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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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Sir Stimme Lrs Grwillrns. Von H. Flesch. I. Bchon wieder lärmte die Frau Rechtsanwalt in der Stube. Man hörte ihre Stimme im Nebenzimmer, wo dev Rechtsanwalt Dr. Franz Kühne ruhelos auf und ab ging. Der Schweiß perlte ihm auf der hohen Stirne. Die Lippen waren aufeinandergepreßt, die brennende Pfeife hielt er. in der Hand. Sie schimpfte den kleinen Hansi, weil er den Kaffee verschüttet hatte, die zeternde Stimme gellte wie eine Dampfpfeife. Immer größer wurde des Rechtsanwalts Erregung. Die Empörung malte ihm rote Flecken auf die blaffen Wangen. Sachte öffnete er die Tür und rief in die Wohnstube: „Aber Kind, was denkst Du Dir? Die Leute bleiben ja doch auf der Gaffe stehen! Beruhige Dich!" so sprach der Rechtsanwalt mit sanfter Stimme. Agathe Kühne, die Frau Rechtsanwalt, die in ihrem schreiend roten, mit Spitzen und Aufputz überladenen Prinzeßkleide aussah, als hätte sie es irgendwo geborgt, wandte sich um; die Augen funkelten vor Zorn, die ganze Gestalt bebte vor Erregung, als sie mit lauter Stimme antwortete: „Du fehlst nur noch! Bei Dir hat ja der Junge immer recht. Bei Dir findet jeder hergelaufene Bettler eher Gehör als Dein Weib. Geh nur, geh! Sonst werde ich grob." Ein tiefer Seufzer entrang sich den Lippen des Rechtsanwalts, als er die Zimmertür wieder hinter sich schloß und in sein Sprechzimmer zurückkehrte. „Daß das Weib doch immer keift und zankt, gar keine Rücksicht auf ihre Umgebung nimmt," murmelte der Rechtsanwalt in den blonden Bart. Dr. Kühne schlug ein Buch auf, er wollte arbeiten, doch die quälenden Gedanken waren stärker als die Arbeitskraft- Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu Hüpfen, es war ein toller Cancan, sie sprangen über die Seiten herauf und hinab, herüber und wieder zurück. Die Büchxr sollten seiner ruhelosen Seele Gleichmut bringen. Nein, es war unmöglichsich bei solcher Ruhelosigkeit in ernster Arbeit zu vertiefen. Er schleuderte das Buch in einen verborgenen Winkel des Schrankes. Verfluchte Bücher, verdammte Gelehrsamkeit! Warum war er nicht Schlosser. Schuster, Schneider geworden? Diese Leute gehen ihrem Berufe nach und brauchen wenigstens nicht zu denken; warum mußte er Rechtsgelehrter, Denker werden und sich von feinem armen Gehirn so quälen lassen? Warum mußte er gerade Nechtsbeistand werden, um Zeit seines Lebens an diesem Weibe gekettet zu sein? Mußteer denn? Nein! Heraus aus dieser Misere. Das gehe nicht länger so, sonst mußte er verrückt werden. Weit davon war er nicht mehr. Er seufzte tief auf. Seine Pflicht war und blieb es, die traurige Rolle weiter zu spielen, sein schweres Joch weiter zu tragen, sein Rechtsgefühl legte ihm die Pflicht auf, an der Seite dieses Weibes auszuharren. Nun wußte er es. Das Tröpflein Gift von Amors Pfeil geträufelt, verdunkelt auch das klarste Auge, daß es Dinge sieht, die gar nicht bestehen; es wärmt sich an dein Abglanz seiner eigenen Flamme und wähnet, daß es das vom Auge des geliebten Wesens ausgestrahlte Feuer sei/; iG3'~ AMhF Whne war schön. Eine makellose Schönheit. Große schwarze Augen, eine griechische Nase zierten das regelmäßige Profil. Durch den halbgeöffneten Mund blickten zwei Reihen weiße Perlenzähne, der runde Hals, die junonische Gestalt und das rabenschwarze, glänzende Haar machten Agathe zu einem Weibe von vollendeter Schönheit. Allein die ganze Erscheinung war ruhig und kalt, gleichgültig, ohne Geist, ohne Ausdruck, ohne Leben. Eine kalte, imponierende Schönheit, selbstsüchtig, selbstgenügsam, hatte sie nur das Bedürfnis, Bewunderung zu erregen, weil ihr daS Aufsehen, das sie hervorrief, über alles ging, weil sie zu kühl, zu nüchtern war. Ja, wie viele Menschenkinder waren dem Liebesirrtum schon zum Opfer gefallen! Am Sarge ihrer Mutter, als sie so einsarn und verlassen dastand, hatte der brotlose Privatdozent und Assistent des strafrechtlichen Seminars, der durch Einpauken für die Rigorosen sein Dasein kümmerlich fristete, ihr die Hand fürs Leben geboten. Als ihre Tränen ihm schier das Herz brachen, da gestand ihr der weichherzige Mann feine Liebe und sie fiel ihm dankbar um den Hals, beteuerte eine Neigung, die nichts anderes als Befreiung aus unsicherer, sorgenvoller Zukunft war. Ihre Mutter, die Witwe eines kleinen Staatsbeamten, die von einer geringen Pension lebte, ließ kein Vermögen zurück, und Agathe, die über die erste Blüte hinweg war, folgte gerne dem Werben des Mannes, der ihr eine sichere Zukunft bot. Feisch Kohn hängte die Dozentur und den Glauben der Väter an den Nagel, den Glauben der Väter, dem er im Herzen längst die Treue gebrochen, um als Dr. Franz Kühne das Weib seiner Liebe zu ehelichen. Allein war es Liebe? Nein. Es war Mitleid. Er hätte sie nicht aufgehört zU lieben, wäre sie ihm geblieben, als was sie ihm am Sarge der Mutter erschien, ein weinendes, bemitleidenswertes, hilfloses Wesen, ein Weib voll Herz und Gemüt. Aber zu dieser Zeit war sie nur losgelöst von ihrem Milieu; sie hatte die Selbstsucht, von der sie gefangen war, verborgen. Einmal die wohlversorgte Frau, verfiel sie in die alten Launen, in die alten Fehler. Agathe war eben eine schroffe, unerschrockene Seele voll männlicher Energie, der es an reizvoller Erscheinung edler Weiblichkeit mangelte, trotzdem sie kein reizloses Geschöpf war. Er hätte zu ihr gehen mögen, ihr sagen, laß mich ziehen, in Frieden ziehen, woher ich kam, vielleicht werden wir beide glücklicher sein. Glücklich! Dem oberflächlichen Betrachter erschienen sie zwar als glückliche Menschen, denn er ertrug alle ihre Launen, erfüllte ihr jeden Wunsch, und diese seine Freundlichkeit und Güte, sowie ihre frohe Laune nach erfüllten Wünschen, täuschten die Menschen. Sie nörgelte und tadelte zwar an allem, aber bei vielen Frauen gehört das Nörgeln und Tadeln, das Keifen und Zanken, zum Leben. Er wollte sein Kind, seinen Beruf lassen und fliehen, allein es fehlte ihm die Kraft dazu. Immer wieder begannen die Schmerzen ihn gefangen zu halten, bei denen ihm die Seele zu vergehen schien. Er wollte gehen, aber erj konnte nicht, zu innig war er mit seinem Kinde, mit seinem Berufe verwachsen. Sollte er die Katastrophe gewaltsam herbeiführen? Und wenn die unschöne Lösung herbeigezerrt wäre, was dann? Er war ein Mann voll ästhetischen Sinnes, und sein

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