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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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Ich möchte die Sache aber noch weiter verfolgen. Wir könnten sagen, unter .denirnigeE'M^schÄftlichen Faktoren, die auf die Gestaltung der Kriminalität von großem Einfluß find, haben wir auch Wohlstand und Bildung zu berücksichtigen und zwar weniger, weil dadurch die Gesamtzahl der Delikte herabgedrückt wird, sondern in erster Linie, weil die Delikte dieser Gruppe anderer Art sind als diejenigen, die von den weniger Wohlhabenden begangen werden. Mit Wohlstand und Bildung treten die Delikte: Gewalt, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Notzucht, Raub usw. zurück, und die feineren Delikte, insbesondere-Betrug und Urkundenfälschung, treten in den Vordergrund. Wiederum können wir sagen: da im allgemeinen die jüdische Bevölkerung in bezug auf Besitz und Bildung günstiger gestellt ist, muß auch ihre Kriminalität diese Züge aufweisen. Und weiter: die Kriminalität ist in der Stadt, wenigstens scheinbar, größer, weil in der Stadt die strafmündige Bevölkerung in großen Massen zusammenströmt. In den Städten findet sich aber auch eine ganz andere Art der Kriminalität. Die Körperverletzung wird zurücktreten, während umgekehrt die Kuppelei usw. eine ganz andere Rolle spielt, und von der Verletzung des geistigen Eigentums auf dem Lande kaum die Rede sein wird. Die jüdische Kriminalität wird also die Züge der städtischen Kriminalität aufweisen müssen usw. Ich komme zum Schluß. Das Ergebnis ist zunächst ein rein negatives. Eine spezifische jüdische Kriminalität gibt es für den Kriminalstatistiker nicht. Selbst wenn es eine solche hinter den Zahlen der Kriminalstatistik geben sollte, können wir sie nicht feststellen. Der Kriminalstatistiker muß vielmehr sagen, es handelt sich um eine Berufskriminalität. Ich möchte eine kurze Schlußbemerkung hinzufügen: Mit 54 und mehr Prozent ist die jüdische Bevölkerung an Handel und Berkehr im weitesten Sinne beteiligt, und die Kriminalität des Handels ist an sich eine wenig günstige; sie ist im Laufe des letzten Dezenniums immer ungünstiger geworden. Zum Teil wird sich das daraus erklären, daß zu diesen Handeltreibenden zahlreiche Kteinladenbesitzer, kleine Gast- und Schankwirte gehören, also Personen, die unter den ^veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen schwer leiden, sich'nur schwer durchzusetzen vermögen. Nun will ich meinen, es wäre eine Ehrenpflicht der im Handel numerisch so stark beteiligten jüdischen Mitbürger, dieser Erscheinung ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen, ihrerseits etwa Nachforschungen zu veranlassen, Enqueten zu veranstalten, durch welche sich genauer ergibt, welche Untergruppen innerhalb dieser außerordentlich weiten Gruppe des Handels und Verkehrs an der Kriminalität beteiligt sind, welche Untergruppen es eigentlich sind, die unter den gegebenen Verhältnissen zum Verbrechen geführt werden, und was sich dagegen machen läßt. Es wäre eine Ehrenpflicht, läge zugleich aber auch in dem eigenen Interesse der jüdischen Mitbürger, wenn sie sich bemühen, alle die zu dieser Gruppe gehörenden Personen den geänderten wirtschaftlichen Verhältnissen möglichst anzupassen. Wenn das geschehen würde, wenn durch die iin Handel und Verkehr stehenden jüdischen Mitbürger diese Verhältnisse klar gelegt und womöglich beseitigt würden, dann würden die antisemitischen Angriffe, jene verleumderischen Angriffe, nicht bloß denjenigen, denen sie schaden sollen, zum Segen gereichen, sondern neben den jüdischen auch den christlichen Mitbürgern und schließlich allen Schichten unseres deutschen Volkes! Lin?ritgkmährs Luch. Von Albert Katz. 4 ebe Zeit hat ihre Männer nnd auch ihre Bücher. Dafür zeugt wieder das soeben erschienene Buch*) von Dr. N. Samt er: Judentaufen im 19. Jahrhundert. Freilich ist die Klage über den Abfall von der angestammten Religion und die Flucht aus dem Lager des Judentums so alt wie dieses selbst, allein niemals war die Klage über den. Abfall, oder richtiger, die Anklage gegen die Abgefallenen, so berechtigt, *) Verlag von M. Poppelauer-Berlin. 