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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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„Hören Sie mal, Friedrich," sagte Herr Oppenheimer, ich gehe jetzt hinüber zu Lewisohn, in genau einer halben Stunde bringen Sie meine Koffer hinüber." „Ich bleibe bis zum Mittag," rief Löwenthal, „um erst meine zehn Mark einzustreichen." Nach drei Stunden kam Herr Oppenheimer zurück und bewies mit seinem Kommissionsbuch, daß er eine» ganz bedeutenden Auftrag erhalten. Herr Löwenthal zahlte zehn Mark und sagte: „Verraten Sie nur wenigstens für mein Geld, wie Sie das angefangen haben. Ich halte mich für einen verk sierten Reisenden, vertrete ein ebenso leistungsfähiges Haus wie Sie und bin jämmerlich abgeblitzt." „Das können Sie genießen," sagte Herr Oppenheimer . großmütig. „Sehen. Sie, Herr Lewisohn ist streng orthodox i und damit habe ich ihn gefangen. Ich sagte beim Eintritt: Herr Lewisohn, mir ist ein kleines Malheur passiert; gestern abend ließ ich auf dem Bahnhof in X. meine Handtasche stehen, worin meine Tephillin sind, wollen Sie mir gefälligst ein ' Paar leihen, damit ich beten kann? Herr Lewisohn gab mir; natürlich Tephillin und Gebetbuch und freute sich gewiß sehr, als er mich eine halbe Stunde andächtig beten sah. Ich hatte nachher gar keine große Mühe aufzuwenden, um meinen Auf- 1 trag zu erhalten." „Donnerwetter", rief Herr Löwenthal, „das will ich mir merken, die Lehre ist zehn Mark wert!" Nach einem halben Jahre kam Löwenthal wieder in das Städtchen und diesmal ging er vormittags zu Herrn Lewij? sohn und bat sich die Tephillin aus zum Gebet, aber o weh! -■ Herr Lewisohn schrie ihn wütend an: „Was? Sie wollen mit i der Religion noch Spott treiben und den frommen Mann 5 * heucheln? Kommen Sie mit nicht mehr in mein Haus!" . „Aber Herr Lewisohn," rief Löwenthal ganz betreten, „ich denke doch “ „Ach was!" schrie Herr Lewisohn, „heute legt man keine Tephillin, heute ist „Tische b'aw" und Sie fasten ja nicht einmal!" Lcholchsnnst Isalwb. Von Henriette Hirschberg. u, Rose Jaakob, lächelnd im Tal, Gegrüßt vom leuchtenden Morgenstrahl! Du schaust, wie der Frevler der Strafe verfällt, Der Ewige Hamans Arglist zerschellt; Wie Mardochai hoch und herrlich erstand Im purpurblau schimmernden Prachtgewand. Du Herr, unsere Hilfe zu jeder Zeit, Wir rufen, und du bist zu hören bereit An deinen Kindern ward's offenbar: Du hilfst der auf dich harrenden Schar. Vernichtet ward Haman, der neidische Feind, Und Seresch, sein Weib, ihm in Tücke geeint. Die Myrthe, Hadassah, hervorbricht am Zweig; Hinabsinkt Agagi ins Todesreich! Doch Lieblich erblühet Jehudah's Geschlecht, Sein Wandel ist rein, sein Denken gerecht. Vernommen, o Gott, hast du unser Gebet, Und herrlich erfüllet, was wir erfleht. Drum feiern wir, dir Ewiger getreu, Das fröhliche Purim alljährlich neu! Litersrilchr Mitteilungm. — Hau s Eschelbach. Der Volksverächter. Berlin, Köln, Leipzig. Verlag von Albert Ahn. 1906. Eschelbach hat sich in der literarischen Welt bereits einen wohlklingenden Namen erworben Seine tiefempfundenen Gedichte, seine lebenstreuen, spannenden Erzählungen und nicht in letzter Linie sein Drama „Antiochus" haben ihm vielseitige Anerkennung eingetragen. Diese dürfte durch den vorliegenden historischen Roman, der uns die gewaltigen Makkabäerkämpfe in prächtigem, von kraftvoller Phantasie verbrämtem Gewände vorführt, noch um ein Bedeutendes gesteigert werden. Im Mittelpunkte der groß angelegten, zielbewußt durchgeführten Darstellung steht Judas Makkabäus, dessen