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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 gebraucht werden, um Gedanken zu verbergen. Wie wahr ist, was Herr Dr. Eoblenz in einer Neujahrspredigt aüsspricht: „Hütet Euch vor jener Selbstüberschätzung, die, geblendet durch das Licht unserer Lehre, jeden Buchstaben und jedes Wort in unserem Schrift» turn als selig und göttlich bezeichnet, die es nicht ertragen kann, wenn man bei allem Verständnis für die Größe unserer Religionswerke, doch auch zu prüfen und zu scheiden wagt. Betrachtet Euer Judentum, wie es heute sich darstellt als das Ergebnis einer vielhundertjährigen Entwicklung, die doch schließlich nur das Produkt menschlicher Geistestätigkeit ist und darum nicht freibleiben konnte von Fehlern und Schwächen. Die Entwicklungsfähigkeit des Judentums leugnen, heißt unsere ganze Vergangenheit leugnen, die eine fortlaufende Entwicklung ist, heißt unsere ganze Zukunft preisgeben. Warum stehen denn — fragt der Redner — in unseren Tagen so viele in kalter Gleichgültigkeit teilnahmlos beiseite, und achten nicht des Glaubens der Väter? Weil sie sich abgestoßen fühlen von dem Formendienst, den man so oft für echtes Judentum ausgibt, weil sie ihre Gottesverehrung nicht hineinzwingen lasten in die veralteten Bräuche, die vor Jahrhunderten in den engen Verhältnissen der dumpfen Judengasse unsere Väter vielleicht erbauen mochten. Wollen wir das Judentum für die Zukunft retten und erhalten, dann müssen wir seine Entwicklungsfähigkeit anerkennen, dann muß es uns gestattet sein, seine Formen ümzugestalten nach den veränderten Verhältnissen einer veränderten Zeit." Wie beherzigenswert sind die zeitgemäßen Worte des Redners: „Laßt Euch nicht verlocken um materiellen Vorteils willen, Euer Judentum hinzugeben und um den Preis einer Lüge einer anderen Religionsgemeinschaft Euch anzuschließen. Denn eine Lüge wäre es, wenn Ihr zu einem Bekenntnis übertreten wolltet, von dessen Glaubenssätzen Ihr nicht ganz durchdrungen seid und dessen Dogmen nicht als heilige Ueberzeugung in Eurer Seele leben." Als hervorragend seien hier zum Schluß noch erwähnt die beiden Passah-Predigten: Die biblischen Wunder und Das biblische Sittengesetz im Lichte unserer Zeit und über Bibel und Babel, in welchen aktuelle Fragen in lichtvoller Weise behandelt werden. Den Schluß dieser sehr empfehlenswerten Predigten bildet eine für Chanukah: lieber Begeisterung, in welcher besonders die Frage: Wie wecken wir Begeisterung für das Judentum? behandelt wird. Mögen diese herrlichen Reden einen weiten Leserkreis finden! ----- Scherbel, Dr. Simon, Arzt in Lissa (Posen). Jüdische Aerzte und ihr Einfluß auf das Judentum. Berlin—Leipzig. I. Singer & Co. 1906. Ein moderner jüdischer, ein moderner deutscher Arzt hat sich mit der hochinteressanten Aufgabe befaßt, jüdische Aerzte und ihren Einfluß auf das Judentum zu würdigen. Unseres Wissens liegt in der Darbietung des Verfassers die erste Arbeit vor, welche für den jüdischen Arzt von besonders fesselndem Reize sein müßte. Bedenkt man, wie ablehnend die allermeisten modernen jüdischen Aerzte gegen die Geschichte ihrer Glaubens- und Berufsgenossen aus alter Zeit sich verhalten, muß man schon aus diesem Gründe der literarischen Leistung unseres Autors im Dienste des Judentums hohe Beachtung und volle Anerkennung zollen. Indessen zieht die Arbeit an und für sich unsere gespannte Aufmerksamkeit auf sich. Den hier in Betracht kommenden, nahezu zwei Jahrtausende umfassenden, reichlich und überreichlich vorliegenden Geschichtsstoff beherrscht der Verfasser mit Sicherheit. Mit Geschick sammelt, ordnet und sichtet er das gewaltige, bisweilen sehr spröde Material. Er ist bemüht, meistens erfolgreich bemüht, mit objektiver Ruhe und Klarheit zu urteilen und dock hat —- zu seiner Ehre sei es anerkannt — das Herz, das warm fühlende, jüdische Herz ihm die Feder geführt. Von der Warte des positiven Judentums überschaut und bewertet er den Einfluß jüdischer Aerzte apf das Judentum. Vom Jahre 160 nach der üblichen Zeitrechnung bis in die Gegenwart führt er uns mehr als 100 jüdische Aerzte vor. welche zumeist dem Judentums zur Ehre gereichten und ihre Zeitgeuoflen in geistiger, religiöser, sittlicher, sozialer und politischer Hinsicht in segensreicher Weife förderten^ Sehen wir von den jüdischen Berufsgenoffen des Verfasserim 18. und,18.' ZHtztzmrtzeH ab,' gilt wsht' v»n._s»st.'