Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMM 96 Meüschen, der trotz der Stricke, die ihn banden, seine Glieder mit unglaublicher Kraft bewegte. Jeden Moment mußte man befürchten, daß die Stricke reißen würden oder der. Kranke ersticken müsse. Ich blieb bewegungslos, förmlich atemlos stehen, wie unter diesem furchtbaren Blick erstarrt. Ich war unfähig zu denken, nur im Halse fühlte ich einen Druck, der immer stärker wurde, und kraftlose, schmerzliche Tränen stiegen mir auf. Noch ein paar Minuten und ich wäre vielleicht selber in Krämpfe verfallen. Aber in demselben Augenblick trat Gurweiß ein und ich stürzte ihm entgegen, wie Hilfe heischend. Ich begrüßte ihn nicht, wir dachten beide nicht daran. Er drückte mir rasch die Hand und wandte sich an die Krankenwärter. „Habt Ihr ihn gefesselt?" „Ja, Herr Doktor." „Warum?" „Wir fürchteteri uns." Die Krankenwärter schienen auch durch sein Kommen beruhigt. „So! Vier gegen einen." Gurweiß war klein und sah nicht sonderlich kräftig aus. Aber jetzt trat er ruhig auf den Kranken zu und begann die Stricke zu lösen. Dabei beruhigte er ihn, fand liebkosende weiche Worte, bat ihn, sich zu fassen, und sonderbar, sein ruhiger, liebevoller Ton schien wirklich auf den Patienten zu wirken. Wurde der Anfall schwächer oder wirkte nur die Stimme des Arztes so stark, ich weiß es nicht, aber die Konvulsionen gaben etwas nach. Der Kranke wurde immer stiller, das furchtbare unmenschliche Schreien und Stöhnen hörte auf, und die Augen, diese furchtbaren, wahnsinnigen Augen, bekamen plötzlich einen menschlichen, zärtlichen Ausdruck „Oeffnen Sie Ihren Mund, mein Lieber." Der Kranke öffnete die Lippen und Gurweiß reinigte ihm den Gaumen und die Zähne. Der Unglückliche sah ihn an und lautlose menschliche Tränen fielen aus den weitgeöffneten Augen. Manchmal fuhren ganze leise, zuckende Bewegungen über das> Gesicht und spiegelten sich in den Augen, halb wie Schrecken und halb wie Augst. „Ach!" Wir schrieen alle plötzlich auf und stürzten ans Bett. Der Kranke hatte sich nicht länger beherrschen können, die Kinnbacken hatten sich gegen seinen Willen geschlossen. „Reiß den Finger heraus . . . Oeffne ihm den Mund mit Gewalt!" stöhnte ich. „Das geht nicht, das würde ben Kranken noch mehr erregen", antwortete Gurweiß zögernd. „Aber Du kannst Dich anstecken!" Er zuckte nur mit den Schultern. Er war sehr blaß geworden, behielt aber seine volle Fassung. „Wenn das möglich ist, habe ich mich überhaupt bereits angesteckt. Aber beruhige Dich — die Wissenschaft kennt keinen Fall, wo Tollwut von Mensch zu Mensch übertragen wurde." Ich erbebte unter feinen! eisigen Ton. Fieberschauer überfielen ruich, ich hörte meine Zähne klappern, aber Gurweiß saß noch immer scheinbar ruhig an dem Lager des Kranken und sein Finger steckte zwischen den krampfhaft verzerrten Lippen. Mit der freien Hand streichelte er das Gesicht des Kranken und sprach ihm liebreich zu. Der andere sah ihn flehend an, mit Tränen in den Augen, die. um Verzeihung baten. Es war ein stilles, wortloses Drama, vielleicht eine Tragödie, allenfalls etwas noch nie Dagewesenes, das in seiner Unnatur das Blut erstarren machen konnte. Als die Lippen sich endlich wieder öffneten und der zerbissene, blutige Finger wieder zum Vorschein kain, stürzte ich mich auf Gurweiß. „Preß' ihn, drück' das.Blut aus!