Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Teiles der fremdländischen Diplomatie in Berlin. Der in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Arzt hatte sich allen Glückwünschen durch eine Reise nach Stettin entzogen. Trotzdem erschienen int Laufe des Vormittags Geheimrat Professor v. Bergmann und der Geheime Sanitätsrat Senator in der Mohnung des Jubilars, um dort ihre Glückwünsche darzubringen. Der Verein für innere Medizin, die portugiesische Gesandtschaft, sowie der Vorstand der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde übermittelten ihre Glückwünsche telegraphisch nach Stettin. s. Berlin, 4. März. Seinen neunzigsten Geburtstag feierte heute in voller geistiger und körperlicher Frische Herr I. Deutschm ann , der hier bei seinem Sohne lebt. Vor mehr als 60 Jahren kam das greise Geburtstagskind als unternehmungslustiger Handwerksbursche nach Berlin. Er, der in einem Landstädtchen der Provinz Posen die Schuhmacherei erlernt hatte, war schon weit in Deutschland herumgekommen, als er 1840 sein Heil in Preußens Hauptstadt versuchte. Hier fand er bald in der Spreestraße Beschäftigung als Schuhmachergeselle und wenige Jahre darauf wurde er selbständiger Schuhmachermeister. Am Alexanderplatz, wo sich heute der Tietzsche Warenpalast erhebt, eröffnete er seine Werkstätte. Mit Stolz weist der alteAerr auf seinen Bürgerbrief aus dem Jahre 1845 hin, für den er 33 Taler erlegen mußte. Er war stolz darauf, Berliner Bürger geworden zu sein, und entzog sich keiner Bürgerpflicht. Im März des Jahres 1848 trat er in die Reihen der Bürgerwehr, schulterte sein Gewehr, zog als Wachtposten ins Schloß, an den Neuen Markt und in die Rosenstraße. Und die Teilnahme für politische Vorgänge, die ihn damals erfaßte, hat ihn bis auf den heutigen Tag nicht verlassen. Unermüdlich suchte er im Kreise seiner Bekannten und auch darüber hinaus für die Sache des Liberalismus zu wirken, ebenso nahm er an zahlreichen Bestrebungen, die auf die Hebung des Handwerks hinzielten, regen Anteil. Kann er sich auch jetzt nicht mehr so betätigen, so ist sein Interesse dafür noch das gleiche geblieben. Möge dem wackeren Neunzigjährigen, der stolz daraus ist, das Wachsen und Werden Berlins zur Weltstadt mit eigenen Augen geschaut zu haben, noch ein recht langer und heiterer Lebensabend beschieden fein. 8n. Stettin, 2. März. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Herr Gustav Lewy, der Besten einer, ist einer tückischen Krankheit zum Opfer gefallen und gestern zur ewigen Ruhe bestattet worden. Schmerzerfüllt umstanden wir seine Bahre, und Herr Dr. Vogelstein hat Zuerst im Hause, indem er au den Wochenabschnitt anknüpfend und einen sinnigen Midrasch zugrunde legend, ein herrliches Bild von dem Leben des Verklärten entworfen; er hatte Recht, wenn er sagte, daß der Heimgegangene sein Haus zu einem Heiligtums gestaltete, in dem alle Tugenden echt jüdischen Lebens, alle heiligen Traditionen der wahrhaft frommen Familien, denen sowohl er selbst, als die treue Gefährtin seines Lebens entstammen, gepflegt und den drei trefflichen Söhnen weiter zu vererben bestrebt gewesen ist. Der Verklärte hat vor wenig Wochen erst das 61. Lebensjahr vollendet, und nicht nur die Seinen, sondern die ganze Gemeinde beklagt seinen allzufrühen Hintritt. Sein fromm angelegtes Gemüt, seine vornehme Gesinnung, seine edte Denkungsart, sein freundliches, mildes und bescheidenes Wesen, seine in allen Sachen praktische Erfahrung, klarer Blick und volles Verständnis, befähigten ihn für den so wichtigen Posten eines Synagogen-Vorstehers, und seine Liebe zürn Judentums wie zu jeder guten Sache, getragerr von dem Gefühl treuer Pflichterfüllung, ermöglichten es ihm, trotz seiner beruflichen Geschäfte, allen den Pflichten gerecht zu werden, welche ihm das Amt eines Vorstehers als auch alle anderen Ehrenämter auferlegt haben. Den Armen, namentlich den vielen Unglücklichen, um ihr Hab und Gut in jenem Lande der Barbaren Beraubten, die bei ihrer Auswanderung durch Stettin kommen, ist er besonders abgestorben. Dieser Unglücklichen nahm er sich eifrig an; selbst in der letzten Zeit, als er infolge seines Leidens sich Schonung aufzuerlegen gezwungen war, duldete es ihn nicht daheim, sondern er schleppte oft sich mühsam ins Gemeindebureau, um nach den Unglücklichen zu sehen und helfend einzugreifen. Wenn ich als ältester Beamter der Gemeinde, der über dreißig Jahre den Heimgegangenen edlen Menschenfreund kannte, und ob seiner hervorragenden Eigenschaften verehrte, ihm