Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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7«. Jahrgang. No .0 Cj3 CtltCilltlCBOtß» Betlsge zur „Allgemeinen korrrlponÄkn?rn und Machrichtm. Deutschland. L2 Berlin, 4. März. Unter sehr zahlreicher Beteiligung van Damen und Herren fand heute im Architektenhause die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vorsitzende Dr. Theodor Barth bemerkte: Leider sei der Verein, der sich die Aufgabe gestellt habe, die Gleichberechtigung der Konfessionen herbeizuführen, noch nicht überflüssig geworden. Der Antisemitismus habe sich eben in eine chronische Krankheit verwandelt, und eine solche sei oftmals viel gefährlicher als eine akute. Alls dem Papier sei ja die Gleichberechtigung der Konfessionen in Preußen und im Deutschen Reich durchgefuhrt. In der Praxis werden aber die Juden sowohl in der Justiz wie auch in der allgemeinen Verwaltung zurückgesetzt, und in der Armee sei die Zurücksetzung eine planmäßige. Es sei dies eine direkte Verletzung des verfassungsmäßigen Grundsatzes der Gleichberechtigung der Konfessionen und in keiner Weise entschuldbar. Der Vorstand glaube, die Zustimmung aller Mitglieder zu haben, wenn er an dem Grundsatz festhalte, die Gleichberechtigung der Konfessionen muffe vollständig in allen Punkten durchgeführt werdell. Die Art des Kampfes erfordere ein ganz radikales Vorgehen. Die Hauptwaffe sei die Aufklärung. Der Verein habe einen erweiterten Vorstand, der aus 80 Personen, zur Halste aus Christen und Juden, bestehe. Vor dieser Versammlung habe der erweiterte Vorstand mit dem engeren eine zweistündige Beratung gehabt. Auf Antrag des Schatzmeisters. Kaufmann Salinger-Berlin, wurde sogleich dem Vorstand Entlastung erteilt. Geheimer Justizrat Professor Dr. Franz von Liszt behandelte danach in längerem Vortrage das Thema: „Die Kriminalität der Juden in Deutschland". Die Statistik der Kriminalität lnüsse selbstverständlich mit der BevölkerungsstatistikHand in Hand gehen. Es gehe nun aus der Statistik hervordaß unter Zugrundelegung der Bevölkerungsziffer dreimal so viel Juden im Deutschen Reiche wegen Zweikampfes bestraft worden seien, als Christen. (Hört, hört! Heiterkeit.) Dieser eigentümliche Umstand erkläre sich aus dem Umstand, das; es unter den Juden Verhältnismäßig bedeutend mehr Akademischgebildete gebe als unter den Christen, und daß sowohl die Offiziere als auch die Reserveoffiziere, zu denen ja die Juden bekanntlich nicht gehören, den Militärgerichten unterstehen. Im allgemeinen neige sich die Statistik zugunsten der Juden und zuungunsten der Katholiken. Am meisten sind die Juden an Vergehen gegen die Gewerbeordnung, Sonntagsentheiligung, Wucher, betrügerischem Bankerott, Konkursvergehen usw. beteiligt. Geringer sei ihre Beteiligung an Sittlichkeitsvergehen und -Verbrechen, Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, Körperletzung, Mnjestätsbeleidigung usw. Gar nicht in Betracht kommen die Juden bei Hoch- und Landesverrat, gemeingefährlichen Verbrechen, wie Mord, Menschenraub usw. Jedensalls weise die Statistik auf, daß es eine eigentliche jüdische oder christliche Kriminalität nicht, sondern mrt; eine Berusskrirninalitüt gebe. Es lasse sich genau Nachweisen, daß die große Mehrheit der Kriminalsälle mit den; Berus zusannnenhänge. Da die Juden fast ausschließlich Städtebewohner seien, so zählen auch ihre Verbrechen und Vergehen in der Hauptsache zu den Berufen der Stüdtebewohner. Dies sei den antisemitischen Anrempeleien entgegenzuhalten. (Lebhafter Beifall.) Bankprokurist Jaffe-Bertin dankte namens der Mitglieder dem Vortragenden für seinen Vortrag. Dieser und andere Redner brachten noch allerlei Wünsche bezüglich des Vorgehens des Vereins vor. Darauf erwiderte Dr. Barth: Der Kampf gegen den Antisemitismus sei nicht eine jüdische, sondern eine staatsbürgerliche Pflicht. Die Verdienste ähnlicher Vereine seien nicht 31t verkennen, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus dürfe aber niemals seine Selbständigkeit verlieren. Er "sei nur deshalb in der Lage, so scharf vorzugehen, weil er aus Christen und Juden