Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bringt sogar einen hämischen Artikel über „die Wische Kamarilla", in dem ausdrücklich gesagt wird: „Es war keine güte Zeit, als in Rom die gcldstolzen Ritter die alten Patrizier-Geschlechter verdrängten". Ein so keckes Wort hätte keiner der vielgeschmähten Zeitungsschreiber jemals gewagt. Ist es doch eine nicht wegznleugnende Tatsache, daß die meisten Majestätsbeleidigungen, und zwar die, welche von keinem Staatsanwalt geahndet werden können, in den Kreisen zu hören sind, die sich offiziell als die „Stützen von Thron und Altar" aufspielen, während im Gegensatz hierzu Professor Franz v. Liszt kürzlich den statistischen Nachweis erbracht hat, daß die Beteiligung der Juden an Majestätsbeleidigungen und an Hochverrat in Preußen wie in Deutschland eine so gut wie minimale sei. Es verlohnte sich wohl, einmal aus den Zeitungen un'erer Gegner einige Stilproben zur Beleuchtung des antikemitischen Monarchismus heranszuheben. Kaum ein sozialdemokratisches Blatt hätte die Kühnheit gehabt, jemals so zu schreiben, wie die Blätter jener Richtung zu gewissen Zeiten. Selbst die „Deutsche Tageszeitung" sieht bereits in der Tatsache, daß mehrere Juden zu Hofe geladen wurden, die Ankündigung einer neuen Zeit, in der andere das „Erbe der Vergangenheit" antreten werden. Wenn sie dann aber weiter sagt, daß diese anderen „nicht an der Veroneser Klause für ihren Kaiser bluten und vor Fehrbellin nicht den Tod Emanuel Frobens sterben" werden, so ist das eine ungeheure Geschichtsfälschung, weil der „arme Aorik", der Schreiber jenes Artikels, sehr wohl wissen mußte, daß die Juden, die nicht einmal Leutnants in der preußischen Armee werden können, in den Freiheitskriegen so gut wie bei Kömggrätz und vor Mars la Tour für. ihren Kaiser geblutet und für ihr Vaterland mutig in den Heldentod gegangen sind. Die Angst davor, daß diese geschichtlichen Tatsachen auch einmal zu allgemeiner Anerkennung gelangen werden, treibt in diesem Moment die ergötzlichsten Blüten. Weiß doch ein konservatives Braunschweiger Blatt seinen Lesern sogar zu berichten, es werde von einer Seite bestimmt behauptet, daß es sich bei dem Souper, zu dem jüngst zwei Inden und ein gejauster eingeladen waren, „um die tatsächliche Erschließung des Offizierkorps für Angehörige des mosaischen Glaubens gehandelt hätte." Nun, wir können die schwerbesorgten Stützen von Thron und Altar beruhigen. Etz hat sich jedenfalls nicht um die tatsächliche Erschließung des Offizierkorps für Juden bei jener Hofgesellschaft gehandelt. Und auch den „armen Zorik" der „Deutschen Tageszeitung", der jetzt gar so viel Kummer hat. können wir eine tröstliche Versicherung geben, nachdem er und seine Gesinnungsgenvfien als Haupttrumpf gegen die..Hofjuden" beständig das Heine-Denkmal ausspielen. Auch wir billigen die Agitation, wie sie jetzt für ein solches Denkmal betrieben wird, durchaus nicht. Erstens geht uns als Juden die Sache ebensowenig an wie die Nobilitiernng der zwei getauften Juden. Zweitens würden wir, auch/ wenn die Sache uns etwas anginge, es lieber mit dem Talmud als mit den Davidsbündlern halten, der die weise Maxime ausstellt: ,-Den Großen braucht man keine Denkmäler zu stellen — ihre Werke sind ihre Denkmäler." Drittens aber meinen wir, daß ein Denkmal für einen deutschen Dichter nicht Sache der Juden, der Liberalen, der Sezession, sondern eine Herzensangelegenheit des Volkes sein muß, dem jener Dichter seine Lieder zugesungen hat. Hoffentlich genügt den Herrschaften diese loyale