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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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zurückführen bis in die Mitte' des' siebzehnten Jahrhunderts. Etwa um 1660 herum taucht zum erstenmal der für die ganze kulturelle Ent-. Wicklung so außerordentlich wichtige Gedanke auf, daß es möglich sein müsse, die quantitative Bestimmung, die doch im ganzen Gebiet der Naturwissenschaften durchgeführt ist, auch zur Anwendung zu bringen im Gebiet der Geisteswissenschaften oder der srtes liberales, wie man es damals-nannte.' Es tauchte zunächst der Gedanke auf, ob es nicht möglich sein könnte, scheinbar zufällige Ereignisse im gesellschaftlichen Leben, etwa Geburt und Tod, ziffernmäßig zu bestimmen und durch fortgesetzte quantitative Bestimmung zur Aufstellung von gewissen Gesetzen zu gelangen. Dann ist man einen Schritt weitergegangen. Man dachte daran, eine gewisse Gesetzmäßigkeit auch bei den scheinbar willkürlichen Handlungen der Menschen nachzuweisen. Da griff man zunächst einige besonders in die Augen fallende Willensäußerungen heraus: Selbstmord, Eheschließung usw., und suchte auch hier die quantitative Bestimmung, um die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen nachzuweisen. Erst im Anfang des 19. Jahrhunderts setzte das systematische Bestreben ein, diese Betrachtungsweise auszudehnen auf die Kriminalität, durch quantitative Bestimmung die Gesetzmäßigkeit ihres Standes und ihrer Bewegung zu prüfen. Als dann 1826 die mustergültige französische Kriminalstatistik einsetzte, war das offizielle Zahlenmaterial gegeben, und so entwickelte sich seitdem die Kriminalstatistik, als deren berühmtester Vertreter der belgische Astronom Quetelet bezeichnet werden kann. Dieser war erstaunt über die Uebereinstimmung der Ziffern, die sich bei der Betrachtung von einem Jahr zum andern und der verschiedenen Jahre untereinander ergab, über die erschreckende Regelmäßigkeit (reFuIarite effrayante), die sich darstellt, wenn man die Zahl der Diebstähle, Morde usw. jns Auge faßt. Wir sind heute über diesen Standpunkt hinausgekommen. Wir sehen heute gerade — und speziell gilt das für die Kriminalstatistik des Deutschen Reiches — eine ganz merkwürdige Bewegung in den Ziffern. Das, was uns heute interessiert, was uns heute vielleicht erschreckt, ist die aufsteigende Bewegung der Kriminalitätsziffern. Nicht die Uebereinstimmung mit den vorangegangenen Jahren, sondern die Verschiedenheit ist es, die uns heute am meisten entgegentritt, und die uns ohne weiteres zu der Fragestellung zwingt: Wie kommt es denn, daß eine^solche Zunahme oder Abnahme konstatiert werden kann? Wenn wir uns vom statischen und dynamischen Standpunkte aus Stand und Bewegung der Kriminalität klarmachen wollen, werden wir uns gewisser Hilfsmittel bedienen müssen. Wir werden einmal die sogenannten Relativzahlen berechnen müssen. Wenn man findet, daß in einem gewissen Zeitraum die Kriminalität um 10 Prozent gestiegen ist, so hilft uns das gar nichts für die Erkenntnis, ob die Kriminalität zugenommen hat oder nicht. Hat sich in derselben Zeit die Bevölkerungsziffer auch um 10 Prozent vermehrt, so ist von einer Zunahme oder Abnahme nicht zu sprechen, und wäre die Bevölkerung in dem gleichen Zeitraum um 20 Prozent gestiegen, so wurde eine Zunahme um 10 Prozent in Wirklichkeit eine Abnahme der Kriminalität bedeuten. In bezug hierauf unterscheidet sich unsere Reichskriminalstatistik sehr vorteilhaft von denjenigen anderer Länder. Es ist notwendig, die absoluten Zahlen der' Verurteilten in Beziehung zu setzen zu der Bevölkerungszifferv die kriminell in Betracht kommt. Wir werden insbesondere die Zahl der Kinder unter zwölf Jahren außer Betracht lassen müssen. Wir werden uns ferner die Beschreibung dadurch erleichtern können, daß wir kartographische Darstellungen machen. Wir werden, wenn etwa^die Ziffer der Kriminalität in die Höhe geht, uns das durch eine bestimmte Kurve darstellen können usw. Immer bewegen wir uns dann noch auf dem Gebiete der rein beschreibenden Wissenschaft. Aber nun drängt es uns doch über diese bloße Darstellung des Gegebenen, über die bloße Beschreibung hinaus. Wir wollen erkennen, verstehen, begreifen, d. h. kausal verstehen; wir wollen die Ursachen, den kausalen Zusammenhang feststellen. Und da fragt es sich nun: Können wir überhaupt auf dem Wege unserer kriminalistischen Zahlenreihen zu einer kausalen Erkenntnis der Kriminalität kommen? Es ist dies eine alte, vielerörterte Frage. Ich will meinen Standpunkt dieser