Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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7Ö.J&hrgaBg. No,9. Berlin, 2, März 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese 'Zeitung, erscheint wöchentlich. Abonnenten ts-p*-eisdurch Buchhandel oder poflt (in Berlin u. Dorerten durcb unsere vertriebsst lle.n) b zogen Vierteljahr!. 3 111. Re da kteur: G«ftav Aa» xeles. Begründet von , , Rabbiner Dr. Ludwig philippson. a: Berlin, Jerasalemerstr. 46 49. Alle Zu endunncn für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Oerlag der „ÄUgrm Zruung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4k>,49. zu richten. Verlag von Rudolf Rlosse, Berlin. Sic Lmigrstionskrsgr. Berlin, 28. Februar, ie Lage der Juden in Rußland ist eine bedrohliche, und sie wird es, was leider zu befürchten steht, noch wehr werden, wenn die Agrarunruhen, wie vorausgesagt wird, im Frühjahr ausbrechen sollten. Es-istvgarckejn Zweifel, daß die? aufgewiegelten Bauern sich in erster Reihe auf die Juden werfen werden, und ebenso ist es. gewiß, daß die Regierungsorgane sich lau und untätig dazu verhalten werden. " Aber selbst wenn die befürchteten Unruhen nicht eintreten würden, bleibt die wMschaftliche Not der russtHen Juden in ihrer vollen Schärfe, zumal die Regierung jetzt auch nicht die geringste-Geneigtheit zeigt, wenigstens die Beschränürngen hinsichtlich des Wohnrechts der Juden aufzuheben. Im Gegenteil werden jetzt die betreffenden Bestimmungen mit der - weitgehendsten Strenge dürchgeführt. . Unter diesen Umständen ist.-es gewiß begreiflich, daß viele die einzige Lösung dieser schwierigen Frage in. der Maffenauswanderung der Juden aus Rußland finden. - Ihre Forderung geht dahin, daß die Hilfsasti'on, welche zMütstttzn der verfolgten russischen Juden eingeleitet worden Ist,, hauptsächlich ihr Augenmerk aus die Förderung der Emigration richten soll. Die Brüffeler Konferenz hat bekanntlich mit großer Mehrheit eine Resolution angenommen, die . sich gegen jede planlose Emigration wendet. Aber gleich darauf begann in den zionistischen Kreisen eine heftige Agitation gegen diesen Beschluß, und es scheint fast, daß die offizielle Leitung der Organisation dieser Stimmung Rechnung tragen zu müffen glaubt. Jedenfalls fordern die Zionisten entschieden, daß den russischen Juden die Möglichkeit, zahlreich auszuwandern, gegeben werde. - ' Wir selbst stehen auf dem Standpunkt, daß tatsächlich für die Juden nicht nur Rußlands, sondern auch in Galizien und Rumänien, die Auswanderung das beste Heilmittel ist. Damit soll nicht etwa gesagt sein, 'daß durch die Emigration die Judenfrage in jenen Ländern gelöst werden könnte. Denn die Erfahrung hat ja gelehrt, daß trotz der massenhaften Auswanderung der Juden aus Rußland, Galizien und Rumänien die Lage der in jenen Ländern Verbliebenen um kein Haar beffer wurde. Aber nichtsdestoweniger muß man sich darüber freuen, daß es wenigstens einem Teil dieser Juden gelungen ist, dem Elend zu entfliehen, uttd wenn Nicht für sich selbst, so doch gewiß für ihre Kinder bessere Daseinsbedingungen zu schaffen. Hingegen müffen wir entschieden jede künstlich geschaffene Hnigration verwerfen, denn eine solche kann unter den gegebenen MtzhstMisfin' tvenig Nützest bringen. 'Reiche 'Leute brauchen weder unseren''Rat noch unsere Hilfe, und^wenn sie den Entschluß fassen, ihrem Stiefvaterland für immer den Rücken zu kehren, so finden sie sich auch ohne uns zurecht. Die ganz verarmten jedoch find stets geneigt, zum Wanderstab zu greifen, weil sie ja dabei nichts zu verlieren haben. Aber abgesehen davon, daß solche Elemente nicht geeignet sind, neue Ansiedelungen zu gründen, ist es zweifellos, daß die für die Einwanderung in Betracht kommenden Staaten sich gegen einen solchen Massenschub durch die Grenzensperre wehren werden. Man steht ja, daß die jetzt in England zur Macht gelangten Liberalen, trotzdem sie früher das Fremdengesetz mit großer Energie bekämpft haben, gar nicht daran denken, die Bill aufzuheben oder sie auch nur mild zu handhaben. Sollte eine Masseneinwanderung mit Hilfe der philanthropischen Vereine in Szene gesetzt werden, so würden die Häfen Englands, der Union und von Kanada vor allen jüdischen Einwanderern geschloffen werden. Anders jedoch ist es, wenn jüdische Familien mit eigenen, wenn auch nur bescheidenen Mitteln, in die Ferne gehen, um sich dort eine wirtschaftliche Existenz zu gründen. Sie tun dies aus eigene Gefahr und deshalb auch mit weitgehender Üeberlegung und mit Anspannung aller Kräfte. In den meisten Fällen gelingt es auch solchen Emigranten nach kurzer Zeit, in der neuen Heimat festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Sie helfen nicht das beschäftigungslose und beschäftigungsunfähige jüdische Proletariat in den großen überseeischen Zentren zu vermehren, ihre Not vergrößert nicht das Massenelend, das sich dort bereits ohnedies angehäuft hat und dazu notwendig führen muß, daß die Kraft der Wohltätigkeit erlahmt. So traurig die Lage dieser Unglücklichen auch sein mag, so darf man doch nicht solche schwierige Fragen mit Sentimentalität und Weichherzigkeit zu lösen versuchen. Man hilft unserem Volke nicht, wenn man das Elend von Land zu Land kutschieren läßt. Auch die großartigste Mildtätigkeit muß ermüden, abgesehen davon, daß noch niemals solches Massenelend durch Spenden beseitigt wurde. Soweit den Armen an Ort und Stelle geholfen werden kann, und das ist immer noch leichter, wird man ihnen die nötige Hilfe gewiß nicht verweigern. Die Emigration aber ist ein soziales Hilfsmittel und darf nicht zwecklos abgenutzt werden. Jenen Familien, die aus eigenen Mitteln emigrieren wollen, kann dadurch wirksam geholfen werden, daß erstens durch Ver-! mittlüng der beste-henden -Organisationen die Fahrtarife ver- ' billigt würden. - - Außerdem - würden gute Jnforinwtionsbüreaüs - großen Nutzen bringen, - Wir sagen g ute Jnformationsbureäus, weil wir nicht an AuskünsterteilNNg über die zu wählende Reiseroute imd Fahr-