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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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•JW,,TTP» - 1.06 - —-: ' ' ■ / '.'''- der :toten,, unorganischen Natur gemein. Hier wie dort sammeln. sich jahrSlang, in der Stille verborgen, Kräfte an,die dann nur auf den kleinsten Anlaß, die geringste.Bewegung harren, nur die Katastrophe herbeizuführen. Die ungeheure Lawine, die Wälder stürzt und Dörfer verschüttet, löst sich vom Felsen oft infolge des Weinens eines Kindes. - In solchen Aufbrüchen der unorganische»» Welt sehen wir etwas Grausames. vor dem wir die Hände in den Schoß legen; »vir tadeln nicht und loben nicht, »vir kennen sie als etwas au, was außerhalb.unseres Willens liegt und suchen nur zu verstehen und einzudämmen. Die elementaren Ausbrüche des menschlichen Lebens mit ihren Stürmen fassen wir anders aus. Wir lieber» oder hassen sie, »vir tadeln oder loben sie, wir legen immer wieder das Maß unserer menschlichen Sympathien an. Und doch sind sie in ihrer Art »nit jenen Naturausbrüchen verwandt, sie sind ebenso grausarn und unbewußt wie jene, »rnd ebenso außerhalb des Bereichs unseres »»»enschlichen Willens. Die Kinderkreuzzüge in» Mittelalter zürn -Beispiel waren nichts anderes als so eine rollende Lawine. Die bäumenden Wellen solcher Stürme »venden sich ge»vöhnlich dorthin, wo sie den geringsten Widerstand finden, das heißt, sie vernichten diejenigen, welche in dem gegebenen historischen Moment gerade die Schwächsten sind, schwach nicht nur in physischer, sondern auch in rechtlicher Beziehung. Darum hat es oft den Anschein, als hätten sie von Anfang an die Absicht gehabt, sich nur gegen diese Schwächsten zu »venden. Auch dieses ist ein Gesetz der toten, unbelvußten Nat»»r, das Gesetz des Orkans. Der mit Dämpfen überfüllte Kessel platzt an der Stelle, wo er a»»f den germgster» Widerstand stößt. Schlagt die Bücher der Geschichte auf, epische Erzählungen oder Märchen, in denen, das inenschliche Schaffen in künstlerischen Bildern seine Anschauringen und seine Erfahrungen niederlegt und ihr »verdet sehen, daß. bei solchen elementaren Ausbrüchen der Schwächste die Schuld aller bezahlt; die angesaminelten Leidenschaften stürzen sich auf ihn und machen ihn verantwortlich für alles, das zu ihrer Entstehung beigetragen hat. In diesen» Falle »var es die jüdische Ärrnnt getvesen, gegen die sich der elementare Ausbruch des Straßensturmes wandte.. Die erregte, aufgebrachte Menge hatte sich plötzlich einen» blinden Drange hingegeben, sie zerstörte und vernichtete, ohne nach dem Waruin und Wozu zu fragen. Mit elemeirtarer Ge»valt, »nit krankhafter Wut. fast, stürzte sie sich auf die jüdischen Kaufläden und Wohnungen, man schrie, .man raste, inan zerstörte.. Wie ein elektrischer F»»nke sprang die Raserei der Zerstörung von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe, jeder von neuen» zerstörte Kramladen steigerte auch die allgemeine Erregung. — Die Menge tobte, zerbrach, schlug, vernichtet^, nur um das Krachen und Stürzen der vernichtete»» Gegenstände zu hören; jeder geschickte Schlag versetzte sie in Extase, jedes Klirren entzückte sie, ganz gleich, ob es die Zerstöru»»g einer großen Spiegelscheibe bedeutete oder den Bruch eines kleinen, blinden Fensters. . . Die Lawine rollte, »»nd sie vernichtete alles, was sie auf ihren» Wege fand. Gurweiß und ich kamen müde und erschöpft aus. de»n Spital, wo wir eben dem unglücklichen Dulder die .Augen geschlossen hatten. Gurweis; wohnte in.der ärmlichsten Gegend. Wir »nußten d»»rch Straßen gehen, wo der Aufruhr ain »»»eisten gewütet hatte. Zerschlagene Fensterscheiben lagen umher, aus zerrissenen Polstern flogen die Federn auf, Fetzen und Trümmer verstellten den Weg, dazwischen stöhnten und jaminerten Hand? werker, die eine einzige Stunde in obdachlose Bettler ver- »vandelt hatte.