^ schrie ich verzweifelt. Er wusch das Blut mit einer scharfen Lösung und preßte dann den Finger mit aller Macht. „Ich wiederhole Dir noch einmal, man kennt keinen Fall von Tollwut, wo die Ansteckung von Mensch zu Mensch ging", wiederholte er wieder, wie um mich zu beruhigen. Die Agonie dauerte die ganze Nacht und noch einen Teil des nächsten Morgens. Der Kranke wußte, daß es für ihn keine Rettung gab, daß die Wissenschaft ihm gegenüber vollkommen machtlos war — er wußte das alles und war bei Bewußtsein. Er flehte nur noch um eines. Man solle ihn nicht allein lassen, ein Mensch, bat er, solle an seinem Bette sitzen und ihn mit so guten menschlichen Augen an sehen. Nur nranchinal in den kurzen Ruhepausen, die zwischen den immer stärker werdenden Anfällen eintraten, überkam ihn eine leise Hoffnung. Mit einer unendlich flehenden Gebärde hob er dann plötzlich den Blick und fragte schüchtern: Ist denn wirklich keine Rettung? Gurweiß war totenblaß und aufs tiefste erschüttert. Er suchte ihn zu beruhigen uub sprach von der Natur und ihren unbegreiflichen Geheimnissen; er zitierte Beispiele und konnte doch seine eigenen Tränen /kaum zurückhalten. Die Selbstbeherrschung kostete ihm eine furchtbare Anstrengung und doch blieb er die ganze Zeit bei dem Kranken. Die Anfälle wurden stärker, der Mensch wurde immer mehr zun! Tier. Das Bewußtsein ergab sich dem furchtbaren Uebel mehr und mehr, der Geist erlahmte, aber noch im Erlahmen kämpfte.er furchtbar. Manchmal schrie der Kranke selber, wenn er den Beginn eines neuen Anfalls fühlte: „Gehen Sie weg, gehen Sie weg!" Dann wieder schrie und stöhnte er so, daß man ihn auf der Straße hören mußte, daß Fenster und Wände erzitterten. In solchen fürchterlichen Augenblicken aber,!vo das Tierische über den Menschen zu triumphieren schien, hörte ich auch die ruhige, liebkosende Stimme des Arztes, mit der er dem Kranken zusprach. Er erinnerte ihn an andere Qualen, die er schon gesehen hatte, sprach von Helden und Märtyrern. Und das Wunder geschah: der menschliche Geist erhob sich wieder, er feierte seine Auferstehung unter der Magie der menschlichen Liebe, und wenn es auch nur Augenblicke waren, nach welchen die Krankheit ihn wieder mit ihren Krallen umschloß, in diesen Augenblicken erstand der Mensch wieder in seiner ganzen Macht. . . . Und ich hörte leidenschaftliche Küsse, mit denen der Kranke die Hände und Kleider des Arztes dafür überschüttete, daß er ihn mit diesem großen, heiligen Glauben sterben ließ. (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. =- Durch die Tagesblätter ging in dieser Woche folgende Mitteilung : „Der berühmte Orientalist Professor Moritz Steinschneider in Berlin vollendet am 80. März sein 90. Lebensjahr. An diesem Tage soll den: Gelehrten eine große gedruckte Sammlung seiner in allen Zeitschriften der orientalischen Wissenschaften verstreuten^Anfsätze. überreicht werden." In dieser Form ist die Mitteilung nicht richtig. Die Sammlung aller Aufsätze Steinschneiders ist von Professor Dr. H. Malter in Cincinnati im Einverständnis mit dem Autor unternommen worden. Sie wird sich auf acht Bände erstrecken. Der erste, der alle Biographien ans der Cnehklopädie von Ersch und Gruber enthalten soll, wird wahrscheinlich im März fertig werden. Druck und Vertan von Rudolf Mosfc in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion : Max B a n ch w i tz in Berlin.