Frage gegenüber möglichst klar hervortreten lassen. Nach meiner Auffassung können wir durch die Zahlenreihen der Kriminalstatistik wohl auf die mehr oder weniger starke Vermutung gebracht werden, daß ein Kausalzusammenhang vorhanden ist. den Kausalzusammenhang selber müssen wir aber aus anderem Wege erforschen. Wir müssen neben die systematische Massenbeobachtung durch die Statistik die systematische Einzelbeobachtung, die Beobachtung einzelner Fälle setzen. Aber immerhin, die Vermutung, daß ein Zusammenhang besteht, kann sich aus den Zahlenreihen der Statistik ergeben. Z. B. wir versolgen statistisch eine bestimmte gesellschaftliche Erscheinung. Wir können beliebige Beispiele herausgreifen: etwa die Getreidepreise oder die Preise der Nahrungsmittel, oder die Höhe des Arbeitslohnes oder die Prozentziffer der Arbeitslosen usw. Wir stellen uns dieses gesellschaftliche Ereignis etwa auch dar in einer Kurve, die uns die auf- und absteigende Bewegung zeigt. Dann zeichnen wir uns die Kurve der Kriminalität, des Verbrechens überhaupt oder einer bestimmten Gruppe des Verbrechens. Wenn wir nun sehen sollten, daß diese beiden Kurven bis ins kleinste Einzelne hinein vollkommen parallel laufen, werden wir auf die Vermutung kommen, da muß ein kausaler Zusammenhang bestehen. Finden wir umgekehrt, daß die Kurven gar keine Beziehung haben, dann ist die Annahme eines Zusammenhanges ausgeschlossen. Ob aber der Zusammenhang wirklich existiert, das können uns die Zahlen der Statistik, die von allen konkreten Ereignissen ja absehen, niemals zeigen. Das müssen wir auf dem Wege einer Enquete feststellen, die sich danach als systematische Beobachtung einer möglichst großen Anzahl von Einzelsällen darstellt. Wir müssen nun allerdings gestehen, soweit es sich um diese kausale Erklärung der Kriminalität handelt, sind wir heute noch in den allerersten und bescheidensten Anfängen wissenschaftlicher Erkenntnis. Es sind mehr Vermutungen, was wir da aufstellen, als wissenschaftlich feststehende Tatsachen. Aber immerhin können wir sür unsere weiteren Betrachtungen von einem heute fast allgemein anerkannten Satze ausgehen: Wir sind heute davon überzeugt, daß jedes Verbrechen, mithin auch die Gesamtzahl der Verbrechen, bedingt ist durch zwei Faktoren: Der eine ist uns gegeben in der Eigenart, in der Individualität des Täters; der zweite liegt in den äußeren Verhältnissen, unter denen er handelt. Das Verbrechen ist das Produkt aus der Eigenart des Verbrechers und den ihn umgebenden äußeren Verhältnissen. Auch jede indifferente Handlung wird ja bestimmt durch die individuelle Art und Weise, wie jemand reagiert auf äußere Eindrücke, was seine Persönlichkeit ausmacht, und auf der anderen Seite durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen heraus die Anregung zur Tat an ihn heran getreten ist. Nur muß ich für unsere Zwecke betonen: wir überzeugen uns mehr und mehr davon, daß die gesellschaftlichen Faktoren von weitaus größerer Bedeutung sind als der individuelle Faktor, wenigstens dann, wenn wir über den Augenblick, in dem die Tat begangen wird, Zurückgehen auf die in der Vergangenheit gegebenen Ursachen. Der Mann, der heute mit 23 Jahren ein Ver' brechen begeht, ist, was er heute ist, im Lause der Jahre geworden; uttd einer der Faktoren, der sein Werden bestimmt hat, ist die äußere Umgebung. Der zweite Faktor ist wieder individueller oder anthropologischer oder anatomisch-physiologischer Natur: das ist das Erbteil, das er seinerzeit mit ins Leben von seinen Eltern übernommen hat, das, was auf dem Wege der Vererbung an Eigenart dem Keime mitgegeben worden ist. Wiederum sehen wir bei einer weiteren Betrachtung, daß das, was die Eltern gewesen sind im Augenblick der Zeugung, bestimmt ist durch den Werdegang ihrer Eltern, und ihr Werdegang ist wiederum beeinflußt durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. War die Zeugungskraft etwa geschwächt durch Entbehrung oder Ausschweifung, so wird dieser Gesellschaftsfaktor auch auf die Leistungsfähigkeit des Kindes einwirken. So stehen wir auf dem Standpunkt, daß wir die beiden Faktoren, den individuellen — vielleicht darf ich ihn als den anthropologischen bezeichnen — und den gesellschaftlichen, nebeneinander stellen, aber das Uebergewicht der gesellschaftlichen Momente betonen. Diese von mir vertretene Auffassung steht im Gegensatz zu zwei extremen, die sich auch in der heutigen Literatur noch finden. Die eine Auffassung knüpft an den Namen von Cesare Lombroso an, der

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