- Neberall weinten Kinder, Frauen schluchzte»» überall Elend,.entseMch!es,..seelenzerreißen.dM Elends- Gurweiß schwieg, ich hörte ihn nur..ungestürnu stotzwMe Mmen..Ein tiefer.Schinerz u»n die.Seinen, diese Ünglübklichen,. die dafür leiden mußten, daß sie eine andere Sprache und andere Sitten hatten, eine Erbitterung, die. jede»»» verständlich sein muß,, der sich in die Seele eines andern versetzen ka»»n, preßte seine Lippen zusammen und machte seine Wangen noch blasser. War doch er, der sich so ga»»z den anderen hingab, „ein Jude", also »nußte sich die.blinde Leidenschaft auch gegen ihn wenden und er »nr»ßte neben diesen Bettlern stehen, ihnen helfen und sie. verteidigen. Wo war die Grenze zwischen ihm und ihnen, eine Grenze, die er nie hatte anerkennen wollen. Diese und ähnliche Gedanken brannten mich wie glühendes Eisen und doch »nußte er das alles noch viel tiefer und leidenschaftlicher fühlen als ich. Aber ich verstand, welcher Kampf in seiner Seele vorging, was für bittere, brennende Tränen in ihm aufstiegen ... ich begriff, warum er so zitterte und schwer atinete. — Und ich schämte mich meiner selbst, ich schämte mich, weil ich sein Los und sein Unglück in diesem Augenblick nicht teilen konnte, und »veil ich, ohne es selbst zu wollen, doch zu. denen gehörte, die ihm diesen unsäglich - großen Schmerz angetan hatten. „Siehst Du die Herde", schrie er endlich auf, als wir an einer Hütte vorbeikamen, von der buchstäblich nicht ein Stein an seinem Platze geblieben »var und um die ein paar Kinder in zerrissenen Kleidern jammerten. — „Siehst Du, das ist sie, die elementare Gerechtigkeit! Das Elend gegen das Elend! — Der Arme gegen der» Arn»en, wegen einer anderen Sitte, »vegen eines anderen Kleids! Klug, was!" , Er warf den Kindern Geld hin und ging schweigend weiter, mit zusammengebissenen Lippen, vor Aufregung zitternd, und ich schlich neben ihm wie ein Schuldiger, ohne Worte, ohne Gedanken. Ich fühlte, wie diese Schuld der Meinen sich langsam auf mich legte. , . In» .Grunde genommen hatte jeder von uns zu den Seine»», in diesem Augenblick die gleichen Beziehungen. Gurweiß war dieser jüdischen Masse in seinem Innern ebenso fremd, »vie ich der Menge,, die sie geplündert hatte. Und doch .kam jetzt dieser unbegreifliche Zusammenhang eines jeden mit seiner Gruppe deutlich und scharf zu»»» Vorschein. Ich weiß noch, daß ich nicht länger an mich halten konnte, ich ergriff seine Hand und umarmte. ihn. Er umschloß mich »nit zitternden Armen und ich fühlte,, wie etwas Warmes, Feuchtes aus seineiu Auge auf meine Wange fiel. Ich weiß nicht, was Gurweiß dachte, aber mir kam auch nicht im entferntesten die Idee, daß die rasende Menge auch seine Wohnung hätte angreifen können. War er doch der populärste Arzt! Nicht einen Augenblick lang verdunkelte die Angst um sein Nest, wo er unter den Semen von seiner schweren Arbeit ausruhte, »»»eine ohnedies schon so düsteren Gedanken. Gurweiß beschleunigte allerdings seine Schritte inehr und mehr, doch ich beachtete es nicht. Ich glaubte, daß er einfach diese»»» entsetzlichen Schauspiel so rasch als möglich entgehen wollte. Ich vergaß, daß das Element blind ist, daß es in seiner Zerstörungswut nicht mehr wählt. , Und ich stöhnte entsetzt auf, als auch „sein Rest" uns das Bild ^völliger Zerstörung darbot. Die Judenhetze war im vollsten Gang, die Menge tobte in seinen» Haus, und en»pört, blind vor Zorn fast, stürzte ich die Treppe hinaus. Alles, was »nich gequält hatte an bitteren Gedanken und Gefühlen, wich einer entsetzlichen Wut, die vielleicht ebenso elementar »»nd unbewußt war, wie die Raserei .der Meuterer. Vielleicht .war es eine psychische Ansteckung, die nur eine andere Richtung

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