Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kirchenbehörden fünf Tage vorher angezeigt werden müsse, so, bat er das Pariser Konsistorium um die Erlaubnis, den Akt schon nach zwei Tagen vorzunehmen. Die Bitte wurde bereitwilligst gewährt und zwei Tage darauf fand sich der Baron Gustav de Rothschild itrtb der Grcmdrabbin von Paris H. Dreyfuß in der Synagoge ein, worauf die Jnventuraufnahme daselbst sowie im Bureau des Konsistoriums in einer Viertelstimde erledigt war. In gleicher Weise wurde die Jnventnraufnahme im jüdischen Seminar erledigt. Am 19. richtete der Präfekt ein Schreiben an das Konsistorium, in welchem er der jüdischen Gemeinde für die Höflichkeit, mit welcher seine Beamten empfangen wurden, herzlichen Dank ausdrückte. ♦ Der Moskauer Krourabbiner Mase soll vor einiger Zeit in Petersburg geweilt und bei dieser Gelegenheit mit Herrn Durnowo eine überaus merkwürdige Unterredung gehabt haben. Im Verlaufe derselben äußerte der russische Minister des Innern feine Verwunderung darüber, daß die Juden die Frechheit des „Bundes" schon seit langer Reihe von Monaten ertragen und dieser revolutionären Organisation gestatten, seine Proklamationen und regierungsfeindlichen Kundgebungen im Namen des gesamten jüdischen Volkes zu zeichnen. Es sei daher nicht zll verwundern, wenn die Regierung auch ihrerseits das gesamte jüdische Volk mit dem Bunde identifiziert und die Juden dementsprechend behandelt. Ich bin überzeugt, schloß Herr Durnowo seine Ausführungen, daß es sür die Juden von großem Vorteil sein würde, wenn eine jüdische Deputation sich beim Kaiser vorstellen und ihm in ausführlichen Darlegungen den Irrtum, in dem er sich in bezug auf sie befindet, klarstellen würde. Die Regierung als solche, kann unmöglich alle die judenbeschränkenden Gesetze mit einem Federstrich aufheben, und zwar im eigenen Interesse der Juden selbst. Sofort nach Proklamierung der jüdischen Gleichberechtigung würde die wütende Bevölkerung sich auf die Juden stürzen und Krawalle veranstalten, gegen welche die bisherigen noch ein wahres Kinderspiel sein werden. Ganz anders wäre es aber, wenn der Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit die Juden mit seinen übrigen Untertanen gleichstellen wollte. Einem kaiserlichen Befehl gegenüber würde sich das Volk in Demut fassen und sich hüten, dagegen zu demonstrieren. Auf Grund dieser Unterredung wird wohl demnächst eine jüdische Deputation, bestehend aus Vertretern einer großen Anzahl jüdischer Gemeinden, in Petersburg erscheinen. Jedenfalls hat Baron Ginzburg eine große Anzahl von hervorragenden Juden aufgefordert, sich an dieser Deputation zu beteiligen. Demgegenüber lvird von anderer Seite behauptet, daß diese Deputation nicht von Herrn Durnowo, sondern ^bou Herrn Witte veranlaßt worden ist. Sie wird auch nicht vor dem Kaiser, sondern vor dem russischen Ministerpräsidenten erscheinen. Graf Witte hat nämlich das lebhafte Bedürfnis, den Eindruck seiner bekannten Rede an die kaukasische Deputation, in welcher von jüdischen Bankiers nnb Polen, Juden und Armeniern, welche Rußland beherrschen möchten, gesprochen wurde, einigermaßen abzuschwächen Wenn sich die Sache so verhält, so hat die Deputation nicht den geringsten Wert. Einige Herren aus Odessa, die vom Baron Ginzburg telegraphisch aufgefordert wurden, sich an der Deputation zu beteiligen, sollen sich auch geweigert haben, in Petersburg zu erscheinen. Sie motivierten ihre Weigerung damit, daß die Juden sich ihre Gleichberechtigung erringen müssen. Mit einem Witte aber haben sie nicht das mindeste zu schaffen. Inzwischen wurde in Petersburg der dritte „Kongreß für die Gleichberechtigung der Juden" eröffnet. Es waren