Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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95 das it, Erfahrung ju bringen, was wir leiden, sondern auch das, was wir leisten. Wir wissen, daß die Tugend im Verborgenen blühen muß; wir wissen, daß wir das Güte des Guten wegen tun sollen. Aber Notwehr entschuldigt nicht nur vieles, sie gebietet auch zuweilen, manches zu tun, was sonst nicht geschehen würde, wenn nicht der Zwang vorläge. „Zahlen sollen beweisen", was wir auf sozialem Gebiete leisten; da fürchten wir nicht die Zahlen, die sich ergeben werden, ja, wir sehnen die Resultate herbei. Wir wollen dann der ganzen Welt die Ziffern verkünden, die berichten sollen, was die Juden in Deutschland auf sozialem Gebiete, auf humanem Gebiete geleistet haben und leisten. Meine hochgeehrten Herren, wir Juden haben noch für uns selbst zu sorgen, wir Juden haben die heilige Pflicht, für unsere unglücklichen verfolgten Brüder im Osten mit aller Hingebung einzustehen; aber lassen wir selbst diese unserer religiösen Gemeinschaft gebrachten Opfer außer Rechnung, das Resultat wird — des bin ich sicher — ein uns hochehrendes sein; der Statistiker wird mit Zahlen beweisen und der Welt wahrheitsgemäß verkünden: der Jude ist ein sozialer Segen, wenn er Freiheit und Rechte hat. - Meine sehr geehrten Herren! Lassen Sie mich mit einem Gleichnis schließen. Der Katechismus des Judentums, sagt ein geistvoller Theologe, ist sein Kalender. Die Zeit ist das, was wir aus ihr gestalten; Raum und Zeit sind ja nur Formen unserer Anschauung. Am letzten Sabbat haben wir in allen Gotteshäusern das Schöpferwort gelesen: „Es ward Abend, es ward Morgen — ein Tag." Der Jude hofft und hofft, vom Abend zum Morgen. Nicht heißt es: es ward Morgen und es ward Abend, nein es ward Abend und es ward Morgen. Und wann beginnt der Abend, der zum Morgen, der zum Tage führt? Wenn drei Sterne winken, so lehrt unsere Tradition, ist der Abend gekommen. Drei Sterne leuchten auch jetzt, da wir noch Abend haben und auf den Morgen des verheißungsvollen Tages hoffen. Der eine Stern heißt Treue zum Bekenntnis, der andere Stern Treue zum Vaterlande, der dritte Stern Treue zur Menschheit, zu allem edlen sozialen Wirken. In den Spuren dieser drei leuchtenden Sterne wollen wir wandeln, da es noch Abend ist; in diesem Lichte wandte auch unser neuer Verband. Der Tag der Befreiung für ganz Israel wird und muß kommen. Ob wir ihn erleben werden — wir wissen es nicht. Erlebt wird er werden, der große Tag, an dem das Schöpferwort zur Wahrheit wird: Es war Abend für uns Juden gewesen, der Morgen ist angebrochen und mit ihm der Tag. an dem alles, was Menschenantlitz trägt, des gleichen Rechts, der gleichen Freiheit sich erfreuen wird, der Tag, an dem alle Religionen sagen werden: Bon dir, Israel, ist das Licht für die Menschheit ausgegangen! Der Jude. Aus dem Russischen von Grigorij Matschtet. VIII. (/\ ls wir auf die Spitze des Hügels kamen, war schon das ganze Tal von der feindlichen Infanterie erfüllt. Ein Schuß nach dein andern fiel hinter uns und eine Kugel traf Gurweiß' rechten Fuß. Er schwankte und fiel. „Es ist nichts!" sagte er uns totenblaß und befühlte den Fuß, „Blödsinn, der Knochen ist ganz, bloß die Muskeln hat es ganz verflucht gepackt." .;ü-v —————-- „Die verfluchte Kugel," brummten wir alle, und legten auch ihn auf den Wagen. „Hast Du sie endlich zu sehen