Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
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diesem Kampfe liegt ja auch der für unsere Sache. So hat > denn auch Eugen Richter in der Zeit der Maienblüte des Anti- I semitismus mit der Schärfe und Kraft, die ihm zu eigen I waren, den Kampf gegen die judenfeindliche Bewegung, vor allem gegen ihre^Führer, Ahlwardt und Stöcker, mannhaft geführt. Später, nach der Trennung der Fortschrittspartei, überließ, er diesen Kampf hauptsächlich der jüngeren Richtung, die in der „Freisinnigen Vereinigung" sich zusammenfand, und der unvergeßliche Rickert wurde der Führer im Streite gegen die Antisemiten. K Aber stets blieb Eugen Richter auf seinem Posten, wenn es galt, Angriffe abzuwehren und gegen die Verletzung der Rechtsgleichheit Protest zu erheben. Wenn man ihm dessenungeachtet hier und da den Vorwurf machte, daß er bei gewissen Anlässen nicht oder nicht entschieden genug aufgetreten ist. so lag dies an einer Verkennung seiner Eigenart, seines Wesens und seiner Begabung, die mehr auf die Kritik anderer Zweige des öffentlichen Lebens gerichtet war. Nur so konnte das törichte Gerede aufkommen, daß er selbst nicht ganz frei von den Vorurteilen gewesen sei, die er bei den Gegnern bekämpft habe. Eine gewisse Nahrung hatte diesem Gerede allerdings die xtwas opportunistische Haltung des Führers bei verschiedenen Reichstagswahlen, wie in Kaffel, Dessau u. a. O. gegeben. Es gibt Politiker, die glauben, daß sie allen Strömungen innerhalb ihrer Partei Rechnung tragen müsien; andere wieder meinen, daß sie Anschauungen, die sich gegen das Programm der Partei richten, mit aller Entschiedenheit bekämpfen müflen. In dieser Verschiedenheit der Auffassung liegt auch der Unterschied zwischen der Stellung, die Richter und Rickert solchen Strömungen gegenüber eingenommen haben. Nun sind sie beide dahin — und wir fragen nicht ohne Besorgnis: Wann werden wieder solche Männer in Deutschland erstehen, die mit gleicher Kraft und derselben Begabung den Kampf aufnehmen für Recht und Fortschritt und Freiheit? * Die Antisemiten machen noch immer Versuche, die politische Situation zu ihren Zwecken auszunutzen. In dem jüngsten Petitionenverzeichnis des Reichstags wird auch die folgende erwähnt: «Der Teutsche antisemitische Volksbund, Ortsgruppe Leipzig, bittet um Sperrung der deutschen Grenze gegen die Einwanderung russischer Juden." Ferner wird uns aus Leipzig berichtet: In einer großen Volksversammlung sprach Abgeordneter Bökler über die eingewanderten russischen und österreichischen Juden. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der beschlossen wird, an die sächsische Regierung eine Petition zu richten, sie inöge im Interesse des Klein Handels im Königreich Sachsen den eingewanderten österreichischen und rnssischen Juden'den Ausenthalt in Sachsen nicht gestatten. Die zweite Petition ist, wie leicht einzusehen, gefährlicher als die erste. Aber ein Resultat wird sie wohl auch kaum haben. In Sachsen hat man nur da antisemitische Anwandlungen, wo es den Interessen des Handels und der Industrie nicht schadet, wie zum Beispiel in der Schächtfrage. Uebrigens hat Sachsen nach dieser Richtung hin auf einen noch kleineren Kleinstaat vorbildlich gewirkt. Der Landtag von Schaumburg-Lippe beschäftigte sich kürzlich mit einem Anträge seines Präsidenten, des Abg. Wippermann, welcher die Betäubung sämtlicher Schlachttiere, mit Ausnahme des Federviehes, mittels Schlagmaske vor dem Schlachten verlangte. Das Ministerium wurde zunächst ersucht, Erhebungen anzustellen über die mit Betäubungsapparaten gemachten Erfahrungen, namentlich auch in bezug auf die Haltbarkeit des Fleisches der nach vorangegangener Betäubung getöteten Tiere. Wir glauben, daß diese Erhebungen, wenn sie objektiv I angestellt werden, der antisemitisch-tierschützlerischen Agitation I wenig Freude bereiten dürften. Freilich, um die Objektivität I unserer