Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
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110 Untersuchung über bie „verdächtige" Korrespondenz der Brüder May und fordert eine Durchprüfung ihrer Handels- und Hausbücher. Besonders Abraham sei zu „konstituieren", man müsse diese Sache mit noch größerer „autorität" anfassen. In demselben Jahre endete auch ein Prozeß Abrahams mit dem Regimentsrat Hans Jakob Koller, einem Gegner Bienners, zu seinen Ungunsten. Aber mehr als alle diese geschäftlichen Schwierigkeiten, inehr als der Zorn gegen den Hofkanzler, regte ihn ein Vorfall in der eigenen Fainilie auf. Am 1. Mai 1640 entfloh sein Sohn Samuel, ein fünfzehnjähriger Knabe, aus dem väterlichen Hause. Nach vierundzwanzigstündigem Suchen entdeckte Abraham den Flüchtling, welcher beinr Pförtner vor der Hofburg Unterkunft gefunden. Da er eine freiwillige Rückkehr nicht erzielte, so wandte er sich an die Regierung. Der Knabe sei, so versicherte er, nur aus Furcht vor einer Strafe entlaufen, wozu ihn die anderen Knaben beredeten, die stets um ihn zu sein pflegten; er mache sein Recht als Vater geltend und verlange, daß ihm sein Kind gegenübergestellt werde. Die Regimentsräte, die wohl schon über die Sachlage unterrichtet waren, richteten an Vater und Sohn die Frage, was sie einander zu sagen haben. Zuerst antwortete der junge Samuel: „Wenn ich meinem Pater gegenüberstehen würde, so möchte ich ihm „gut rund vor äugen" sagen, daß ich mich als Christen bekennen und mir lieber das Leben nehmen lassen, will, als noch ferner ein Jude heißen. Diesen Entschluß faßte ich schon vor vier Jahren (!). Möge man meinen Vater nicht weiter Horen, mit ihm nicht weiter „schriften wechseln" und mir zu meiner Selbständigkeit verhelfen, wie ineine gnädigste Herrschaft (der Hof) bereits getan hat." Kurz darauf langte auch die Entgegnung Abrahams bei der Regierung an: „Jndcin ihr von mir wissen wollet, was ich mit meinem Sohn zn sprechen habe und was die Ursache seiner Flucht sei, sehe ich eure „diffidenz" gegen mich; ich trage darum Bedenken, über diesen Punkt etwas Schriftliches von niir zu geben. Die Zeit und der Ausgang werden lehren, daß die Flucht meines Sohnes von einer „sonderbaren oder andern urfach" herkommt. Nochmals ersuche ich um die Erlaubnis, mit meinem Sohne zu sprechen." Der junge May war also entflohen, um Christ zu werden. Seine eigenen Worte, sowie der Ort seines Aufenthaltes beweisen, daß er sich aus diesem Grunde bereits fürstlicher Huld erfreute. Noch in demselben Monat richtet er an den Erzherzog die Bitte, er möge ihn in den Lehren des Christentums unterweisen lassen, damit er unter dein Beistand der heiligen Dreifaltigkeit und der Himmelskönigin zum Empfange der Taufe fähig werde. Dieser Bitte ward mrch noch das Gesuch beigefügt, der Erzherzog möge für seinen Unterhalt Sorge tragen. Aur 25. Mai fand in Gegenwart eines Jesuiten die von Abrahaur eifrig betriebene Konfrontation mit Samuel statt. Sie dürfte sehr stürmisch verlaufen sein. Jedenfalls vermochte sie den Entschluß des Sohnes nicht zu erschüttern. Im August ward Samuel auf die Namen beider Erzherzoge: Ferdinand Siegmund getauft, Ferdinand Karl selbst versah die Patenstelle. Es war damals ein nicht seltener Brauch, daß der Landesfürst bei dem Uebertritt eines Juden zum Christentum auch die materielle Versorgung des Täuflings übernahm. Aber beim Sohne des reichen Abraham wollte man sich füglich solche Kosten ersparen. . Noch vor dem Vollzug der Taufe war die Regierung der Meinung, der Vater sei zu verhalten, für die „alimentation" seines Christ gewordenen Kindes zu sorgen. Der zürnende Abraham wollte indes davon nichts wissen. Aber da fand sich ein Auskunftsmittel. Unter den Schuldnern Mays war auch das Kloster Stams mit einem Kapital von l.ooo Gulden, wofür jährlich 50 Fl. au Zins zu zahlen waren. Der Erzherzog vereinbarte mit dem Abt, daß er den jungen May, der keine Lust zum Handwerk zeigte, zur Erlernung der „deutschen schreiberei" gegen ein Kostgeld von 50 Gulden ins Stift aufnehme. Dieses Kostgeld war mit jenem dem Abraham schuldigen Jahreszins des Klosters zu begleichen. Was weiter aus dem jungen May geworden ist, davon schweigen die in: Innsbrucker Statthaltereiarchiv befindlichen Akten. Bekannt aber ist, daß dies nicht der einzige Fall des Uebertritts znm Christentum in der Familie May war. Wenn zwei dasselbe tun, ift es nicht dasselbe. Vvn Dr. S. Luß-Mannheim. litt Gasthof eines kleinen bayrischen Städtchens saß Herr Julius Löwenthal, Reisender in Damenmänteln und Blusen, ganz allein beim Frühstück. „Herr Ober!" rief er, „ist gar kein Reisender gestern abend angekommen?" „O ja, Herr Löwenthal, mit dem letzten Zuge kam einer." „Wer ist es, für wen reist er?" „Bedaure, Herr Löwenthal, ich kenne ihn nicht, er ist zum erstenmal hier, er wird gleich erscheinen, er hat schon sein Frühstück bestellt." In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und der Herr, von dem man eben gesprochen, trat ein. Herr Löwenthal machte ein erstauntes Gesicht, erhob sich aber rasch und reichte dem Eintretenden die Hand. Es war sein spezieller Konkurrent, der, wie er selbst, auch für ein Berliner Mäntel- und Blusengeschäft reiste. „Freut mich, Herr Oppenheimer, Sie zu sehen." „Ganz meinerseits, Herr Löwenthal." „Wie kommen Sie hierher, ich meinte, Ihr Haus ließ Bayern nicht bereisen?" „Mein Haus hat mich einmal auf Entdeckungsreisen geschickt." „Ganz wie bei mir, auch mein Haus will die bayrische Kundschaft erobern." „Dann haben Sie mir wohl alle Aufträge weggeschnappt?" „Durchaus nicht, es ist in diesem Neste nichts zu machen." „Was, hier nichts zu machen? Wo das große Geschäft von S. Lewisohn ist?" „Habe alles versucht, aber keinen Auftrag erhalten; Herr Lewisohn ist so konservativ, daß er nur bei den bisherigen Lieferanten bezieht. Ich habe gestern nachmittag drei Stunden lang alles versucht, aber vergebens." „Na, dann werde ich heute morgen mein Glück versuchen." ,',Tun Sie das," sagte Herr Löwenthal höhnisch lächelnd, „aber auszupacken brauchen Sie nicht." „Wetten Sie, daß ich einen ansehnlichen Auftrag erhalte?" „Die Wette muß ich aus Achtung für mein Haus und für mich selbst annehmen. Ich wette zehn Mark, daß Sie keinen Faden verkaufen." „Topp, es gilt." Herr Isaak Oppenheimer frühstückte. „Herr Ober!" rief er nach Beendigung des Frühstücks, „rufen Sie den Hausburschen." Friedrich erschien.