Erklärung. Aber da wir einmal bei Heine sind, fällt uns eine ebenso boshafte wie geistreiche Bemerkung ein, die dieser in seinen Pariser Briefen machte, als Achille Fould in Paris Minister wurde. Damals-schrieb Heine: „Seine Erhebung . . . macht mir ein wahrhaftes Vergnügen aus dem ganz einfachen Stunde, weil dadurch das Prinzip der bürgerlichen Gleichstellung der Israeliten in seiner letztest Konsequenz sanktioniert wird.. Es ist frellich sowohl durch das Gesetz, wie durch dir öffentliche Meinung, hier in Frankreich längst der Grundsatz anerkannt wörden, daß den Juden, die sich durch Talent oder Hochsinn auszeichnen, alle Staatsämter ohne Ausnahme zugänglich sein müssen. Wie tolerant dies auch klingt, so finde ich hier doch noch den säuerlichen Beigeschmack des verjährten Vorurteils. Ja, solange die Juden nicht auch ohne Talent und ohne Hochsistn zu jenen Aemtern zugelaffen werden, so gut wie tausende von Christen, die weder denken noch fühlen, sondern nur rechnen können: solange ist noch immer das Vorurteil nicht radikal entwurzelt, und es herrscht noch immer der alte Druck. Die mittelalterliche Intoleranz schwindet aber bis auf die letzte Schattenspur, sobald die Juden auch ohne sonstiges Verdienst, bloß durch ihr Geld zu dem - höchsten Ehrenainte Frankreichs gelangen können, ebensogut wie ihre christlichen Brüder, und in dieser Beziehung ist die Ernennung des Herrn Achilles Fould ein definitiver Sieg des Prinzips der bürgerlichen Gleichheit." Wir brauchen wohl nicht erst zu versichern, daß wir derartige Bosheiten nicht gutheißen, und daß wir diese Bemerkung ohne jeden Vergleich und ohnejede Nutz nwendung bloß deshalb hier mitgeteilt haben, um den Gegnern zu zeigen, wie es um die von ihnen so sehr gefürchtete „jüdische Solidarität" stehe, die ja auch angesichts der letzten Vorgänge wie ein rechter Popanz für große und kleine Kinder beständig in den Vordergrund gerückt wurde. Wir müffen deshalb auch die künstliche Konstruktion zurückweisen, die einer „jüdischen Hofgemeinde" bloß eine „jüdische Fronde" gegenüber stellt, die sich um die Sezession gruppiert und neuerdings für ihre Zwecke die Manen Heinrich Heines mobilisiert hat. Das deutsche Judentum als solches, und in seiner überwiegenden Majorität, hat weder mit der einen noch mit der andern Richtung etwas zu tun. Es steht fest auf dem Boden seiner religiösen Ueberzeugungen und Traditionen und läßt sich nicht durch Zurücksetzungen noch durch blendende Theorien beirren, weder von der Rechten noch von der Linken umgarnen. Und das ist auch im letzten Grunde der Unterschied zwischen echtem und falschem Patriotismus. Aber indem wir uns dieses Unterschiedes voll bewußt werden, wollen wir nicht aufhören, trotz aller Versuchungen und Herausforderungen, und unbeirrt von allen Angriffen der Gegner, unsere Liebe zum Vaterlande und unsere Treue zum Kaiserhause jederzeit mit allen Kräften zu betätigen und an allen Fortschritten des Vaterlandes, an allen Arbeiten der Kultur, der Technik, der Knust, der Industrie und des Geisteslebens nach dem Maße unserer Kräfte jederzeit den regsten Anteil zu nehmen. Bit Wochr. Berlin, 14. März. en Tod Eugen Richters beklagen alle, die die Sache des Rechts und der Freiheit, der dieser unermüdliche Kämpfer sein ganzes Leben geweiht hat, auch in einer Zeit, wo beide, das Recht wie die Freiheit, gar arg bedrängt werden, als die höchsten Güter des politischen Lebens schätzen. Wir Juden aber haben noch ganz besondere Veranlassung, den Kämpfern für Recht und Freiheit dankbar zu sein, denn in.