Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 94 (sequence 10)
- Language
- German
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94 nur ciu Beispiel anzuführen — des Bankerotts sich schuldig gemacht; diese Frage ist falsch gestellt; man muß vielmehr fragen, wieviel Kauflente und wieviel Nichtkaufleute daran beteiligt sind. Nicht der Jude, sondern der Handeltreibende begeht verhältnismäßig mehr dieses Delikt. Wenn man nach Konfession und zugleich nach Beruf die Statistik würde sprechen lassen, ivürden wir auch auf diesem Gebiet ein günstiges Resultat erzielen. Ist es nicht wiederum merkwürdig, daß im Königreich Sachsen, in dem Lande, in dem der Antisemitismus geboren ist, für einzelne Delikte dieselben Zahtenresultate wie für die Juden sich ergeben? Auch das ist ganz natürlich, da ja die Sachsen auch der Industrie und dem Kaufniannsstande in verhältnismäßig sehr großer Anzahl angehören. So hat sich gleichsam die Zahl gerächt. Das Gesamtresültat der Kriminalstatistik ist für uns ein durchaus ehrendes; die Zahlen beweisen das Gegenteil von dem, was unsere Gegner in die Welt hinausposannen. Wir müssen nur alle sozialen Faktoren in Betracht ziehen. Woher sollte es denn auch kommen, daß wir als Juden antisozial find? Unsere Religion lehrt ja: Staatsgesetz ist Religivnsgesetz; sie will uns ja zu den besten, edelsten Menschen erziehen. Der beste Jude ist auch der beste Mensch. — Und weiter, meine Herren! Wir sollen durch unseren Einfluß eine soziale Gefahr sein! „Zahlen sollen es beweisen," — Zahlen beweisen das Gegenteil. Zahlen ergeben das traurige Resultat, daß in Deutschland im Verhältnis zu anderen Konfessionen die Zahl der Juden stark zurückgeht. In meinem engeren Vaterlande Bayern ist im Zeitraum 1876-1900 die Geburtszifser bei den Juden auf die Hälfte herabgesunken und die Gebnrtsziffer bei den Christen gestiegen. So verhält es sich auch in den anderen Bundesstaaten. Das ist eine traurige Erscheinung, deren Ursache einmal an anderer Stelle erörtert werden soll. Aber jedenfalls legt sie auch wiederum Zeugnis ab für die unlauteren Mittel, mit denen unsere Gegner kämpfen. Man sagt, d. h. unsere Gegner sagen: die Zahlen beweisen, daß wir einen perversen Erwerbssinn haben, daß wir nichts als den Besitz schätzen und keinen Idealen huldigen; man rechnet das Vermögen der reichen Juden zusammen und sagt: seht, das ist das „Judentum," — das ist seine Macht und feine Größe! Wenn man nur alle Juden der Welt in Betracht ziehen würde, dann würden wir als die Aermsten der Armen gelten; wenn nian nur an die armen nach Millionen zählenden Brüder im Osten denken würde, dann würde ein großes Minus und nicht ein großes Plus sich ergeben. Ist es andererseits nicht ganz natürlich, meine Herren, daß in einem Lande, in dem die Juden in Wirklichkeit von vielen Berufsarten ausgeschlossen sind, ein großer Teil derselben, der doch auch leben, will, sich dem Handel gewidmet und daß dadurch der kaufmännische Sinn sich bei ihnen in verstärktem Maße herausgebildet hat? Ist es nicht ganz natürlich, daß Begabung, Tüchtigkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Rührigkeit zusammen gewirkt haben, um den Wohlstand zu fördern, und ist nicht damit auch dem Vaterlande ein großer Dienst erwiesen worden, wenn der Nationalwohlstand sich gehoben? Hat nicht der große Nativnälökvnom Roscher Recht, wenn er sagt: Jedes Geschäft, dessen Leistung vernünftigerweise begehrt und angemessen bezahlt wird, hat produktiv gearbeitet. Nicht dem Wesen nach, nur dem Grade nach unterscheidet sich die Produktivität der Einzelarbeiten. „Der Jude soll seiner Natur nach nur dem goldenen Kalbe dienen!" Beweisen nicht Millionen und Millionen Juden, daß sie aus Treue zu ihrer Religion, ihrem heiligsten Ideal, auf so