Trosteswort gleich Himmelstau in ,das bekümMPb--'Herz.' Heute plädierte er für einen armen Juden, der wegen Bettelei verurteilt'werden sollte^ mit einer hinreißenden Begeisterung, der auch der Richter sich nicht zu entziehen'Verinüchte." So verging der Vormittag. Auf dem Heimwege schloß sich ihm der praktische Arzt Dr. Wilhelm Winter an. Dr. Winter war ein junger, vielbeschäftigter Arzt, der in Rosa Herz bis über die Ohren verliebt war, doch sein Liebeswerben fand kein Gehör. Er faßte die Gelegenheit beim Schopfe Und bat den gutmütigen Rechtsanwalt, als Brautwerber für ihn aufzutreten; wußte er doch, daß Rosa in tiefer Verehrung an Franz hing. Der Rechtsanwalt wurde erst blutrot, dann leichenblaß; schließlich gab er dem verliebten Doktor das Versprechen, seinen Wunsch zu erfüllen. (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. ---- Man hat gegen gedruckte Predigtsammlungen im allgemeinen das Vorurteil, sie seien nur zürn Studium für angehende Theologen da und könnten dem Zweck, häuslicher Erbauung zu dienen, um dessentwillen die Drucklegung erfolgte, nicht genügen, da sie von der Vermittlung durch den Mund des Predigers abhängig seien. Es ist nicht zu leugnen, daß es Predigtsammlungen gibt, die diesen Vorurteilen Vorschub leisten, vor allem dadurch, daß sie ohne Rücksicht auf innere Einheit Predigten zu allen möglichen Gelegenheiten nebeneinanderstellen, um zu zeigen, daß ihr Verfasser wohl in allen Sätteln gerecht ist. Ein sehr interessantes Gegenbeispiel hierzu sind die Predigten, die Dr. Max Beermann, Kreisrabbiner zu Insterburg, unter dem Titel „Zur Jahreswende" (Frankfurt a. M. 1906. I. Kauffmann) hat erscheinen lassen. Eine Reihe von Predigten ist es, gehalten am Rosch haschana und Jom Kippur desselben Jahres, Predigten, die als Einzelstücke voll sind von poetischen Schönheiten zartester Art, wie man sie sonst nur in Prosagedichten findet. Die Gesamtheit der Predigten aber führt uns logisch im architektonischen Aufbau hin durch die beiden Hauptfeste unseres Jahres und so ist jenem Zerflattern vorgebeugt, und das Buch ist ein Kunstwerk geworden, wie ein Drama ein Kunstwerk ist in der Notwendigkeit seiner inneren'Entwicklung oder eine Symphonie. Ist schon die ganze Anlage unserer Gottesdienste an jenen Festtagen in höchstem Grade dramatisch, so ist diese Dramatik von dem Verfasser des vorliegenden Predigtbuches aufs feinste ausgenutzt worden, um ein Büchlein zu schaffen, an dem der künstlerisch Genießende sowohl wie der nach Erbauung Suchende seine Freude und seinen Genuß haben wird. E. C. * =■ Steinhardt Moritz: Ans dem Ghetto. Erzählungen. Berlin 1905. Selbstverlag. Diese Erzählungen aus dem alten Ghetto wird jeder mit lebhaftem Interesse und vielem Vergnügen lesen. Sie führen uns in ein Milieu, das, obschon in gewissen Teilen Europas noch aktuell, uns doch wie eine längst entschwundene Welt anmutet. Die Erzählungen wecken in dem Leser eine gewisse Sehnsucht nach jenen Zeiten, in denen das Judentum, noch'nicht in die Welt hinaustretend, sich selbst lebte, seine religiösen oder trenszendenten Ueberzeugungen täglich, ja beinahe stündlich, in Wort und Tat umsetzte, ein Verlangen, zurückzukehren zu jenem warmen religiösen Empfinden, jenem hingebenden Vertrauen, das allem Skeptizismus zum Trotz, der uns nichts Positives bietet, das Positive in seiner eigenen Existenz findet. Manche dieser Erzählungen, wie Jtzigs Barmizwah, haben einen ganz besonderen Reiz in ihrem dramatischen Aufbau und ergreifenden Schluß. . 6. L—n. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Beranlworllich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.