Werden, Streben und Ringen uns in den verschiedensten Phasen mit psychologischer Vertiefung und lebendiger Anschaulichkeit geschildert wird. — Mit liebevollem Verständnis hat sich Eschelbach, wie er dies schon durch sein Drama „Antiochus" bewiesen hat, in das Studium jener von gewaltigen inneren und äußeren Kämpfen aufgeregten Zeit zurückversetzt und sie uns so farbenreich und lebensfrisch vor die Seele zu stellen gewußt, daß tvir in ihr zu leben und atmen glauben. — Freilich, von der Einseitigkeit und dem Vorurteil, unter denen man in nichtjüdischen Kreisen das vorchristliche Judentum zu betrachten pflegt, hat auch er sich nicht frei zu machen vermocht. Trotz der in den: Makkabäergeschlechte waltenden sieghaften und tatenzündenden Ideen, trotz der gewaltiger: Heldengröße jener vertrauensstarken Gotteskämpser, erscheint ihm doch ihr Glaube engherzig, starr und verknöchert. Und merkwürdig! Es ist ein im polytheistischen Geiste erzogenes, griechisches Mädchen, eine holde Lichtgestalt, die in ihrer Einfalt und Herzensreinheit den bibelfesten Inda darüber belehren muß, daß höher als Gesetze und Opfer die Liebe steht und die ihn einer geläuterten und reineren religiösen Anschauung entgegen zu führen sucht. Hatte denn aber Hosea nicht schon gesagt: „Liebe verlange ich und nicht Opfer", und haben nicht alle Propheten gegen die bloße Werkheiligkeit geeifert? Sie spricht auch vom nationalen Judengott, läßt die Juden vom Eigendünkel und von engherzigen Vorurteilen urnfangen sein, nennt sie ein Krümervolk. das die ihm übermittelte Offenbarung schlecht bewahrte und entstellte, und verweist Juda auf den alleinigen, allumfassenden Gott aller Menschen, der bald seinen Erlöser senden werde. Doch wir dürfen mit dem Verfasser ob dieser Auffassung nicht allzu streng ins Gericht gehen. Er hat sicherlich keine Quellenstudien aus dem Gebiete der Religionsgeschichte gemacht, sondern sich nur aus den einschlägigen Werken christlicher Theologen und Religionshistoriker Belehrung über die religiösen Zustände jener Zeit zu verschaffen gesucht. Bei diesen ist es aber geradezu zum Dogma geworden, das vorchristliche Judentum als eine niedriger gelegene Vorstufe des Christentums hiuzustellen, um auf dem recht dunkel gemalten Hintergrund die neue Lehre um so glänzender hervortreteu zu lassen. Sehen wir von diesem Umstand ab, so dürfen wir dem vorliegenden Roman unsere volle Anerkennung zollen. Mit reicher poetischer Gestaltungskraft hat der Verfasser ein farbenprächtiges, lebensvolles Bild in ihm aufgerollt und die in der Geschichte lose aneinander gereihten Tatsachen zu einem in sich geschlossenen Ganzen vereinigt. Die Charaktere sind frei von allem Schablonenhaften und heben sich plastisch und seelisch abgerundet gegen einander ab. Die Handlung findet in der Charakteranlage der Personen ihre psychologische Begründung und nimmt fortschreitend unser Interesse in immer höherem Maße gefangen. Die Sprache ist durchweg edel und schön und erhebt sich an nicht wenigen Stellen zu hehrem, dichterischem Schwünge. Der Befreiungskampf der Makkabäer hat sich nach seinen Ursachen und seiner ansänglichen Entwicklung gewiß ganz anders gestaltet, als uns der Verfasser darstellt. Aber daß er uns mit seiner Auffassung und Schilderung doch gefangen zu nehmen weiß, das kennzeichnet ihn als echten Dichter. Wir können daher trotz unserer obigen prinzipiellen Ausstellungen die Lektüre dieses Romans angelegentlichst empfehlen. R. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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