viele irdische Ehren und Güter verzichten? Sind nicht die Leiden der Juden blutige Zeugen ihres heldenhaften Idealismus? Und wir wollen weiter gehen, meine Herren. In den Ländern, in denen nur wenig Juden wohnen, ist da die Wohlfahrt eine bessere als in' den Ländern, in denen viele soziale Juden wohnen? Was lehrt Spanien? Lenken wir unseren Blick auf Rußland. Dort sind unsere Brüder entrechtet und geknechtet, und dort ist das größte soziale Elend trotz der bitteren Armut der Juden. Sprechen nicht diese Tage in furchtbarer Weise die Wahrheit ans, daß die Unterdrückung der Juden dem Lande zum Verderben gereicht? — Das Gegenteil von der gehässigen Behauptung ist wahr. Durch die Wohlfahrt der Juden wird die Gesamtheit gefördert und nicht geschädigt. — Erst zwingt man uns Juden, bestimmten Berufsarten nachzn gehen, dann wird uns der kaufmännische Geist, der durch dieselben erzeugt worden ist, zum Vorwurf gemacht; dann wird behauptet, die Juden seien eine soziale Gefahr. Der Haß kennt keine Logik, kennt keine Gerechtigkeit. „Zahlen sollen beweisen," daß wir nicht nur einen perversen Erwerbssinn, nicht nur eine perverse Moral haben, sie werden auch als Beweis dafür angeführt, daß wir die Arbeit verabscheuen. Ist dem wirklich so? Der Jude liebte stets die Arbeit. Die Bibel und der Talmud preisen den Wert der Arbeit in leuchtenden Farben. Unsere Väter waren einst Ackerbauer, unsere Talmudlehrer Handwerker; aber man hat uns den Pflug und das Handwerk entzogen und uns gezwungen, ans anderen Gebieten uns zu bewähren. Als das Handwerk noch einen goldenen Boden hatte, erschwerte man uns den Weg zu demselben, und jetzt strebt die moderne Judenheit trotz der für das Handwerk so schwierigen Verhältnisse danach, dasselbe in unserer Mitte zu verbreiten. Es ist auch nicht wahr, daß den Juden die schwere Arbeit nicht zusagt. In Rumänien wird der jüdische Handwerker angefeindet wie bei uns der jüdische Kaufmann. In England und Amerika werden aus Furcht vor der Konkurrenz der jüdischen Handwerker und Arbeiter Gesetze gegeben, um die Einwanderung einzudämmen. Ueberall ist es dieselbe Methode. Auf welchem Gebiete auch die Inden etwas leisten, stets sind sie in der Phantasie unserer Gegner kein Segen, sondern eine Gefahr. Aehnlich verhält es sich mit der Behauptung, daß die Juden keine Ackerbauer sein wollen. Bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden die Juden teils durch Gesetz, teils durch die Verhältnisse vom Ackerbau zurückgedrängt. Die Inden mußten zum großen Teil in Städten wohnen, und es ist bekannt, daß Städtebewohner, gleichviel welcher Konfession sie angehören, ihre Kinder gewöhnlich dem Feldbau nicht zuführen. Man darf nicht fragen, wieviel Juden ihre Kinder Bauern werden lassen; die Frage muß vielmehr auf alle Städtebewohner ausgedehnt werden; dann wird eine Antwort erfolgen, die auch uns gerecht wird. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Rußland, Amerika und insbesondere in Palästina beweisen, daß auch die schwielige Faust des Inden den Pflüg führen kann, wenn man ihr die Möglichkeit dazu gibt. „Zahlen beweisen"; doch nur dann stimmt die Rechnung, wenn sie nicht losgelöst ist von den sozialen Verhältnissen. Wenn diese gerechte und richtige Methode angewandt wird, dann sind die Resultate wie Granitblöcke, an denen der Gischt der brausenden Leidenschaft abprallt. Und noch ein Wort — und damit lassen Sie mich den Vortrag beenden: man wirft uns vor, daß wir nicht sozial tätig seien. Der Verband der deutschen Juden hat sich ein großes Verdienst damit erworben, daß er statistische Aufnahmen über die Zurücksetzungen gemacht hat, die wir erfahren. Wir sind oft zurückgesetzt worden — das wurde erwiesen. — Es wird Aufgabe einer anderen statistischen Enquete sein, nicht nur