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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 — eMKlM, ^gflerHalls, ^wcyi iA. nicht -ni^hr rmstsnde, mir klar Rechenschaft voy -mn abzu^eben, was ich,tat. Auf dem.ersten Treppenabsatz standen Gurweiß Kinder und seine Frau, die sich über sie beugte, um sie zu schützen. Jetzt stürzten sie . uns alle weinend und schreiend entgegen. Eurweiß nahm das jüngste Kind auf den Arm und umarmte mit dem anderen seine Frau, die in hysterische Krämpfe verfiel. Dabei flüsterte er leise, hälbabgebrochene Sätze, um die Seinen zu beruhigen.. Ich . warf mich in die zertrümmerte Tür mitten in die rasende Menge. In demselben Moment ertönte ein naher Trommelwirbel. Ich weiß nicht, ob es die Wirkung meines unmenschlichen Schreies war, der sich mir Plötzlich aus der trockenen Kehle losriß, oder mein Anblick allein — ich warf mich wütend mit geballten Fäusten der Menge entgegen, Waffen hatte ich nicht — oder endlich der Trommelwirbel, vielleicht auch alles zusammen, aber der rasende Haufe blieb einen Augenblick bewegungslos stehen und stürzte dann kopfüber die Treppe hinunter. Mich rissen sie mit. Es war eine richtige Panik, in die ein solch elementarer Ausbruch leicht verfällt. Ich hatte einmal einen Faustkampf gesehen, in dem Menschen, die sonst nichts gegeneinander hatten und die nur das Beispiel mitriß, sich plötzlich einander gegenüberstellten, in zwei feindliche Lager. Nichts störte sie, nichts drohte. Plötzlich tönte ein Schuß — j Ingenieure sprengten in der Nähe eine Felswand — und die! Menge entfloh plötzlich. Der Widerhall des Schusses war einj fach wie eine Dissonanz in der allgemeinen Atmosphäre gewesen, er hatte die Stimmung vor dem Kampf aufgerüttelt und das genügte. Wie eine erschreckte Herde stürzte die Menge die Treppe hinunter, genau so unbewußt, wie sie vorher alles zerstört hatte. Mit jedem Schritt beschleunigte sie ihre Pflicht, mit jeder Sekunde schien ihre Panik zu wachsen. Man sprang aufeinander, man stieß sich wie Schlafende oder Betrunkene. Plötzlich verlor ener das Gleichgewicht und flog über das Treppengeländer von der zweiten Etage kopfüber auf die steinerne Diele des Hausflurs. Wir hörten oben den dumpfen Fall, dann einen wilden, unmenschlichen Schrei, ans den plötzlich ein tiefes Schweigen folgte. Alles erstarrte förmlich in diesem Schweigen. Gurweiß stand unbeweglich und blaß, auf dem einen Arm hielt er noch immer das Kind, mit dem anderen umfaßte er feine Frau. Sein Gesicht zuckte, die Augen hatten einen stumpfen, harten Glanz. Jetzt hörte er den Schrei, er erzitterte wie wir alle, und der Arm, mit dem er eben noch sein Weib umschlungen hatte,, fiel herab. Noch ein Augenblick, ein momentanes Zögern, eine kurze Bewegung, die die ganze Schwere dieses inneren Kampfes verriet und der Mensch und Arzt siegte über den beleidigten Vater und Bürger. Er setzte das Kind auf den Boden und griff mit einer inechanischen Bewegung in seine Brusttasche, wo er immer seine Instrumente hatte, dann lief er die Treppe hinunter.. . Wortlos, mit geschlossenem Mundeohne einen Laut, noch immer blaß und mit dem gleichen harten, stumpfen Blick untersuchte er den Puls und den Herzschlag des Gestürzten, dann verband er ihm den Kops und das Bein und wusch das Blut ab. Die Dienerschaft des Hauses und ein paar Gefährten des Verunglückten standen in einem dichten, schweigenden Kreis um ihn herum. Was in ihren Blicken und Augen lag, ich weiß es nicht. Ich weiß nur noch, daß ich Gurweiß voller Bewunderung ansah, ich weiß auch noch, daß mich das Schweigen bedrückte, ich wollte ihm etwas Warmes, etwas Liebevolles sagen, und vielleicht empfanden auch die anderen etwas Aehrlliches... Man sägt, daß die Frau einem solchen Bedürfnis weniger