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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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brach sich in. ihm allmählich so gewaltig Bahn, daß er der Theologie den Rücken kehrte und in Handelsgeschäften seist Heil versuchte. Daneben betrieb er fleißig die Münzkunde und wandte sich dem Studium der Antiquitäten zu. Durch seine außerordentliche Tüchtigkeit, seinen beharrlichen Fleiß und die Gediegenheit seines Charakters, die sich in allen seinen geschäftlichen Maßnahmen bekundete, erwarb er sich bald nicht allein das Vertrauen seiner Landsleute, sondern auch all derjenigen, die aus nah und fern zu ihm kamen, um seinen Rat einzuholen. Er erhielt schnell bedeutende Aufträge und wachsenden Kredit. Und das kleine Bankhaus in seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., die damals die bedeutendste Handelsstadt Deutschlands war, und deren Messen mehr besucht waren als die aller anderen Städte, nahm rasch einen gedeihlichen Aufschwung. Besonders fand Mayer Amschel Rothschild Verwendung als Zwischenhändler unter den Wechselfirmen von Frankfurt, Mainz und Darmstadt. Durch seine außerordentliche Kenntnis im Münzwesen kam er u. a. auch in Berührung mit dem Landgrafen, dem nachherigen Kurfürsten Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, mit dem er so manches Geldgeschäft machte, und der ihn 1801 zu seinem „Hoffaktor" ernannte. Im nächsten Jahre schloß Rothschild das erste große Anlehen seines Hauses mit dem dänischen Kabinett von zehn Millionen Talern ab. Wie in Deutschland, so wurde er auch vom Ausland als der solideste Bankier anerkannt, seine Redlichkeit hatte ihm eben Vertrauen und das Vertrauen Kredit verschafft, und der Kredit verwandelte sich durch den weitreichenden Blick des Finanzmannes in das bedeutendste Kapital. Das Verdienst, welches sich Rothschild zur Zeit Napoleons l. um das kurfürstliche Privatvermögen erwarb, ist wohl hinlänglich bekannt. Als nämlich der genannte Kurfürst 1866 bei der Annäherung der Franzosen aus seinem Lande flüchten mußte, übertrug er Mayer Amschel die Sorge um sein Privatvermögen und es gelang diesem, nicht ohne eigene Gefahr, durch Mut und Klugheit dasselbe zu retten und gewissenhaft zu verwalten. Der „Hofsaktor" des alten Kurfürsten, der am 19. September 1812 zu Frankfurt a. M. starb, sollte die Rückkehr des Kurfürsten von Heffen in seine Staaten nicht mehr erleben, doch bewahrte dem Verblichenen sein Landesherr stets dankbare Erinnerung und 1814 berichtete er den vereinigten Potentaten über die edle Handlung Rothschilds, die dem Hause die. Klientel der heiligen Alliance verschaffte. Die Kaiser von Rußland und Oesterreich, die Könige von Preußen, England, Sardinien, Neapel und Dänemark beauftragten nun das Haus, das in Wien, Paris, London und Neapel neue Filialen gründete, die zwar selbständig operierten, aber beständige Fühlung mit der Frankfurter 'Firma M. A. von Rothschild & Söhne hieltenmit ihren oft sehr komplizierten Finanzangelezknheiten; denn erst nach dem Tode des alten Mayer Amschel traten jene politischen Verhältnisse ein, die das Haus Rothschild durch eine ununterbrochene Reihe Geld- und Kreditoperationen zu seiner gegenwärtigen Höhe geführt haben. Nach Napoleons Sturz entstanden all die zahlreichen Anleihen, die sich zu einem förmlichen System ausbildeten, und an der Spitze allen dieser Unternehmungen stand die Firma. In einem Zeitraum von anderthalb Jahrzehnten allein wurden mehr als zwei Milliarden und vierhundert Millionen Franken, teils für Anleihen, teils für Snbsidienzahlungen auf Rechnung mehrerer europäischer Mächte durch das Haus Rothschild negoziiert. Nach dem Tode seines Vaters wurde Amschel (Anselm) Mayer von Rothschild, sein ältester Sohn, der Chef des Rothschildschen Stammhauses, und unter ihm gelangte dasselbe zur höchsten Blüte. Früh von seinem Vater ins GeschästSleben-eingeweiht, hatte er? ein Finanztakent erste« l Ranges, bereits: tn ' seiner Jugend die Wechselfälle des Finanzlebens kennen gelernt und durch seine unermüdliche Tätigkeit, seinen Scharfsinn und ’ seine kühne Kombination alle jene Ziele erreicht, denen er allezeit nachstrebte. Von jeher betrachtete er nämlich als die Aufgabe seines Lebens, das glänzendste und großartigste Bankhaus Europas zu schaffen, was ihm denn auch gelang. 