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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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70. Jahrgang. «<>• s. OemetudeRüte. ”• Fel"",,r im Deilugc zur „9tllgcniefnen Zeitung deK Judentums". SorrklpondMHM und Nachrichten. Weutschisnd. r?. Berlin, 18. Februar. Das Provinzialschulkollegium hat nach der Mitteilung hiesiger Blätter folgende wichtige Verfügung getroffen: Die Teilnahme von Schulkindern, deren Eltern etnem# anderen Bekenntnisse angehören, an dem allgemeinen Religionsunterricht soll nicht mehr, wie bisher, auf Grund eines einfachen, gegenüber dem Schulleiter geäußerten Wunsches gewährt werden, sondern nur auf Grund einer von beiden Eltern bei der Polizeibehörde zu Protokoll gegebenen und bei ihr Unterzeichneten Willenserklärung. Durch diese Vorschrift wird das Vorgehen der jüdischen Eltern, die bisher aus Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit die Teilnahme ihrer Kinder am christlichen Religionsunterricht gestatten oder herbeizuführen suchen, wenn auch nicht verhindert, so doch wesentlich erschwert. £££ Berlin, 20. Februar. In der letzten Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses nahm der Hilss verein der deutschen Juden unter denl Vorsitz des Herrn James Simon u. a. zu den Beschlüssen der Brüsseler Konferenz vom 29. Januar Stellung. Der Ausschuß erklärte sich nach dem Referat des Herrn Dr. Nathan mit dem Beschlüsse einverstanden, daß eine Organisation geschaffen werden soll, um eine ständige Kooporation aller jüdischen humanitären Vereine für die Zukunft zu gewährleisten. Der geschäftsführende Ausschuß stimmte um so lieber der in Brüssel gefaßten Resolution bei, da bereits früher aus Antrag des Hilssvereins bei der von ihm zusammenberufenen Kischinew-Konferenz genau derselbe Beschluß gefaßt worden war, der aber leider bisher durchHindernngen verschiedenster Art zur Durchführung nicht gelangt ist. Der Hilfsverein wird sich.auch an der Bildung einer Kommission beteiligen, die die verschiedenen Länder in bezug auf Jmmigrations- und Kolonisationsmöglichkeiten studieren soll. Unter lebhafter Zustimmung der Versammelten resümierte Herr- James Simon den Standpunkt des Hilssvereins in der Frage der Kooperation der Organisationen und der Bildung einer Studienkommission dahin, daß, wo immer die Hand gereicht werde, damit die zu erfüllenden humanitären Aufgaben in Gemeinsamkeit gefördert werden, der Hilfsverein immer zur Stelle fein werde. p?ri passu mit den andern Vereinen vorwärts zu gehen. Bewilligt wurden in der Sitzung unter anderem weitere 4000 Mark für die Herberge fürrussische Auswanderer, die bereits int vorigen Jahre in Königsberg i. Pr. eingerichtet worden ist und die unter der umsichtigen Leitung des dortigen Schntzkomitees des Hilfsvereins der deutschen Juden höchst segensreich wirkt. Ferner beschloß der Ausschuß, daß in der Kontrollstation Ruhlebeu bei Spandau vom Hilfsverein der deutschen Juden eine Baracke für die durchreisenden russischen Auswanderer gebaut und eingerichtet werde und daß in der Baracke zugleich für die Verpflegung der Durchreisenden Sorge getragen werden solle. Die Kontrollstation Ruhleben wird tagtäglich von russischen Emigranten auf der Durchreise nach Hamburg und Bremen passiert, die daselbst nach den bestehenden gesetzlichen Vorschriften sich ärztlicher Untersuchung und Desinfektion zu unterziehen haben. Die vorbereitenden Schritte für die Einrichtung der Baracke sind bereits getan. Die Ausführung wird nach Möglichkeit beschleunigt. Es wurde jedoch nachdrücklich hervorgehoben, daß der Hilfsverein und das für spezielle Zwecke der Auswanderersürsorge organisierte -Zentralbureau und die Schutzkomitees des Hilfsvereins zwar für Gewährung von Schutz und Jnformationserjeilung nach wie vor jederzeit zur Verfügung stehen würden, daß aber — in Gemäßheit des auch aus der Brüsseler Konferenz gefaßten Beschlusses — die Auswanderung der russischen Glaubensgenossen pekuniäre Unterstützung nicht erfahren kann. Endlich wurde für die Unterbringung und Ausbildung galizischer Lehrlinge in Westösterreich — eine Aktion, die der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien