Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 hatte, war für diese sehr wenig trostreich. Er könne versichern, daß kein Minister, ja selbst nicht mal ein Gouverneur, den Judenkrawallen Vorschub geleistet hätte. Freilich für die kleineren Beamten, von den Jsprawniks abwärts, könne er keine Garantie übernehmen. Was Homel anbelangt, so müsse erst der Bericht des dorthin vom Ministerium abgesandten Herrn Sawitsch abgewartet werden. Die höheren Behörden sind gewiß gegen jeden Krawall. Mögen die Juden mit ihren Beschwerden sich an eine noch höhere Stelle wenden, sie werden dann erfahren,-daß auch vor dieser Stelle alle Untertanen gleich sind. Des ferneren fragte Witte, weshalb die Juden soviel revolutionäre Elemente aufweifen. In ihrer Antwort bestritt zunächst die Deputation die Tatsache selbst. Die Juden stellen durchweg eine städtische Bevölkerung dar und weisen als solche keineswegs eine größere Anzahl Revolutionäre als die übrige Stadtbevölkerung auf. Zn zweiter Reihe freilich haben aber die Juden ganz besonderen Grund, mit der sie seit 25 Jahren bedrückenden Regierung unzufrieden zu sein. Graf Witte konnte die Nichtigkeit dieser Behauptung nicht bestreiten. Für alle Fälle mußte er zugeben, daß, selbst wenn die Juden in ihrer Mitte viele Tausende von Revolutionären hätten, es doch unrecht wäre, den großen Rest des nach Millionen zählenden jüdischen Volkes dafür büßen zu lassen. Gxas Witte versprach, das ihm überreichte Memorandum dem Ministerkomitee vorzulegen. Er erlaubte auch den Mitgliedern der Deputationen, jeöesmal, wo sich in einem Orte Vorzeichen eines Krawalles zeigen werden, an ihn direkt zu telegraphieren, worauf er die erforderlichen Maßregeln ergreifen würde. Insofern ist also die ganze Deputation in den Sand verlaufen und der ganze Aufwand war vertan. Alles bleibt beim alten. Aber in einer anderen Richtung hatte die Deputation doch eine große Bedeutung gehabt und könnte den Juden noch wertvolle Früchte tragen. Am Schluß der 40 Minuten währenden Konferenz erkundigte sich nämlich Graf Witte über das Verhalten der Juden bei den bevorstehenden Wahlen zur Reichsduma. Die beiden Vertreter von Homel erklärten, daß die Juden ihrer Gemeinde früher sich sehr stark für die Duma interessiert haben, daß aber jetzt ihnen der Kops nicht danach steht. Nunmehr gab Graf Witte den Juden den eigenartigen Rat, nur Juden in die Duma zu entsenden, ohne im übrigen sich um den Parteistandpunkt der Gewählten zu kümmern. Wo es ihnen nicht möglich ist, einen Juden in die Duma zu entsenden, sollen sie sich nicht mit den links stehenden Parteien verbinden, sondern Hand in Hand mit der Regierung gehen. Die in die Duma hineingewählten Juden sollen sich in keine andere Angelegenheit mischen, sondern stumme Zuschauer abgeben, sollen aber stark und energisch auftreten in dem Moment, wo eine die Juden interessierende Frage zur Beratung kommt. Die Regierung wird ihnen dann mit allen Kräften beistehen. Wenn aber die Juden so töricht sein sollten, in der Duma für fremde Interessen einzutreten, so werden sie ihre eigenen verspielen. Graf Witte verwies auf das Beispiel der Polen und Finnländer. Letzteren ist es gleichgültig, ob in Rußland eine monarchische Selbstherrschaft besteht, wenn nur Finnland die Freiheit haben soll. Die Finnländer kümmern sich nicht im mindesten darum, was in Rußland vorgeht. Sie denken nur an sich und ihre eigene Nation, während die Juden stets bemüht sind, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. — Wir sind überzeugt, daß diese Worte des Graf Witte von den Juden Rußlands ernstlich beachtet, jedenfalls einen Gegenstand lebhaftester Diskussion bilden werden. Die Kriminalität der Juden in Drutlchlsnd. Ein Vortrag, gehalten in der Generalversammlung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" am 4. d. M. Von Professor Dr. Franz v. Liszt, u meinem lebhaften Bedauern ist es mir nicht möglich gewesen, durch selbständige Untersuchungen den Vortrag, den ich jetzt vor Ihnen halten soll, mit jener Gründlichkeit vorzubereiten, die erforderlich gewesen wäre, um Ihnen neue, bisher nicht bekannte Tatsachen zu bieten oder aus den bekannten Tatsachen neueSchlußfolgerungen abzuleiten. Ich habe pflichtschuldigst von diesem meinen Bedenken unserm Vorsitzenden Mitteilung gemacht und gebeten, die von mir gegebene Zusage zu prolongieren, bis zum nächsten Jahre etwa;' aber