1 Dieser so mächtige, einflußreiche und nicht allein von seinen Glaubensgenoffen, sondern von der ganzen christlichen Welt und nicht minder von den Fürsten Europas gefeierte Mann — er wurde in den Adelsstand erhoben und zum preußischen Geheimen Kommerzienrat und zum bayerischen Konsul und Hofbankier ernannt — war einer der einfachsten und schlichtesten Bürger Frankfurts. Jeder Glanz und jeder äußere Prunk war ihm fremd, schlichter gekleidet als seine Untergebenen, tat er sich in Wort und Schrift keinen Zwang an und war gegen jedermann menschenfreundlich. Er liebte den Witz und war selbst geistreich, seine Bon mots und Galembourgs kursierten überall. Ueber sein Wesen und seinen Charakter waren allerlei bezeichnende Anekdoten im Schwange, von denen hier nur einige mitgeteilt werden sollen. In seinem prächtig eingerichteten Landhaus vor dem Bockenheimertor in Frankfurt a. M. gab er einst einem englischen Minister ein glänzendes Diner, zu dem außer den Bundestagsgesandten auch viele hochgestellte Männer, die sich7zu jener Zeit in Frankfurt a. M. aufhielten, geladen waren. Als er nach aufgehobener Tafel einem Teil der Gesellschaft die prachtvoll eingerichteten Gemächer, den schönen Garten mit Treibhäusern, worin sich die seltensten Pflanzen der West befanden, seine großartigen Stallungen und die kostbarsten Pferde und Equipagen gezeigt hatte, ging er mit dem jungen Privatsekretär des Ministers im Garten spazieren. Als der Engländer seine Verwunderung über all die Herrlichkeiten aussprach, die er soeben gesehen hatte und ihn glücklich pries, da es ihm ein Leichtes sei, dies alles und wenn er wolle auch noch mehr anzuschaffen, entwickelte sich zwischen beiden das folgende Gespräch: „Sie sind noch ein junger Mann", sagte Baron Rothschild, „der, wie es mir scheint, leicht durch äußeren Glanz zu blenden ist und daher will ich zu Ihrer Belehrung offen mit Ihnen sprechen. Sie haben meine Häuser gesehen und die schönen Räume, sowie die kostbare Einrichtung derselben bewundert; ich habe dies alles so einrichten laffen, um meine Gäste ihrer würdig darin empfangen zu können. Was mich betrifft, der ich nicht von Jugend an daran^gewöhnt bin, mich darin zu bewegen, so fühlte ich mich wohler in unserem bescheidenen Familienhause in der Judengaffe. Sie fanden meinen Garten schön, ich habe aber wenig Muße, ihn zu genießen, Sie staunen über die Pracht meiner Pferde, ich benutze sie nicht, sie sind nur da für Meine Neffen, wenn die mich besuchen, ich würde herunterfallen, wenn ich jetzt erst versuchen wollte, zu reiten. Meine Equipagen waren ebenfalls ein Gegenstand Ihrer Bewunderung, ich halte sie, weil ein Rothschild sie halten muß. benutze sie aber wenig, da ich, in meiner Jugend nicht an Fahren gewöhnt, stets ein gewisses Unbehagen empfinde, wenn ich fahre. Ich habe Ihnen heute ein Diner gegeben, wobei ich meinen Gästen das Seltenste von dem vorsetzte, was verschiedene Weltteile Hervorbringen und die besten Köche zu bereiten verstehen. Ich fühlte mich glücklich, wenn etwas beifällig ausgenommen wurde und so die hohen Gäste befriedigte, ich weiß aber nicht, ob Sie bemerkt haben, daß sämtliche mir dargereichten Gerichte von mir unberührt wieder fortgenommen wurden, da ich als streng gläubiger Jude nur

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