.sAsn.. hier namhaft gemachten Männern der Heilkunde die AMage, welche det Verfaffer gelegentlich macht: „Er war ein gebildeter Rabbiner, zugleich auch Arzt und Staatsmann." Diese universelle Veranlagung unserer geistig regsamen, sittlich ernsten Ahnen gibt sich überall und immer, wo sich die Möglichkeit dazu bietet, auf das glänzendste zu erkennen. Stets stellen diese geistig hervorragenden Männer ihre geistige Kraft und praktische Tätigkeit in den Dienst des Judentums. Innerhalb, des sehr beschränkten Raumes und Rahmens von knapp 75 Seiten greift derVerfasser mit Geschick die markantesten Persönlichkeiten heraus, welche er etwas eingehender mit warmherziger Liebe uns vorführt. Um nur einzelnes zu erwähnen, weisen wir ans die lichtvollen Ausführungen des Verfassers über Mar Sqmuel, Mose ben Maimon (nicht ben Maimuni), Mose ben Nachman, Levi ben Gerson und andere Männer hin. Warum hat der Verfasser es sich entgehen lassen, Maimunis medizinisch-wissenschaftliche Leistungen näher zu beleuchten? Professor Pagel-Berlin hat auf dem Kongresse der Aerzte und Naturforscher in Breslau (September 1904) Maimunis medizinische Bedeutung zum Gegenstände eines interessanten Vortrages gemacht. Maimunis „Makrobiotik" war nicht mit Stillschweigen zu übergehen. Maimunis Schilderung dev ihn überaus anstrengenden, ihn nahezu aufreibenden medizinisch-praktischen Tätigkeit, welche Mose seinem Verehrer Jbn Tibbon Tibbon wollte den Meister persönlich in Fostat aufsuchen — in einem sehr fesselnden Schreiben entwirft, verdiente in dieser Schrift Beachtung und Aufnahme. Daß Maimuni ursprünglich Kaufmann war, daß er nach Verlust seines Vermögens sich entschloß, zu seinem Lebensunterhalte die ärztliche Praxis auszuüben, war doch wohl der Erwähnung wert. Verfasser verkennt völlig des Mose ben Nachmani Bedeutung für das Judentum für seine und alle Zeit. Nachmani war keineswegs ein Gegner, sondern vielmehr ein Verehrer Maimunis, auch wenn er des Maimuni religionsphilosophische Anschauung bekämpfte. Im Streite der Maimunisten und Antimairnunisten nahm Nachmani eine versöhnende und vermittelnde j Stellung ein. Nur das Studium des „More Nebuchim“ wollte Nachmani als gtaubensgefährlich verbieten. Für die Beschäftigung mit Maimunis „Mischne Thora V au(f) mit den daselbst niedergelegten religionsphilosophischen Anschauungen Maimunis, trat Mose ben Nachmani voll und ganz ein. Nachmani war ein Kind seiner Zeit. Er beschäftigte sich auch eifrig mit Kabbala und Mystik. Sein klarer, lichtvoller, meisterhafte Gedanken sprühender Geist hat dabei keine Einbuße erlitten. In schwerer Stunde hat er das einwandsfrei, mannhaft und tapfer vor der breiten Oeffentlichkeit bewiesen, bei Gelegenheit der Religionsdisputation zu Barcelona. Verfasser behauptet daher zu Unrecht mit Grätz, Nachmani habe zur Verdunklung und Verkümmerung des Judentums das Seinige beigetragen. Konsequenterweise müßte Verfasser dasselbe Verdikt über den von ihm mit besonderer Vorliebe behandelten Levi ben Gerson aussprechen. Bei allem Freimut seiner Forschung war auch Gersonides ein Kind seiner Zeit, Anhänger der Astrologie. Gleich Nachmani war er kabbalistischen Aspirationen zugänglich. Auch er rechnete gleich Nachmani dasselbe Jahr für das Eintreffen des Messias heraus, und tat sich darauf sehr viel zugute. Weitere Bemerkungen über diese Schrift stellen wir zurück. Sie beeinträchtigen kaum den Wert der trefflichen Arbeit. Diese Schrift Scherbels verdient in jüdischen gebildeten Kreisen vollste Beachtung und. weiteste Verbreitung. Dem Wunsche, mit welchem der Verfasser seine beachtenswerte, hochinteressante Schrift krönt, schließen wir uns mit vollem Herzen an. Seinen jüdischen Berufsgenossen ruft der Verfaffer eindringlich zu: „Mögen die Jünger der Heilwissenschaft auch in der Jetztzeit, in welcher sich die Sonne der Humanität und Gedankenfreiheit.. . auch auf Judas Söhne ergießt, niemals aushören, die nationalen Erinnerungen zu bewahren und zu pflegen und das Banner jüdischer Treue und jüdischen Glaubensmutes hoch zu halten, zu beschützen und zu verteidigen!" BreSlau. Dr. Immanuel Deutsch. Druck und Verlag von «Udols Mosfe tu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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