Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 ordneten Majors a. D. Strosser gehalten hat, nach denr stenographischen Protokoll -im vollen Wortlarrt hier wiederzugeben: Der' Vorfall .in Breslau hat sich in mancher' Hinsicht etwas anders zugetragen, als man dem Herrn Abgeordneten Strosser berichtet hat. (Hört, hört, links.) Zunächst bin ich als Oberlandesgerichtspräsidenban der Sache nicht beteiligt gewesen, sondern habe davon erst amtlich Kenntnis bekommen, yls ich mich in meiner gegenwärtigen Berufsstellung befand, und ich möchte nur kurz wiederholen, was ich in. der Kommission gesagt habe, und was sich im wesentlichen mit dem deckt, was der Herr Abgeordnete als den richtigen Standpunkt hingestellt hat. Ich habe gesagt — und ich bleibe dabei — daß ich f gar ^nicht daran denke, den Justizbeamten irgendwelche Vorschriften zu machen, wie sie sich ihren außeramtlichen Verkehr wählen sollen. Ich würde es für verkehrt halten, wollte man einen Zwäng ^ausüben. Was sollte daraus werden? (Sehr richtig.) Dadurch würde kein freundschaftlicher Verkehr, leicht aber Zwiespalt und Unheil hervorgerufen werden. (Sehr richtig!) Etwas anderes ist es, wenn einzelne Beamte diejenige Rücksicht außer acht lassen, die sie ihren Mitarbeitern und denen, mit denen sie in amtliche Berührung kommen, schuldig^sind. Jener Verein — er nennt sich Verein christlicher Referendare; iEhabe bisher keine Veranlassung gehabt, mich mit ihm zu beschäftigen — feierte ein Fest, an dem, wie mir gesagt ist, etwa 90 Herren teilgenonunen haben; es waren großenteils nicht Referendare, sondern ältere Herren. Das Med, das man gesungen hat, wird von keiner Seite gebilligt. Man hat es gesungen auf Veranlassung des Landgerichtsrat Hoffmann, eines etwa 50jährigen Mannes, der es gedichtet hat, soviel ich weiß, der es einem der Referendare gegeben hat, damit es gesungen werde. Dieser Referendar hat zunächst Bedenken geäußert; aber er-hat sie fallen lassen, weil der Landgerichtsrat Hoffmann ihm sagte, es werde gehen. Das Lied ist gedruckt, verteilt und von den 90.Herren gesungen worden. Mit der Abgeschlossenheit ist es bei einem derartigen Vorgehen nicht so einfach. Wenn in einem Wirtshaussaale 90 Herren etwas singen, nachdem die Lieder unter sie verteilt sind, da ist es mit der Geheimhaltung etwas bedenklich. (Sehr richtig!) Nun war eine ganze Anzahl von Exemplaren liegen geblieben und, wie mir gesagt ist, hat ein Kellner nachher einem Herrn eins davon gegeben. — So ist es allgemein bekannt geworden. Daß es so kommen konnte, lag > doch nahe. Daraufhin hat man keineswegs — das betone ich hier j besonders dem Herrn Abg. Strosser gegenüber — dem Verein der Referendare irgendwie zu nahe treten wollen. Er ist heutigen Tages gerade so unbehelligt wie früher. Es ist auch nicht richtig, wenn gesagt ist: man wäre disziplinarisch gegen die Referendare eingeschritten. Ich glaube, das ganze Einschreiten gegen die Referendare hat sich darauf beschränkt, daß man dem, der den Vorsitz hatte und auch das Lied singenlließ, gesagt hat: fein Verhalten wäre nicht richtig gewesen. Wenn gesagt ist, daß früher, ich glaube in Celle, ähnliches vorgekommen wäre, so bemerke ich, daß ich nicht weiß, was damals geschehen ist. Jedenfalls ist von einem disziplinarischen Einschreiten gegen die Referendare in Breslau weiter keine Rede. Der Landgerichtsrat Hoffmann aber hatte Anlaß zu großer Verstimmung in weiten Kreisen Breslaus gegeben. Diese Auffassung wurde keineswegs bloß von Herren jüdischen Glaubens geteilt, sondern auch von vielen anderen. Was liegt näher, als daß man die Sache untersuchen läßt; und dazu eignet sich ein Verfahren im Dienstauffichtswege wenig! Dabei erfahren wir nicht alles, was vorgekornmen ist in dem Maße, als wenn man die Aufklärung in den bestimmten Formen eines gesetzlichen Verfahrens sucht. Der einzige Weg, nur nach jeder Seite die Sache klarzustellen, war der, daß man den Landgerichtsrai Hoffmann vor seinen Standesgenossen, die zur Entscheidung, berufen sind, die Sache aufklären ließ und das Ergebnis abwartete. (Sehr richtig!). Jetzt schwebt die Untersuchung. Anders konnte von der Justizverwaltung nicht