Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 ist, daß die verschiedensten Parteien den uns berührenden Fragen mit Verständnis und gutem Willen gegenübergetreten sind, so daß unsere ausgesprochene Hoffnung nicht ohne innere Begründung ist. Sonderbar erscheint es, daß immer noch von einer bestimmten Seite her als das einzige Interesse der jüdischen Bevölkerung an diesem Gesetz die Erhaltung der jüdischen Volksschulen bezeichnet wird. Der Verband der Deutschen Inden hat, wo eS die Verhältnisse erfordern, die Erhaltung dieser jüdischen Volksschulen mit vollem Nachdrucke gewünscht. Aber da nur ein kleiner Bruchteil aller jüdischen Dolksschüler A'nfesstonelle jüdische Volksschulen besuchen kann und besucht, o durfte eine auf das Ganze gerichtete Bewegung rminöglich n dieser Einzelfrage haften bleiben. Der Umstand, daß nahe- » 1000 von den 1200 bestehenden jüdischen Gemeinden den -tandpunkt des Verbandes teilen, spricht deutlich genug dafür, aß trotz aller, nicht immer maßvollen Agitation die Macht der atsüchlichen Verhältnisse den Standpunkt des Verbandes als eil richtigen erwiesen hat., V Im Reichstag kamen am 2. d. M, wieder einmal die ulden dran. Herr Vöckler hielt eine sehr erbauliche Rede, in er er Beschwerde führte über die chikanöse Behandlung, die citens der Polizei, der Gerichte und Staatsanwälte seinem 'Parteigenossen Krösell in Pyritz widerfahren sei. Dabei griff r insbesondere den Arntsanwalt, Polizeichef und Bürgermeister ü Pyritz an, ferner das dortige Amtsblatt u. dergl. m. Zur 'Charakterisierung des Tons, den die Herren in den Reichstag ringen, sei ein Stück der Rede hier mitgeteilt: Natürlich eine ausländische Tänzerin in Deutschland (Zuruf: jidora!), die bekommt einen neuen Termin, wenn sie es will. Bos-! jfte Leute behaupten, eine jede solche leichtfüßige Dame hätte ihren; U'vpold. (Stürmische Heiterkeit bei den Antisemiten.) Unsereiner! rer wird vvn solch einer Obrigkeit mit Vorladungen bedacht, auf iren man noch nicht einmal mit „Herr" angeredet wird. Das geht uem denn doch über den Spaß. Na, wir haben uns ja denn auch bt alles gefallen lassen, wir haben Versammlungen abgehalten, -u denen die überwachenden Polizeibeamten wie die geknickten rnivenstengel da saßen. (Sehr gut! bei den Antisemiten.) Der von dir Stargarder Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgte Krösell aber wurde von der Bauernschaft zum Ehrenmitgliede eines Vereins gcrvählt. Der Staatsanwalt aber wurde aus Pommern in eine Stadt ersetzt, in der es nur Polen und Juden gibt, sicherlich eine schlimme -'rase! (Stürmische Heiterkeit bei den Antisemiten.) Vielleicht hätte in i'. ihn auch zun: Justizminister von Korea ernennen können, gen einen reichen Juden wäre kein Steckbrief erlassen worden! Präsident Graf Ballestrem: Jetzt gehen Sie zu weit. Sie leidigen die Staatsamvaltschaft und ich rufe Sie deshalb zur rdnnng. Abgeordneter Böckser: (Ant. fortfahrend): Gegen die Juden A>olff und Marcus ist kein Steckbrief erlassen worden. Es sind ja' aber in letzter Zeit genug Juristen uni die Ecke gegangen. Sodann kritisierte Herr Böckler noch die Gefangenenbeschäftigung und Gefangenenbehandlung in Moabit, Plötzensee nsw., die er zum Teil aus eigener Erfahrung kennt und beleidigte den verdienstvollen Geheimrat Baer in so unerhörter Weise, daß man sich wirklich über die Langmut des Präsidenten wundern muß, der solche Angriffe ungerügt ließ. Auch der freisinnige Abgeordnete Lenz mann brachte ill derselben Sitzung einen charakteristischen Fall vor, um die Schattenseiten der Schwurgerichte zu beleuchten. Der Fall lag so: Ein Jude war angeklagt, an einem christlichen Mädchen Notzucht verübt zu haben. Der Angeklagte