im ganzen 82 Delegierte anwesend, die sich alle für regste Beteiligung der jüdischen Bevölkerung an der Wahlkampagne aussprachen. Ganz reaktionär lautete die Resolution des in Moskau tagenden Agrarierkongresses, welcher bei. der Regierung um stärkere rechtliche Beschränkung der Juden und Ausschließung sämtlicher Juden von den russischen Hochschulen zu petitionieren beschloß. Der Beschluß, der darauf gefaßt wurde, lautet kurz und bündig: Kein Jude darf in die Reichsduma kommen. Bei dieser Gelegenheit wird ein interessantes Kuriosum mitgeteilt. Einer der enragiertesten Führer der Antisemitenbewegung in Rußland und der schlimmste aller Fremdenhasser heißt W. Gringmut. Er ist der Sohn eines jüdischen Lehrers aus Neustadt in Oberschlesien! Wie übrigens der „Fraind" aus sicherer Quelle erfahren will, wird gegenwärtig im Ministerium des Innern ein für die Duma bestimmtes Gesetz zur.. Lösung der Judenfrage ausgearbeitet. In demselben wird angegeben, daß die Regierung prinzipiell für die Abschaffung sämtlicher die Rechte der Juden beschränkenden Gesetze ist. Da sie es aber nicht für möglich hält, den Juden schon jetzt die volle Gleichberechtigung zu gewähren, so schlägt sie der Duma vor, alle bürgerlichen Begrenzungell abzuschaffen, während die politischen einstweilen noch bestehen sollen. Demnach wird beantragt, beit Juden sämtliche Rechte zu gewähren, nüt Ausnahme des Anrechts auf ein Regierungsamt. $ Von den Leiden der marrokkanischen Juden erfahren wir aus einem Schreiben des Direktors der Alliance- Schule, Herrn Gueron in Casablanca, folgendes: Vier Tagemärsche nordöstlich von Casablanca liegt der Flecken M'zab, auch „Stadt des Riti Jzou Amael" genannt, rings umgeben von Beduinendörfern, wie z. B. Beni Hof Ouardiga, wo zahlreiche Juden leben, zumeist Hausierer oder Schuhflicker, die von beti Märkten und Messen, die in diesen Küstengegenden häufig sind, hierher gezogen wurden. Das Ausbleiben der Ernte hat die Araberin diesem Jahre besonders anspruchsvoll gemacht, der Hunger peitscht alle ihre räuberischen Instinkte aus, so daß sie unsere armen Glaubensgenossen ohne Gnade mißhandeln. Der Maghzen, wegen der Rivalitäten der Mächte an keine Rücksicht gebunden, setzt seine Drangsalierungen fort; unaufhörlich werden unsere Glaubensgenossen durch . neue Schreckensnachrichten beunruhigt. Viele, die die Angriffe der Araber auf Leben und Habe nicht länger ertragen können, verlassen ihre Dörfer, um sich in den Städten an der Küste zu zerstreuen, wo sie bei ihren Brüdern Zuflucht zu finden hoffen. Ein trauriger Exodus hat begonnen. Meist werden die Unglücklichen auf dem Wege all ihrer Habseligkeiten beraubt und gelangen in schauderhaftem Zustande am Ziel ihrer Reise an. So ging es einigen Unglücklichen, aus deren Munde ich das folgende vernahm: Die Schuhsticketfamilie Zenou bewohnte seit langem M'zab. Da sie keine Arbeit mehr fand, so entschloß sie sich, nach Casablanca zu gehen. Der Vater, drei Söhne, ihre Frauen, zwei Schwestern und zwei kleine Kinder machten sich auf die Reise. Kaum hatten sie M'zab verlassen, als eine Räuberbande sich auf sie stürzte und sie ausplünderte. In Ouardiga stoßen sie auf einen Araber, dem sie eine Geldsumme schulden und der nun die Schuld von ihnen einfordert. Umsonst erzählen die Flüchtlinge ihr Abenteuer. Der Araber verhindert die Beerdigung des auf dem Wege vor Schreck gestorbenen Familienvaters und behält als Geisel eine der Frauen zurück, die im achtelt Monat schwanger ist; er droht, sie zwangsweise dem Islam zuzuführen, wenn man ihm nicht seine 40 Duros gibt. Jetzt hat sich der Trupp in ullserer Schule eingesunden. Eill und einen halben Monat hatte er sür die Reise von M'zab nach