Gegner ist es überall und jederzeit sehr schlecht bestellt. So z. B. hält die „Post" auch nach der Erklärung des „Verbandes Deutscher Juden" ihre frühere Behauptung, „daß die linksliberale Agitation vielfach mit jüdischem Gelds unterstützt ist," aufrecht, sie entspringe den besten und sichersten Quellen, behauptet das Blatt — natürlich ohne es zu beweisen. Aber man wird doch wohl diesen Beweis für eine so positiv aufgestellte und wiederholte Behauptung entschieden verlangen dürfen. * Die von uns bereits avisierte Deputation der russischen Inden wurde am 6. d. M. vom Grasen Witte empfangen. Dieselbe wurde in der in Petersburg tagenden Delegiertenversammlung aller Hilfskomitees für die von dem Krawall betroffenen jüdischen Gemeinden gewählt und bestand aus den Rabbinern Aronsohn-Njeshin, Lurje-Kiew, Trotzky-Romni, ferner den Doktoren Sacharin und Kohan-Homel und dem Rechtsanwalt G. Sjosberg-Petersburg. Man schreibt uns darüber von gut unterrichteter Seite: „Die Deputation überreichte dem Grafen Witte ein Memorandum, in welchem es unter anderem heißt: Seit Wochen tagt in Petersburg eine Delegiertenversammlung, die vergebens hin und her überlegt, wie mit den vorhandenen geringfügigen Mitteln die von den Krawallen verursachte schier unbeschreiblich große Not gemildert werden könnte. Diese Krawalle, welche mit dem 12. August in Kertsch begannen, anfangs November wie ein Orkan durch das ganze jüdische Ansiedlungsrayon tobten, um Ende Januar in Hornel in eine von der Polizei angerichtete Feuersbrunst auszulausen, haben ein Unglück angerichtet, gegen welches alle jüdischen Wohltätigkeitsanstalten absolut machtlos find. In wenigen Tagen ist alles zerstört und vernichtet worden, was ganze Generationen mühsam erworben und erspart haben. Es ist nicht wahr, daß die Krawalle ein plötzlicher Ausbruch des Volksunwillens über das revolutionäre Treiben der jüdischen Zugend gewesen wären. Wäre dieses wahr, so konnten sie nicht zu gleicher Zeit in so zahlreichen Orten ausbrechen. Es schaudert einem bei der bloßen Erinnerung daran, wie ganze Städte zerstört wurden und Ströme von Blut geflossen sind. Geradezu unfaßlich aber ist der Gedanke, daß die Behörden nichts getan haben, uni Gut und Blut der ruhigen steuerzahlendeu Bürger zu schützen. Die Zahl der aktiven Teilnehmer am Krawall war verhältnismäßig sehr gering. Aber die wenigen Hooligans, die die Krawalle gemacht haben, haben wohl gewußt, daß weder Polizei noch das Gericht ihnen etwas tun werden. Morden und rauben ist so ein legales Geschäft geworben, auf welches die Behörden mit Wohlwollen herabsehen und das man in schier gotteslästerlicher Weise mit dem Namen: Patriotisches Manifest getauft hatte. Nun sitzen die Juden auf den Trümmern ihrer Häuser und sehen entsetzt zu den Ostern neuen Katastrophen entgegen. Da für die Vorgänge bisher niemand bestraft wurde, so schließt das Volk mit Recht daraus, daß man weitere Krawalle machen darf. Offen und vor den Augen der Behörden werden Flugschriften in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet, in welchen alle diejenigen, die treu zum Kai er halten, zum Vernichtungskampf gegen die Juden aufgefordert werden. Das Volk nimmt jedes gedruckte Wort für bare Münze und bereitet sich zu neuen Räubereien vor. In vielen Orten wird den Juden, falls sie die Kandidaten der schwarzen Hundert nicht in die Duma entsenden, unverhüllt mit einem Krawall gedroht. Daher bittet die Deputation, im Falle die Regierung wirklich den Wunsch haben sollte, ihre jüdischen Untertanen vor weiterem Unheil, zu bewahren, dieses unzweideutig kund zu tun. Die Regierung soll einen Akt vollziehen, aus dem die Bevölkerung unzweideutig ersehen kann, daß der Staat enrschlossen ist, solche Krawalle ein für allemal im Keime zu ersticken. Nur dann werden die Juden wissen, daß die Gesetze zum Schutz von Leben und Eigentum auch für sie da sind. — Die Antwort, welche Graf Witte der Deputation erteilt