bekommen?" „Es ist ihr Element" ... versuchte er zu lächeln, und zuckte doch vor Schmerz zusammen, „aber meine beiden Krankenwärter bringe ich vors Kriegsgericht." Er konnte ihre Flucht nicht vergeffen. „Warum?" sragte der Offizier. „Wegen der Flucht. Kranke darf man nicht verlassen." Der Offizier machte eine unbestimmte Handbewegung. „Wenn man deswegen zu Gericht sitzen wollte, müßte man mit der Hälfte des Stabes beginnen," sagte er mit dem Zorn und der Verachtung des tapfern, geübten Soldaten. Nach dem Kriege sah ich Gurweiß lange Zeit nicht. Ich wußte nur, daß er Kreisarzt geworden war und bald mit der Verwaltung in Streit geriet, weil er sich der Spitalsinteressen allzusehr annahm. Darauf war ihm gekündigt worden. Dann hörte ich, daß er sich nachher in N. ansiedelte und Sarah Pawlowna heiratete, die ihren Kursus beendete und seine Gehilfin wurde. Sie sollten mehrere Kinder haben. Man erzählte nur auch, daß er ausschließlich Armenpraxis habe und der populärste Mensch in der Stadt sei. Die arme Bevölkerung trug ihn förmlich auf Händen, wußte man mir zu sagen, und nannte ihn nicht anders als „unfern Doktor", was den andern Aerzten im Orte nicht sehr genehm war. Sie lachten ihn aus und nannten ihn halbspöttisch den „Kopekendoktor", weil er sich mit ganz geringen Summen für seine Dienste begnügte, was natürlich wieder auf seine „jüdische Habgier" zurückgeführt wurde. Doch man sagte mir auch, daß er sich um die Meinung seiner Herren Kollegen nicht viel kümmere, sondern eifrig seinem Beruf uachging und in den Stunden der Muße seine schwarzköpfige Kinderschar herzte. Er hatte wie seine Väter und Urväter eine ganze Reihe Buben und Mädchen. Ich sollte ihn unter furchtbaren Umständen Wiedersehen. Noch jetzt überkommt mich ein entsetzliches Gefühl, wenn ich an unser Wiedersehen denke, nainentlich wenn mir alle Einzelheiten dieser Begebenheit einfallen. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm, daß urein intimer Freund, ein junger, sehr begabter und geistig entwickelter Mensch, von einem tollen Hunde gebissen und tobsüchtig geworden war. Man hatte ihn in das Spital von -N. abgeführt, dessen Leitung in Gurweiß' Händen war. Ich reiste sofort ab und kam gleichzeitig mit dem Kranken an. Als ich das Spital betrat, war Gurweiß noch nicht da; man hatte ihn telephonisch berufen und erwartete ihn jeden Augenblick. Die Dämmerung brach an. Man hatte die Lampen noch nicht angezündet und dunkle, dichte Schatten legten sich über die Dinge und verhüllten langsam ihre Umrisse. Und doch sah ich sofort bei meinem Eintritt ein entsetzliches Bild. Zu einem dichten Haufen zusammengedrängt standen die Krankenwärter, ein paar kräftige Burschen, in einer Ecke des Zimmers und blickten ratlos entsetzt nach der entgegengesetzten Wand, wo ein einzelnes Bett stand. Aus dem Bett lag ein Mensch. Er war an Händen und Füßen gefesselt und außerdem noch an das Bett gebunden. Er war bei vollem Bewußtsein, schrie und stöhnte dabei in entsetzlicher, umnenschlicher Weise, während ihm der blutige Geifer unaufhörlich vor den Mund trat, ihm Gesicht und Hände beschmutzte und noch rings auf den Boden spritzte. Mir sträubten sich buchstäblich vor Entsetzen die Haare. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Das Spitalbett ächzte und zitterte, es sprang förmlich in die Höhe und fiel wieder zurück bei den krampfhaften Zuckungen dieses gefesselten