zu Wien unter finanzieller Beteiligung des Hilfsvereins der deutschen Juden unternommen hat — für 1906, gemäß dem Voranschlag des Wiener Vereins, ein weiterer Beitrag voll 3000 Kronen gewährt. A Berlin, 12. Februar. Aus dem in der Generalversammlung der „Wissenschaftlichen Vereinigung" vom Schriftführer erstatteten Bericht ging hervor, daß in dem abgelanfenen Jahre zehn Sitzungen mit zehn Vorträgen stattgefunden hatten und die Anzahl der Mitglieder von 43 atlf 49 gestiegen war. Der Vorstand wurde wiedergewählt. Für die durch die Verfolgungen so schwer heimgesuchten russischen Glaubensgenossen lvurden ans der Vereinskasse 50 Mark gewährt. In der ersten Sitzung des neuen Jahres erstattete der Schriftführer ausführlichen schriftlichell Bericht über den Eröffnungsabend des Ferienkursns, diesen selbst und das zehnte Stiftungsfest der Wissenschaftlichen Vereinigung am 28. Dezember 1905. Neu ausgenommen wurden fünf Kollegen, und liach längerer Diskussion wurde beschlossen, den 8 5 das Statuts zu ändern, so daß voll jetzt an auch Damen (Lehrerinnen) als vollberechtigte Mitglieder ausgenommen werden können. In derselben! Sitzung hielt Rabbiner Dr. Pick einen sehr anregenden Vortrag über: „Moderne Weltanschauung und Judentum, unter Bezugnahme auf den gleichnamigen Vortragszyklus von Dr. Seligmann". Eingeleitet wurde der Vortrag mit dem Hinweis aus den jetzt in allen Schichten hervortreten den Trieb und Eifer, Aufklärung und Kenntnisse aus allen Gebieten des Lebens zu erwerben, eine Erscheinung, die einerseits erfreulich sei, weil sie eine bessere Zukunft verheiße, andererseits aber wegen der oberflächlichen Art, mit der viele bloß die Ergebnisse der niodernen Forschungen in sich aufnehmen, auf Religion und Sittlichkeit uilgünstig zurückwirke. Hat man sich aber auf lückenhaften und einseitigen Voraussetzungen eine Weltanschauung aufgebaut, dann geraten geltende, bewährte Lebensgrundsätze ins Schwanken. Es sei daher voul Standpunkte des Judentums aus nötig, sich mit der modernen Weltanschauung, speziell mit der Naturwisseuschaft, auseinanderzusetzen. Nach Ausstellung der verschiedenen Probleme, wie die Entstehung der Welt, die Abstanunung des Menschen, die Stellung des Menschen in der Natur, das Wesen der Seele, der Gottesbegriff u. a. m. zählte der Vortragende nach Darlegung der jüdischen und modernen Weltanschauung die gegensätzlichen, sowie die scheinbarverwandten Punkte zwischen beiden aus und gelangte zu dem Ergebnis, daß die großartigen, intellektuellen Züge der Entwicklung der Menschheit im Verein mit den das Leben durchleuchtenden und krönenden religiösen und sittlichen Idealen alle Versuche der Naturwissenschaft zur Lösung der wichtigsten Probleme als tote, kalte Schemen weit hinter sich zurücklassen. Im übrigen betonte der Redner seine Bewunderung für den genialen Gang dieser Wissenschaft, sowie ihren hohen Wert, da sie eine mächtige und erfreuliche Erweiterung des geistigen Horizonts der Menschen bedeute und somit nicht nur nicht von Gott ablenke, sondern zu ihm hinführe. Zum Schlüsse besprach der Redner die von Dr. Seligmann-Frankfurt a. Nt. erschienenen Vorträge über den gleichen Gegenstand und äußerte sich anerkennend über dieselben. Als schwach bezeichnete er nur freu ersten derselben, weil er, besonders gegen den Schluß, der geistigen Weltmacht Naturwissenschaft mehr pathetisch als sachlich gegenübertrete. Auch wolle der Vortragende das dem Judentum unterstellte hypothetische Zugeständnis an die Naturwissenschaft von der mittelbaren Schöpfung des Menschen durch Gott keineswegs gelten lassen, weil damit dem Judentum die krasseste Seelenwanderung durch alle Tierstufen sogar schon für das Diesseits imputiert würde. Sonst -rühmte der Redner an den Vorträgen die geistreiche Beleuchtung der Stofie, den fein gebildeten Geschmack und den durchaus würdigen Takt. 8. Berlin, 15. Februar. In jugendlicher Frische und Rüstigkeit feierte der Geheime Kommerzienrat Helfst gestern den Tag, an dem er vor 70 Jahren das Licht der Welt erblickte. Mannigfache Ehrungen wurden ihm aus diesem Anlaß dargebracht, der seit langen

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