Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Herzens von ihm. Unsere weitblickenden Weisen lehrten -daher: An jedem Tage sollen die Worte der Lehre dir so neu sein, wie an dem Tage, da du sie am Sinai erhalten. Ins Moderne übersetzt lautet dieser Mahnruf: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Wie aber steht es in unserm Lager mit dieser täglich notwendigeil Neuerwerbung aus? Was lernen und was wissen unsere Kinder von den Geistesschätzen, die unsere Väter durch ein Meer von Blut und Tränen getragen und als heiliges Erbe uns überliefert haben? Die homöopathische Dosts jüdischen Wissens, die der Religionsunterricht ihnen bietet, genügt nicht, um unsere Kinder in der Treue zum Judentum so zu befestigen, daß weder die Stürme des Haffes, noch das grelle Licht der Liebe sie abtrünnig machen könilten. Das Judentum ist. wie der Verfasser sehr richtig bemerkt, keine Katechismusreligion, die in ein paar wöchentlichen Lehrstunden erlernt werden könnte. Ich aber gehe noch weiter und behaupte, daß das Judentum überhaupt keine Religion im üblichen Sinne des Wortes ist, sondern eher eine Wissenschaft, die, wenn sie erwärmen und begeistern und ihren Trägern als schätzbares Gut. als „ein Baum des Lebens" erscheinen soll, gründlich erfaßt und mit großer Sorgfalt gepflegt werden muß. Unsere Weisen haben daher Wissen und Kenntnis des Judentums als dessen eigentliches Wesen, als dre Seele, die es lebendig erhält, bezeichnet und den Grundsatz aufgestellt: „Das Studium der Thora wiegt alle Gebote auf." Nicht etwa, weil sie die praktische Ausübung der Gebote geringer einschätzten, sondern weil sie wußten, daß das Festhalten an der Religion, die Treue zur Glaubenslehre der Väter, von der genauen Kenntnis derselben abhängig ist. „Wer das Judentum kennt", bemerkt der Verfasser sehr treffend, „muß es lieben und wird es nimmermehr verlassen. Meine erste Forderung", fährt er fort, „lautet also: Lernt das Judentum kennen. Ich meine natürlich nicht jenes bloß verstandesmäßig angeeignete Wiffen, das den Kopf füllt und das Herz kalt läßt, sondern ein Wiffen, das Begeisterung weckt, Stolz und Selbstbewußtsein lehrt. — So sollte es sein. Wie ist es aber in Wirklichkeit? Der Jude schämt sich, daß er jüdisch aussieht, er schämt sich, daß er einen jüdischen Namen trägt, er schämt sich schließlich, daß er Jude ist." Leider schießt der Verfaffer hier über - das Ziel hinaus. Juden, die sich ihres jüdischen Aussehens, ihrer jüdischen Namen und auch ihrer jüdischen Abkunst schämen, hat es immer gegeben und wird es immer geben, und wenn solche schließlich vom Judentum abfallen, so gönnen wir sie von ganzem Herzen dem von ihnen gewählten neuen Bekenntnis und weinen ihnen keine Träne nach: sie sind eben nichts weiter als Abfall. Allein wir dürfen nicht sagen: Der Jude schämt sich; das wäre ja eine durch nichts zu rechtfertigende Verallgemeinerung. Der fleißige Verfaffer, deffen Elfer für die Sache des Judentums die größte Anerkennung verdient, verfällt zuweilen selbst in den Fehler, den er bei anderen Autoren tadelt. So zitiert er in der Anmerkung auf Seite 5 die Behauptung von Grätz: (Geschichte der Juden, Band Xf, S. 171): „In drei Jahrzehnten war die Hälfte der Berliner Gemeinde zur Kirche übergetreten" und bemerkt: „so wären, wenigstens in Berlin, die Taufen massenhaft erfolgt, aber worauf gründet er eine solche Behauptung? Darauf, daß Rahel Levin in einem Familienbriefe leicht hinwirft:, „Die Hälfte ist getauft". Nun, manches