diesen Nachruf widme, so will ich mit demselben nicht einzig und allein bezweckeil, sein Leben und Wirken zir schildern und 31t feiern, sondern andere anzuregen, seinem edlen Beispiele zu folgen. Es ist eine traurige Erscheinung unserer Zeit, daß ein großer Teil derjenigen, die im öffentlichen Leben es zu einer höheren, angeseheneren Stellung gebracht, sich für zu vornehm halten, auch für die Angelegenheiten der Gemeinde ihr Interesse an den Tag zu legen, die höchstens mit dem Beitrag, den sie gesetzlich zu zahlen haben, sich begnügen, aber allem, dem stolz gegenüber stehen, was wir als.heiliges Erbe aus allen Kämpfen der Zeit erhalten. Herr Dr. Vogelstein hat auf dem Friedhof in ergreifender Weise auch seine Verdienste als Vertreter der Gemeinde, wie vieler Vereine gewürdigt. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde in dankbarer Erinnerung fortleben. X. Wkeschen, 26. Februar. Gestern beging die hiesige jüdische Gemeinde ein großes Fest; galt es doch das 40jährige Amtsjubiläum ihres Kantors Czechanowicz, der in dieser ganzen Zeit hier amtiert, zu feiern. Ein Komitee, bestehend aus dem Herrn Rabbiner Dr. Lewin, dem Vorstände, dem Herrn Repräseütantenvorsteher mit ihren Damen, hatte alles zu diesem seltenen Feste bestens vorbereitet. Am Sabbat fand in der Synagoge Festgottesdienst stakt, in der Predigt feierte der Ortsrabbiner die gesegnete Tätigkeit des Kantors für die hiesige Gemeinde. Gestern Vormittag erschienen die einzelnen Deputationen der Gemeindevertretung, der Vereine usw. und überreichten wertvolle Geschenke, sowie im NämeN der Gemeindemitglieder (auch der auswärts Wohnenden) eine größere Ehrengabe. Der Abend vereinigte den größten Teil der Gemeinde mit dem Jubilar in dem festlich geschmückten Saale des „Schwarzen Adlers". Nach einem stimmungsvollen Prologe eröffnete Rabbiner Dr. Lewin den Festabend mit einer Ansprache an den Gefeierten. Noch einmal dankte Redner demselben für sein treues Walten, feinen friedlichen Sinn, seine Frömmigkeit und ging dann über auf die fröhlichen Festtage in unserem Kaiserhanse. Das Kaiserhoch wurde begeistert ausgenommen und die Nationalhymne stehend gesungen. Nun reihte sich Toast an Toast. Dieses Jubiläum war das erste offizielle in der hiesigen alten Gemeinde, aber zugleich auch in feinem ganzen Verlaufe ein wohlgelungenes, das da bewies, wie die Gemeinde es wohl versteht, das Verdienst eines Beamten anzuerkennen. i. Dresden, 4. März. Am 1. d. M. wurde wie alljährlich die Gedächtnisfeier zum Andenken an Emil Lehmann unter reger Beteiligung seitens unserer Gemeinde abgehalten. Nach den einleitenden Worten, in welchen Herr Rabbiner Dr. Winter dem schmerz!teilen Bedauern über die ernste Erkrankung des Vorsitzenden der Emil Lehmann-Stiftung, Herrn Justizrat Gustav Meyer, warmen Ausdruck verlieh, und daraus hinwies, daß der Verwendungszweck der Erträgnisse der Stiftung infolge der bei der Verteilung der Prämien entstandenen Schwierigkeiten eine andere Form erfahren würde, und zwar wahrscheinlich zur Förderung der in Berlin eingerichteten akademischen Religionslehrkurse, hielt Herr Rabbiner Dr. Stein einen nach Form und Inhalt gleich trefflichen Vortrag über die Stellung des Judentums zum Aberglauben. — Am 18. d. M. findet infolge des aus Gesundheitsrücksichten zurückgetretenen Herrn Vorstehers Justizrat Gustav Meyer eine Ersatz loa hl statt. Die Schilderung der 1 Berdienste dieses weit über die Grenzen unserer Vaterstadt bekannten Mannes behalten wir uns für eine andere Gelegenheit vor. — lieber die Grundzüge der vom Gemeinderat beschlossenen Steuerreform, wie über die im vorigen Jahre in Kraft getretene Pensionsordnung für die Gemeindebeamten und über das Ergebnis der Ersatzwahl werde ich ebenfalls ein andermal berichten. 0. Frankfurt a. M., 1. März. Das herannahende Purimfest wird wieder kleine Sammler aus ihrem Posten finden, welche für das Kinderheim in Diez um eine kleine Gabe bitten werden. Diese Anstalt bietet den Verwaisten und Armen Erziehung, Kleidung und Nahrung; hier verleben sie eine heitere Jugendzeit; aber dieses alles kann nur geleistet werden, wenn die „Purimspende" reichlich diesem Institut zufließt. Es ist ja für jeden einzelnen nur eine ganz kleine Gabe, die die Sammlerhand heischt und da ist es gewiß zu erwarten, daß die kleinen Sammler sreundlichst empfangen und durch das Resultat ihres Sammelfleißes erfreut werden. Wenn noch hinzngefügt wird, daß auch in Aussicht genommen ist, russischen Waisen das Heim zu öffnen, wenn es darum angegangen wird, so