verfahren werden. Ich kann, nur^ meine Auffassung dahin, wiederholen: ich störe niemanden in seinem Verkehr. Ich kann aber nicht zulassen, daß irgendwelche verletzende Aeußerungen und kränkendes Verhalten innerhalb der- Kreise der Justizbeamten geduldet werden. Das geht nicht/ Wir müssen einen vornehmen Ton unter uns wahren (Sehr richtig!); derartige Verstöße,, wie sie vorgekommen sind, dürfen nicht sein. (Sehr richtig!) Daß derLündgerichtsrat Hoffmann verdienstvoll gehandelt hat, als er das Kind rettete, wer wollte das mehr anerkennen als ich? Daß das Kind zufällig jüdischer Abstammung war, ist mir heute zum erstenmal mitgeteilt worden. Aber selbst wenn ich es gewußt hätte, hätte ich nicht anders Verfahren können, als es geschehen ist. In dem Moment, als Hoffmann das Kind rettete, wird übrigens auch er über dessen Herkunft nichts gewußt haben. (Sehr richtig! und große Heiterkeit.) Ich kann mich dahin resümieren: Von der Störung eines freien Vereins kann nicht gesprochen werden, aber taktloses Verhalten, das hier und da immer Vorkommen kann, muß zur Untersuchung führen. Das geschieht, die Justizverwaltung hat nichts getan als ihre Pflicht. (Beifall.) $ In Rußlan d tagen jetzt die verschiedenen Kongresse, die ihre Politik für die Reichsduma besprechen. Leider zeigt sich auch hier, daß die Juden nichts oder doch nichts Gutes zu erwarten haben. Selbst auf dem Kongreß der liberalen Demokraten wurde die Judenfrage gar nicht berührt, vielmehr geflissentlich umgangen. Desto lebhafter wurde diese Frage auf dem Kongreß der sogenannten konservativen Partei, der Rußkoje Sobranje, besprochen. Man muß aber ausdrücklich hervorheben, daß unter diesem wohlklingenden Namen sich die Begründer, Förderer und Teilnehmer der „Schwarzen Hundert" befinden! Die Rußkoje Sobranje beschäftigte sich am 22. d. M. abends mit der Judenfrage. Dubrowo verglich oie Juden mit der biblischen Schlange, dem Ursprung alles Uebels. Sie hätten bereits die ganze Welt verschlungen. Pflicht aller autokratischen Parteien sei es, zu sorgen, daß kein einziger Jude in die Reichsduma gelange. Der bekannte Antisemit, Rechtsanwalt Schmakow-Moskau, führte aus, nach der Befreiung von der politischen Knechtschaft folge die von der ökonomischen. deren Träger die Inden seien; in zweistündiger Rede schildert er das Verhältnis der Juden zu den Christen; in Rußland beherrschen die Juden bereits den Geldmarkt. Agrarbanken, Advokatur imb die stärkste Waffe, die Presse, sei in ihren Händen. Man müsse sich mit allen Mitteln davor schützen, daß sie Rußland ganz unterjochen und beim Kaiser vorstellig werden, die in Judenprozessen angeklagten wahren Patrioten von der Strafe zu befreien. (Anhaltender Beifall.) Das heißt zu deutsch: Die Räuber, Mörder und Diebe, die bei den verschiedenen Progroms trotz der sehr wohlwollenden Neutralität der Behörde doch verhaftet wurden, zu befreien oder zu amnestieren! In Rußland ist aber alles möglich. Wurde doch auf diesem schwarzen Kongreß Herr- Witte wiederholt „der jüdische Graf" genannt, wahrscheinlich, weil er der schwarzen Bande nicht energisch genug gegen die Juden vorgeht. Aber nicht nur in Rußland ist alles möglich. Haben doch in der Berliner Zeitung „Der Tag" die Greuel von Homel einen Verteidiger gefunden! Der Freiherr Alexis von Engelhardt schildert in diesem „vornehmen" Blatte bic dortigen Verhältnisse und weiß sogar zu berichten, daß das kleine Homel „der Zentralherd der jüdischen revolutionären Schürungen in Rußland" sei, um mit der Moral zu endigen: „Daß schließlich die russischen Pöbelmaffen sich zusammentaten gegen diesen Terror und die Gelegenheit benutzten, die Juden nicht nur zu verhauen, sondern auch ihre Taschen zu erleichtern, ist bei den unbegrenzten russischen Möglichkeiten am Ende selbstverständlich." Da darf man sich über die Rußkoje Sobranje in Moskau nicht wundern! Die kleine jüdische Bevölkerung Italiens hat, dank der in diesem Lande unter der Dynastie Savoyen herrschenden Toleranz, bereits mehr Beamte und Staatsmänner auszuweisen, als selbst England, Frankreich und Oesterreich. Während in Deutschland Inden nicht einmal mehr Reserveleutnants werden