1906. wie in unserer Zeit,. Wir können daher.dem Verfasser np zustimmen, wenn er in seinem Vorwort bemerkt: „Wenn wir buchen, was das abgelaufene Jahrhundert dem Judentum gebracht hat, so werden wir den Eintritt in das europäische Kulturleben und die Wissenschaft des Judentums auf das Gewinnkonto, den religiösen Jndifferentismus und der: Abfall auf das Verlustkonto setzen müssen." Leider haben wir Juden den Eintritt in die Kultur der Völker immer teuer bezahlt, doch zu keiner Zeit so teuer und zugleich so bereitwillig, wie in dem verflossenen Jahrhundert, dessen kulturelle Errungenschaften unser Denken und werktätiges Leben mit eiserner Kraft gefangen halten. „Die Missionare", berichtet der Verfasser. „nennen das 19. Jahrhundert triumphierend das Taufjahrhundert und behaupten, seit der apostolischen Zeit seien nicht so viele freiwillige Judentaufen vorgekommen." Wir sind nicht imstande, diese Behauptung auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Unser jüdisches Selbstbewußtsein und unsere unerschütterliche Ueberzeugung von den unvergleichlichen Wahrheiten des Judentums sträuben sich dagegen, der Behauptung dieser weltbeglückenden Herren, bei denen nicht selten der Wunsch der Vater des Gedankens ist, so ohne weiteres Glauben beizumessen. Indessen hieße es, absichtlich die Angen schließen, wollten wir ihre Erklärung ganz einfach als eitel Prahlerei bezeichnen. „Wie viele Juden — schreibt der Verfasser — in unserem Jahrhundert den Weg der Taufe gegangen sind, läßt sich nicht genau berechnen. Professor Heman meint: mindestens 100 000; Dalman nimmt 130 000 und an einem anderen Orte (Dibre Emeth 1888, S. 95) 250 000 an. I. de le Roi, der die sorgfältigsten (?) Berechnungen angestellt hat, gibt als Resultat die Zahl 240 000. Jährlich sollen 2500 bis 3000 Juden getauft werden. 1870 wurde die Zahl der lebenden Judenchristen auf 20 000 abgeschätzt, 1891 auf 100 000, 1897 von Missionar Völter gar auf 200 000. (S. 71, 72.) Selbstverständlich beziehen sich diese Zählen auf die getauften Juden aller Länder. Die Gesamtsumme der im 19. Jahrhundert getauften preußischen Juden wird von W. Bambus auf 12 000, von I. de le Roi ans 13 128 geschätzt. (S. 74.)" Die divergierenden Angaben über die Gesamtzahl der im 19. Jahrhundert in der Welt erfolgten Judentaufen würden uns über diese traurige Erscheinung einigermaßen beruhigt hinweghelfen, wüßten wir nicht, daß da, wo die Statistik schweigt, sie anr meisten beachtet zu werden verdient. Wir denken an die gleich nach der Geburt von den Eltern dem Christentum zugeführten Kinder. Diese werden von der preußischen Statistik, und wahrscheinlich auch von der in anderen Ländern, nicht als getaufte Juden, sondern als geborene Christen gezählt. Der Verfasser erblickt die Ursache der vielen Judentaufen in dem religiösen Jndifferentismus. „Dieser — sagt er — ist unser Unglück; kein Schlimmeres ist dem Judentum je widerfahren. Die meisten Uebertritte geschehen von solchen, denen die eine Religion so gleichgültig ist wie die andere, und die nur darum das Christentum wählen, weil es die privilegierte Staatsreligion ist. Die Religion wechseln, ist ihnen ein Kinderspiel; ein berühmter christlicher Renegat (Winckelmann) nannte es, den Pelz wenden." Dieses ist nur zmn Teil zutreffend. Der Jndifferentismus allein ist es nicht, der zum Abfall führt; wäre dies der Fall, so würden wir ja vor der Auflösung des Judentums stehen'. Die eigentliche Ursache der vielen Uebertritte zum Christentum ist nach meiner Ansicht in erster Reihe in der Unkenntnis des Judentums und seines reichhaltigen Schrifttums zu suchen. Wer den Wert eines in seinem Besitz sich befindenden teuren Gegenstandes nicht genau kennt, trennt sich nicht allzu schweren

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