leicht hingeworfene Wort irgend eines Scribenten, manche parteiisch gefärbte Zeitungsnotiz genügen auch unserm Verfaffer, um sie als feststehende' Tatsachen weiter zu verbreiten. Auch die Art, wie der Verfaffer tälmudische Aussprüche übersetzt, können wir nicht immer billigen. Der Talmud preist nicht den in überschwenglicher Weise, der eine Seele dem „Judentum" (Vorwort S. VII), sondern dem Le b en erhält. Die Frommen aller Völker haben Anteil am künftigen Leben, noch richtiger, an der künftigen Welt, und nicht „Teil an der ewigen Seligkeit." (©. 46). nnan ^3 heißt nicht: Alle Juden sind Brüder, sondern vereint, verbunden. Jndeffen tun diese Ausstellungen dem literarischen und ethischen Wert des Buches nicht den geringsten Abbruch. Es ist eine gründliche und sehr fleißige Arbeit, die der Verfaffer unS bietet, diktiert von wahrem Feuereifer für Israels Bekenntnis und durchtränkt von inniger Liebe zum chdischen Stamme. Sein Buch ist weniger gegen die Getauften gerichtet, auf die er den Vers anwendet: So war die Maus die Kotz' nit frißt. Wird auch der Jud' kein wahrer Christ — als gegen die Lauen und Wankenden, die er vor Abfall und Verrat bewahren möchte. „Freilich," schreibt er, „wer die Häuser jener dein Judentum Abgestorbenen besucht, dem könnte zu Mute werden wie Ezechiel, als er durch das Tal des Todes schritt, und wenn er gefragt würde: Glaubst du. daß diese Totengebeine wieder lebendig werden?, so antwortet er vielleicht zagend wie der Prophet: „Gott, du allein weißt es." Diesen gilt auch seine Forderung: „Lernt das Christentum kennen! „Die moderne Kultur und Weltanschauung steht zum Christentum in einem unversöhnlichen Gegensatz. Dem gläubigen Christen ist die Erde ein Jammertal; seine eigentliche Hennat ist der Himmel, und die Pilgerschaft hienieden hat nur als Vorbereitung für eine spätere, bessere Existenz für ihn wert?) Er würde nur das, was allein Not tut, zu gefährden glauben, wollte er an irdische Dinge sein Herz hängen. Solche Anschauung bewirkt notwendig eine asketische und weltflüchtige Lebensführung, also das gerade Gegenteil von dem, was das Leben in unserer rüstig vorwärts strebenden Zeit verlangt. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn konsequente Christen entweder dem Christentum oder der modernen Kultur absagen. „Der moderne Mensch kann kein Christ sein," sagen die Radikalen, als deren Stimmführer D. F. Strauß unter der Zustimmung von Häckel, Theobald Ziegler, Eduard v. Hartmänn und anderer Zierden der Wiffenschaft, aufgetreten ist; ,^der Christ kann kein moderner Mensch sein," sagen die Orthodoxen." Dieses Kapitel ist geradezu ein Meisterwerk, das bei der Lektüre des interessanten Buches jeden mit Befriedigung und Genugtuung erfüllen wird, wenn er noch nicht ernstlich über den Unterschied zwischen Judentum und Christentum nachgedacht hat. Wir bewundern die ungemeine Belesenheit des Verfassers, empfehlen sein Werk den weitesten Kreisen und schließen unsere Besprechung mit den Worten, die den Schluß des Buches bilden: Gustav Dalman hat ausgerechnet, daß die Juden im verfloffenen Jahrhundert lkihrer Seelenzahl durch Taufen verloren haben. Mag sein; es bleiben also immerhin noch *•/« übrig. Aber wie sagt der Prophet? „Und wenn auch nur ein Zehntel bliebe" — wie eine Eiche oder eine Terebinthe, wenn sie das Laub abgeworfen, doch den Stamm behält, so wird auch der heilige Stamm Bestand haben. h Auch das Judentum betrachtet das Lebe» hienieden als Vorbereitung für die künftige Welt.