widerstehen kann als der Mann. Hier war es allenfalls so, eine Frau brach den Bann. „Väterchen meines, Wohltäter unser!" rief eine unter Tränen, „Deinen eigenen Feind verbindest Du noch, ein Gerechter bist Du, ein Heiliger!" Daß war zu viel für Gurweiß, er ertrug es nicht, so wie Kinder und Erwachsene es nicht vertragen, wenn man ihnen ihren mit Mühe zurückgehaltenen Schmerz in Worten schildert. Solch ein Mitleid reißt nur die Wunden von neuem auf, es beruhigt nicht und tröstet nicht. Bei Kindern verschärft es das Gefühl des Schmerzes, bei Erwachsenen weckt es den Stolz für den das Mitleid immer etwas Beleidigendes hat. Was soll ihm das Mitleid, wenn sein Kopf sich unter den schwersten Schlägen nicht beugt, was sollen ihm diese Tränen, wenn er tausendmal mehr leidet als jene, und doch seine Augen nicht überfließen läßt, nicht einmal aufstöhnt! Gurweiß hielt es nicht aus. Er hob den totenblassen Kopf zitternd, empört, und warf einen Blick auf die Umstehenden. „Es ist nicht wahr!" schrie er scharf, „es ist nicht wahr, ich bin ein Jude!" Das war alles, was sich seinen zusammengepreßteu Lippen i entrang, alles, was er den Menschen als Vorwurf ins Gesicht j schleuderte. Dann legte er seinen müden Kopf an meine! Schulter und schluchzte plötzlich wie ein Kind. . .! Lttersrilche Wittttlungrn.! Dr. F. Coblenz: Predigten, gehalten in der Synagoge zu. Bielefeld. Berlin, 1905. S. Calvary &■ Co. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Reden unserer Prediger zu wenig gehört werden, und das; darum die herrlichsten Worte leer verhallen, ohne besonders auf diejenigen Kreise eine segensreiche Einwirkung auszuüben, für die sie gesprochen sind. Man muß es daher freudig begrüßen, wenn berufene! Prediger, die aus dem Leben schöpfen und auf das Leben wirken wollen, das gesprochene Wort durch den Druck festlegen und es Lesern zugänglich zu machen suchen. Ist es ja zudem auch der beste Prüfstein für die Gediegenheit einer Predigt, wenn sie gelesen auch noch Eindruck zu machen imstande ist, wodurch sie der vornberrauschenden Flüchtigkeit entrückt, an dauerndem Wert, zugleich als Kultur- und Zeitbild gewinnt. Zu solchen Reden gehören die vorliegenden, die Herr Rabbiner Dr. Coblenz aus Anlaß des 25jährigen Amtsjubilänms des verdienten Präsidenten der Bielefelder israelitischen Gemeinde, Herrn Moritz Katzenstein, erscheinen ließ. Die Reden zeichnen sich durch eine feinsinnige, freisinnige Auffassung des Judentums aus, und machen die Offenheit und der Freimut, gepaart mit vornehmer Einfachheit und biederer Schlichtheit, einen tiefen Eindruck auf den Leser, der es empfindet, daß er hier einen modernen jüdischen Geistlichen vor sich hat, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und der über die wichtigsten Fragen der Religion und des Lebens, die oft im schroffen Gegensätze zueinander stehen, tief gedacht und ungescheut sich ausgesprochen hat. Wir fühlen es dem Redner nach, wenn er schreibt: „Geht doch und lauschet jenen geschäftigen Rednern, die mit dem Munde sprechen, aber nicht mit dem Herzen. Sie mögen geistvolle Wendungen gebrauchen, sie mögen der Hörer- Kreis durch den Glanz ihrer Beredsamkeit erquicken. Aber sie können nicht hinreißen, nicht dauernd wirken, das mag nur die Kraft der Ueberzeugung, die der Mensch sich errungen in ernster Geistesarbeit. Was er in tiefer Gedankenarbeit erworben, das hält er fest, das vertritt er mit schonungsvoller Milde zwar, aber doch auch mit jener unerschütterlichen Kraft, die fest wurzelt in der sicheren Ueberzeugung." Es mögen hier noch einzelne Proben aus diesen Reden folgen, die uns darüber belehren, daß wir es hier nicht, mit Reden gewöhnlichen Schlages zu tun haben, in welchen oft Worte

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