Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228702--62457-3289604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 16. März 1906. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenrents-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsst-llen) b zogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse : Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Srraße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Lchter und küllcher Kstnotismus. Berlin, 14. März, nrch den ganzen antisemitischen Zeitungswald ging in der letzten Woche ein heftiges Rauschen. Was war geschehen? Zwei längst getaufte Inden sind geadelt und zwei Juden sind zu Hofe geladen worden. Und. darum Heulen und Zähneklappern in den Reihen unserer Gegner, von den rabiatesten bis^u den zahmsten! Wozu der Lärm, was steht den Herren zu Diensten? So fühlt man sich versucht, angesichts dieses Kesseltreibens, zu fragen. An sich liegt der Fall ja so, daß uns die ganze Sache nichts angeht. Die Geadelten sind wie gesagt keine Inden und waren es im Grunde auch nicht, als sie noch äußerlich der jüdischen Gemeinde angehörten. Wir hätten also gar keine Veranlassung, auf diese Herausforderungen zu antworten, wenn nicht erstens einige allgemeine Bemerkungen hier anzuknüpfen wären, und zweitens eine passende Gelegenheit sich darböte, um den Unterschied zwischen echtem und falschem Patriotismus einmal klarzülegen. Der echte Patriotismus bezeugt sich vor allem durch Taten, und er bewährt sich in Situationen, wo er auf die Probe gestellt wird, und in der Stunde der Not. In diesen Lagen haben aber die deutschen Juden ihren Patriotismus immer in der glänzendsten Weise bezeugt, auf wie harte Proben derselbe auch in den letzten Jahrzehnten gestellt wurde. Sie haben nicht gemurrt und nicht genörgelt. als die Nachricht von den Waldersee-Versammlungen durch die Zeitungen ging, als der eiserne Kanzler durch seinen Sohn zum Volke herabstieg, als Herr v. Puttkammer antisemitische Volksversammlungen durch seine Anwesenheit beglückte, als Herr Schönstedt bei den Zurücksetzungen jüdischer Juristen sich durch Berufung auf die Krone zu decken'suchte. Sie haben vielmehr immer ihre staatsbürgerlichen Pflichten vollauf erfüllt und ihre Anhänglichkeit, an das Vaterland sowie an das. Herrscherhaus ist jederzeit die gleich innige und treue geblieben. Die deutschen Juden wissen sehr genau, daß sie an den Hohenzollern einen sicheren Schutz haben, sie wissen ferner, daß es eine erhabene Tradition der Hohenzollerndynastie ist, die Rechte aller ihrer Bürger vor jeder Unbill zu schützen, und daß alle Fürsten dieses Hauses dieser Tradition treu geblieben sind. In der Stunde der Not haben die Juden Ihren Mut in glänzender Weise bewährt. Sie sind mit Gut und Blut für das Wohl des Vaterlandes eingetreten. Denn das ist wieder ihre Tradition, die Tradition des Judentums, welches seinen Anhängern gebietet : „Fürchte Gott, ehre den König und mische dich nicht unter die Aufrührer!" Weder die katholische noch die protestantische Kirche hat je einen Grundsatz aufgestellt, wie den jenes Talmudlehrers: „Das Staatsgesetz ist das oberste Gesetz." Einem solchen Volke kann man patriotische Gesinnung unmöglich absprechen. Mit Genugtuung haben wir es deshalb jederzeit begrüßt, wenn Männer aus unserer Gemeinschaft zu Hof gezogen wurden, die dort dem Judentum zur Ehre gereichten und die das Judentum nicht verleugneten. So war es unter Kaiser Wilhelm I., so unter Kaiser Friedrich, und wir begrüßen es mit Freude, daß Kaiser Wilhelm II., wie in allen Dingen, so auch hierili den Traditionen seiner erhabenen Vorfahren gefolgt ist. Aber wir sind weit entfernt davon, uns dieserhalb irgendwie zu überheben oder an diese Tatsache irgendwelche überschwengliche Hoffnungen zu knüpfen. Israel ist deshalb kein „Triumphator", wie ein hiesiges Blatt in sensationeller Weise proklamiert hat, und zwar um so weniger, als unter all dell dort erwähnten Männern inl Grunde genoinmeil mir zwei wirkliche Juden sich befinden, die sich auch vor Fürsten ihres Judentums nicht schämen. Die Auch-Juden und Noch- Juden, ja selbst die Trotz-Juden, interessieren uns ganz und gar nicht, und es ist uns ganz gleichgültig, welche Ehren ihnen zuteil werden. Wenn Männer und Frauen, die sich um das allgemeine Wohl verdient gemacht haben, dafür wohlverdiente Auszeichnungen erhalten, so kann sich gewiß jeder darüber freuen, der in solchen Auszeichnungen den rechten Ansporn zu guten Taten auf allen Gebieten des sozialen Lebens erblickt, und der da weiß, wie dieses soziale Leben in Deutschland gerade durch; solche Männer und Frauen in den letzten Jahrzehnten gehoben worden ist. Ganz anders liegt die Sache bei unseren Gegnern. Sie j sind nur solange Patrioten, als die Regierung und die Krone ihren Wünschen gerecht wird und ihre Bestrebungen unterstützt. Der alte Vers: „Und der König absolut, wenn er unseren Willen /tut," summt auch noch in den Köpfen der modernen Junker weiter, und in jedem Fall handeln sie darnach. Sie sind die lautesten Hurrah-Schreier, wenn die Sonne der Hofgunst ihnen lächelt, sie schrecken aber von keiner Herausforderung und Taktlosigkeit zurück, wenn irgend etwas geschieht, was ihnen nicht in ihr Programm paßt. Man staunt über die Keckheit, mit der sie es jetzt gerade wagenden Majestäten vorzuschreiben, welchen Umgang sie sich wählen sollen. „Israel vor die Front", ruft die „Deutsche Tageszeitung" aus, die „Märkische Bolkszeitung" wehklagt über die „jüdische Hofgemeinde", und die Zeitung des Herrn Adolf I Stöcker, der das Sprichwort von dem gebrannten Kinde, das I das Feuer scheut, in seinem Alter vergessen zu haben scheint,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.