meine Vorstellungen haben die Gegenliebe unseres Herrn Vorsitzenden, nicht gefunden, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie um Nachsicht zu bitten, wenn ich mich darauf beschränken muß, die alten, vielleicht doch nicht allen von Ihnen im einzelnen bekannten Tatsachen nochmals übersichtlich'zur Darstellung zu bringen und noch einmal aus diesen Tatsachen jene Schlüsse abzuleiten, die von so vielen vor mir bereits abgeleitet worden sind. Vielleicht gelingt es mir, ein individuelles Moment hineinzutragen in den Vortrag und ihll dadurch ein klein wenig fruchtbar zu gestalten, indem ich diese Einzelfrage hineinstelle in den größeren Zusammenhang der allgemeinen Fragen, die, insbesondere auch in methodologischer Beziehung, unsere Strafrechtswissenschaft bewegen. Es wäre ja gar nicht möglich gewesen, das Problem zu stellen : „Die Kriminalität der Juden im Deutschen Reich", wenn nicht unsere moderne Strafrechtswissenschaft im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen wesentlichen Fortschritt nach vorwärts gemacht hätte, wenn sie nicht erkannt hätte, daß neben die rein juristische Betrachtung von Verbrechen und Strafe, neben die logisch-technische Analysierung dieser Begriffe, die soziologische Betrachtung von Verbrechen und Strafe zu treten habe, die soziologische Betrachtung, die in Verbrechen und Strafe gesellschaftliche Erscheinungen erblickt — in dem Verbrechen eine antisoziale, gegen die Lebensinteressen der Gesellschaft gerichtete Handlung und in der Strafe eine gesellschaftliche Reaktion gegen jene Handlung. Die Strafe können wir hier beiseite lassen. Wir beschränken uns auf die gesellschaftliche Betrachtung des Verbrechens. Und da ist es klar, daß eine solche Betrachtung eine doppelte Aufgabe sich stellen muß: sie muß erstens beschreiben, und sie muß zweitens erklären, kausal zu begreifen sich bemühen. Sie wird zunächst beschreiben müssen, sie wird als deskriptive Wissenschaft uns den Stand und die Bewegung der Kriminalität zu schildern, anschaulich zu machen haben. Sie hat uns einmal den Stand der Kriminalität in einem gegebenen Augenblick zu beschreiben, das ist die sogenannte statistische Betrachtung, also etwa die Gesamtziffer der in einem bestimmten Jahre im Deutschen Reiche begangenen strafbaren Handlungen. Es wird diese Beschreibung aber eine ganz unvollkommene sein, sie wird uns ein deutliches Bild gar nicht bieten, wenn wir uns nicht bemühen, die Gesamtziffer, die wir bekommen, zu zerlegen. Diese Zerlegung der Gesamtziffer ist nach gewissen Richtungen hin notwendig und wünschenswert, freilich nicht nach allen Richtungen hin möglich. Wir werden uns fragen, welche Ziffer innerhalb der Gesamtziffer ergibt sich für dieses oder jenes Verbrechen. Wir werden dann nach anderen Richtungen hin unsere Verteilung vornehmen, die Gesamtziffer analysieren. Wir fragen uns, wenn das und das die Gesamtziffer für das Deutsche Reich ist, wie steht es dann in Sachsen, in Äayern, in Preußen usw., und dann gehen wir weiter: wie steht es in den einzelnen Gebietsteilen, Provinzen, Regierungsbezirken, wie mit der Männerkriminalität und der Weiberkriminalität; wie steht es, wenn wir die verschiedenen Altersstufen ins Auge fassen, die Verheirateten, Ledigen, Verwitweten usw.? Freilich finden wir eine bestimmte Grenze, die man nicht überschreiten kann. Wenn wir bei einer solchen Zerlegung der Ziffern auf ganz kleine absolute Ziffern kommen, dann ist jeder wissenschaftliche Wert dieser ganz kleinen Ziffern von vornherein ausgeschlossen. Der Kriminalstatistiker wird sich immer fragen müssen, wie stellt sich das Bild bei einer größtmöglichen Zerlegung der Gesamtziffern. Wir bewegen uns dann immsr noch in dem Gebiete des beschreibenden Teiles dieser soziologischen Wissenschaft, wenn wir neben dem gegenwärtigen Stand der Kriminalität die Bewegung der Kriminalität in den verschiedenen Jahren, Jahreszeiten und Monaten ins Auge fassen, wenn wir z. B. die Kriminalität des Jahres 1904 vergleichen mit der vorausgegangener Jahre, wenn wir also eine dynamische Betrachtung der Kriminalität anstellen. In dieser Beziehung hat gerade die moderne Kriminalstatistik einen wesentlichen Fortschritt gemacht über die alteren Kriminalstalistiker hinaus. Ich möchte nebenbei hervorheben: die Kriminalstatistik, ist eigentlich erst etwa 100 Jahre alt, aber in ihren ersten Grundlagen können wir sie