Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 - Preise denken — derartiges braucht man nicht so häufig, wie man glaubt, und solche Informationen wünschen in der Regel nur jene, welche bei dieser Gelegenheit eine kleine Reiseunterstützung herauszuschlagen hoffen, Die Information soll in erster Reihe ausreichende Auskunft geben über alle einschlägigen Verhältnisse des Orts, her das Ziel der Wanderung bildet. Es kommen dabei sehr viele Einzelheiten in Betracht, so daß -nur eine weitverzweigte und überall ehrlich und gewissenhaft bediente Organisation ausreichende Informationen gewähren kann. Es soll auch nicht ein Deut jüdischen Geldes für nutzloses Hin- und Herwandern verwendet werden, und soweit es an uns liegt, soll kein Emigrant planlos in die weite Welt gehen, um irgendwo eine Ruhestätte zu finden. Es muß noch ein wichtiger Punkt dieser Frage erörtert werden, so peinlich es auch sein mag, dies jetzt zur Sprache zu bringen. Die große ,Emigration der russischen Juden hat um das Jahr 1881 begonnen. ManIann nicht leugnen, daß ein großer Teil der ersten Emigranten im Laufe der Jahre zu einer erträglichen Existenz oder gar zu Wohlstand gelangt ist. Es ist dies auch deshalb sehr erfreulich, weil/auch das Judentum dabei seine Rechnung findet. Jenseits des großen Ozeans sind jetzt jüdische Zentren im Bilden begriffen, die zweifellos von großem Einfluß auf die Entwicklung des Judentums sein werden. Andererseits aber sind durch die Emigration in Paris, London, Newyork usw. jüdische Ghetti entstanden, die durchaus kein erfreuliches Bild gewähren. Wir denken nicht im entferntesten daran, gegen die armen und durch ihre Armut nicht sehr liebenswürdigen Juden als Ankläger aufzutreten. Alles läßt sich ausreichend erklären und damit auch entschuldigen. Aber eine angenehme Erscheinung ist dies doch nicht, und im Jntereffe des jüdischen Volkes kann man sie nicht genug bedauern. Durch eine aus fremden Mitteln zu fördernde Emigration würden gewiß die bestehenden Ghetti vergrößert und neue gebildet werden. Und täuschen wir uns nicht darüber: das heißt, die Judenfrage nach anderen Ländern verlegen und nicht lösen. Dafür haben wir bereits Anzeichen genug. Wir halten es deshalb für sehr gefährlich, eine planlose Emigration ins Werk zu setzen oder auch nur eine solche, zu fördern. Das Ergebnis würde zweifellos fein, daß am Ende auch solchen der Weg versperrt sein wird, deren Auswanderung erwünscht und nützlich wäre. Und das muß man unter allen Umständen und mit allen Mitteln zu verhüten suchen. »MM Bit Woche. Berlin, 28. Februar. lfo Herr Adolf Stöcker will die alte Berliner Bewegung wieder entfachen. Er hat die „Staatsbürger Zeitung" erworben und von dort aus will er den Kampf gegen die Juden mit ungeschwächten Kräften aufnehmen. In einem Leitartikel „Auf zum Kampf!" beginnt er seine Agitation, indem er natürlich die russische Revolution in den Vordergrund rückt und die deutschen Juden dafür verantwortlich macht. Es heißt da unter anderem: „Der Staatssekretär des Innern fragte kürzlich im Reichstag, wie es nur komme, daß in Deutschland, trotz seiner weitgehenden, allen Völkern voranstehenden Sozialpolitik, der Umsturz die größte Verbreitung habe. Ich habe ihm geantwortet, einer der Gründe sei die Judenmacht, das Judengeld, die Judenpresse in Deutschland; besonders diese Presse habe seit einem halben Jahrhundert zuerst die bürgerlichen Kreise/, und zuletzt die Arbeiterklassen verdummt, entchristlicht/ demoralisiert. Dieser Prozeß ist nach- Jpeisbar. s Hatte vier Augen leugnet es niemarG^'WK-haben wir,-was hat der protestantische Geist dagegen getan? Die Antwort aus diese Frage ist überaus schmerzlich." HerrMöcker hat sich dieLlirtwort sHr leicht gemacht, und die Frage hätte erisich bei rWichemNachdenken sparsy4önnen Er spricht von «HnexMWeHnaKt^ die« im DeuWUand nicht einmal ein Leutnäntspatent erwirken, ^in ^'so MH so. UelW Ländern nicht die grauenerregendsten Judenmetzeleien vdrhirchern kann. Er spricht von Judengeld, von dem. es auf derselben Seite der „Staatsbürgerztg." unter dem -Strich heißt, daß es die Wahlen zu beeinflussen sucht — dabei beiläufig nicht einmal einen einzigen nicht zur Sozialdemokratie gehörenden jüdischen Abgeordneten durchsetzen kann. Endlich soll auch die Judenpresse wieder der Sündenbock sein, von der wir erst kürzlich bewiesen, daß sie quantitativ keinen Vergleich aushalten kann mit. der offiziellen, offiziösen, .konservativen, ..klerikalen .usw.. Presse, . Herz Stöcker fordert also zum Kampf auf nicht gegen Windmühlen, sondern gegen Gespenster, die nur in seinem Hirn und dem feiner Gesinnungsgenossen oder der Einfältigen, denen er es durch stete Wiederholung suggeriert hat, existieren und herumspuken. Auch sonst rührt es sich wieder, und alte, längst verschollene Gestalten steigen aus ihren Gräbern; sogar von Herrn Ahlwardt ist wieder einmal die Rede, und Herr Stöcker glaubt, „einer besseren, arbeitsreichen, kampfesfrohen und segensvollen Zukunft" entgegensehen, zu dürfen: Aber Herr Stöcker hat sich gar zu oft geirrt und er ist auch inzwischen ein alter Herr geworden und die Berliner Bewegung ist außerdem so gründlich diskreditiert, daß wir uns vor den Gespenstern, die er aus den Gräbern ruft, wohl kann: zu fürchten brauchen. * Zur Beratung des preußischen Schulunterhaltungsgesetzes schreibt die „Post", das sreskonservative Organ des Freiherrn v. Zedlitz-Neukirch, daß die Kosten der „linksliberalen Agitation" gegen den Schulgesetzentwuf hauptsächlich mit jüdischem Gelde bestritten werden. Niemals ist ein Vorwurf unberechtigter gewesen als dieser. Während früher diespeziellen Wünsche der jüdischen Bevölkerung bald dieser bald jener Partei vorgetragen wurden, ist diesmal bei dem Schulgesetzentwurf der Verband Deutscher Juden selbständig undohne Anschluß an eine bestimmte Partei, also auch ohne Anschluß an die linksliberalen Parteienvor die Oeffentlichkeit und an den Landtag getreten. Auf seine Veranlassung haben gegen 1000 von den 1200 jüdischen Gemeinden Preußens der Denkschrift des Verbandes ausdrücklich zugestimmt. - Es war also keine Veranlassung, die linksliberalen Parteien in irgend einer Weife besonders für diese Agitation zu interessieren, oder die Kosten einer Agitation der liberalen Parteien zu übernehmen. Es ist das alte Spiel, daß manche Politiker eine 'gegnerische Sache dadurch zu diskretieren suchen, daß sie . dieselbe als im jüdischen Interesse stehend bezeichnen. Gerade Mitglieder der freikonservativen Partei haben aber, diesmal aus eigenem Antriebe anerkannt, daß die Beschwerden der Verbandsdenkschrift über die Behandlung der Juden Im Gesetzentwurf nur zu berechtigt waren. Aber die „Post" geniert das alles nicht. * Angesichts der Bedeutung, welche die Frage für : unser öffentliches Leben hat, halten wir es für angemessen/die? Rede, die der Justizminister Dr. Befeler am. 17. d.'M.-im Abgeordnetenhause auf die Anfrage des konservativen Abge-