bestehe. (Lebhafter Beifall.) —- Der Vorsitzende des Vereins deutscher Staats¬ Geltung deS Judentums. bürger jüdischen Glaubens, Justizrat Dr. Horwitz-Berlin, erklärte sich im Namen seines Vereins mit den Ausführungen Dr. Barths vollkommen einverstanden. Er würde es für ein Unglück betrachten, wenn der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine Selbständigkeit verliere. Er freue sich, daß der Verein blühe und gedeihe. (Lebhafter Beifall.) Hierauf wurden Dr. Th. Barth, Professor Dr. Wilhelm Förster- Berlin, Stadtrat H. Flinsch und Charles L. Hallgarten- Frankfurt a. M. wiederum in den engeren Vorstand gewählt, und der aus 80 Personen, die sich über ganz Deutschland verteilen, bestehende erweiterte Vorstand bestätigt. g. Berlin, 2. März. Unter den 1083 Oberlehrern, die, lute bereits gemeldet, infolge des Erlasses Se. Majestät vom 27. Januar 1906 zu Professoren ernannt worden sind, befinden sich 11 jüdische an nichtjüdischen Anstalten, nämlich die Herren Dr. Leo Fernbach (Luisenstüdtische Oberrealschule in Berlin), Max Kutnewsky (12. Realschule 'in Berlin), Berth. Norden (8. Realschule in Berlin), Gustav Oppenheim (2. Realschule in Berlin), Dr. Gerson Peiser(Kgl. Berger-Oberrealfchule in Posen), Dr. Heinrich Samter (Fr. Werdersche Oberrealschule in Berlin), Dr. Otto Schlesinger (Realschule in Charlottenburg), Max Schneidemühl (Kgl. Progymnasium in Neumark lWestPr.J, Dr. Julius Schneider (Falkrealgyumasium in Berlin), Dr. Moriz Türk (8. Realschule in Berlin) und Dr. Albert Wohlauer (ftädt. Johannesgymnasium in Breslau). Außerdem sind am Philanthropin zu Frankfurt a. M. drei Oberlehrer, die Herren Dr. Oswald Cohn, Dr. Alfred Löhren und Tr. Ferdinand Michel,^ und an der Realschule der israelitischen Religionsgesellschast zu Frankfurt a. M. Herr Alsred Weyl zu Prosessoren ernannt worden. Berlin, 5. März. Gestern nachmittag 4 Uhr fand die Einweihung der von dem Religionsverein „Ahawas Scholaum" in der Kleinen Augustftraße 10 neuerbauten Synagoge statt. Das nach der Straßenfront gelegene stattliche Gebäude, mit dessen Aufführung der Baumeister Hansen betraut war, enthält 550 Männer¬ und Frauensitze itub macht durch seine solide, stilvolle innere Einrichtung und äußere Ausführung einen vorteilhaften Eindruck. Die Feier, an der sämtliche Vereinsmitglieder und viele Ehrengäste teilnahmen. wurde durch das von Vorbeter und Chor gesungene „Mafamvu=©ebel" eingeleitet, worauf ein Rundgang mit den Gesetzesrolleu und das Anzünden der ewigen Lampe folgte. Hierbei sprach der Rabbiner Dr. Salo Stein ein sehr wirkungsvolles Gebet, flehte Gottes Segen herab für die Stifter des neuerrichteten Gotteshauses, die Herren A. Borower und Robert Loewenberg, die zu diesem Zweck, lvie uns mitgeteilt wurde, 120000 Mark gespendet haben, und schloß daran zugleich das Gebet für Kaiser und Reich, die Großgemeinde und ihre Institutionen. Nach abermaligem Chorgesang und dem vom Kantor Lewin in meisterhaster Weise vorgetragenen Psalm 30, hielt Rabbiner Dr. Stein die eigentliche Weiherede. Die Predigt war in Form und Inhalt so vorzüglich, daß wir, um nicht den tiefen Eindruck, den sie auf die Zuhörer gemacht, abzuschwächen, es uns versagen müssen, ihren reichhaltigen Inhalt durch einige Sätze wiederzugeben. Das Mnelm-Gebet bildete den Schluß der schönen Feier. 8. Berlin, 4. Mürz. Das Jüdische Mädchen stist zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Dienstbotenberuf nimmt für die zum 15. April er. frei werdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen, die an den Vorsitzenden Dr. Strelitz, Schönhauser Allee 162 zu richten sind, entgegen. 8. Berlin, 2. März. Seinen 70. Geburtstag feierte heute der Geheime Sanitätsrat Dr. Julius Blnmenthal, der zu den angesehensten Berliner Aerzten zählt. Seit 1863 hier tätig, nimmt Dr. Blumenthal von jeher an den wissenschaftlichen und den Standesbestrebungen der Aerzte lebhaften Anteil. Nicht minder widmet er seine Arbeit gemeinnützigen Bestrebungen. Wesentlicher; Anteil hat er an dem Ausbau der Krankensürsorge der hiesigen jüdischen Gemeinde. Dr. Blnmenthal ist der ständige ärztliche Berater eines