machte den Einspruch, er habe gar nicht gewußt, daß das Mädchen blödsinnig sei. Da gab der Richter folgende Rechtsbelehrung ab: Wenn ein deutsches Mädchen sich von einem Inden mißbrauchen läßt, so spricht in der Tat von selbst die Vermutung dafür, daß das Mädchen verrückt sein muß. (Heiterkeit.) Wenn einer von den Geschworenen auch nur halbwegs verständig w.ir, so mußte er dem Richter antworten: Nicht das Mädchen, aber Sie find blödsinnig! Schließlich hielt Herr Krösell noch eine lange Rede, die aber niemand mehr anhörte. $ Die österreichische Wahlreform wird den Juden leider nicht viel Gutes bringen. Es dürsten in Galizien vier bis fünf, in der Bukowina zwei, ja sogar in Wien zwei Wahlkreise jüdische oder für beit jüdischen Kandidaten stimmende Mehrheiten haben. Das sind allerdings nicht die zirka siebzehn Mandate, auf welche die Juden nach ihrer Bevölkerungsanzahl Anspruch hätten. Bekanntlich machen die Juden in Oesterreich etwa vier Prozent der Gesamtbevölkernng aus. Die Hauptsache bleibt natürlich Galizien, das in der Regierungsvorlage mit 88 Mandaten bedacht wird. Die Juden bilden in Galizien zirka 11 Prozent der Gesamtbevölkerung, sie hätten also einen Anspruch auf 10 bis 11 Mandate. Tatsächlich hat man an sie ursprünglich gar nicht gedacht, und erst eine im ganzen Lande angefachte Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung ans sie und die Juden wurden mit 5 Mandaten bedacht, d. h. es wurden 5 Wahlbezirke geschaffen, in welchen die Juden die Majorität besitzen, und zwar: 1 Mandat in Lemberg, 1 in Krakau, 1 in Stanislau, 1 in Brody-Zloczow, 1 in Kolomea-Buczacz. Statt 10 bis. 11 erhalten sie also 5 — dafür haben sie aber die Pflicht, den Polen zu 11 Mandaten zu verhelfen, welche sonst in ruthenische Hände fallen könnten, außerdem sind in 11 ostgalizischen Landgemeinden Wahlbezirke, wo die Polen nur mit Hilfe der Juden die nötigen 30 Prozent Stimmen aufbringen können. Die Bukowina schickte bisher zwei Juden in den Reichsrat, einen von der Stadt Czernowih, einen von der Handelskammer. Czernowitz erhält jetzt zwei. Mandate, es könnte also das Stadtmandat den Juden erhalten bleiben. Um ihren Besitzstand zu erhalten, müßten die Juden trachten, das Städtemandat Sereth-Suczawa-Radautz zu bekommen, wo sie gute Chancen haben. Also auch im günstigsten Falle wird die jüdische Vertretung im künftigen österreichischen Parlament eine sehr knappe sein. * Die Jnventnranfnahme bei den verschiedenen Religionsgemeinschaften, welche im katholischen Frankreich zu heftigen Austritten und förmlichen Kirchenkrawallen geführt hat, ist am 18. v. M. in der Synagoge in der Rue de la Bictoire ganz glatt vor sich gegangen. Die Juden wußten eben, daß diese Aufnahme ausschließlich im Interesse der Zukunft der religiösen Genossenschaften selber vorgenommen wird, um den Besitzstand derselben offiziell festzustellen. Ohne Skandal ging es freilich auch hier nicht zu. Obgleich nämlich die öffentliche Jnventuraufnahme in den andern drei Pariser Synagogen ohne alles Aufsehen bereits erfolgt war, haben die antisemitischen Blätter dennoch ein großes Geschrei erhoben, weil die Ausnahme in der Rue de la Bictoire noch nicht stattgefunden hatte. Gleichzeitig verbreiteten sie die Nachricht, Baron Rothschild habe auf eine Anfrage, wann dem Gesetze Genüge geschehen könnte, den Behörden erklärt, sie sollen sich gar nicht erst bemühen, denn sie würden verschlossene Türen finden. Das Blatt „Le Soleil" fügte noch hinzu, die Regierung habe sich dem Befehl des Barons Rothschild unterworfen. Auf diese Anzapfung hin beeilte sich der Präfekt, die Formalität umgehend zu erledigen. Da das Gesetz vorschreibt, daß die Ausnahme den betreffenden