Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
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-93 d e e e h r :l e e .1 U wart sein und darum dasjenige, dem Alle mit Verständnis folgen können, und so kann man sagen, daß der heutige Gottesdienst in ihr gipfelt. Freilich darf man — und das ist kein Widerspruch, sondern eine Ergänzung zu dem Obigen — am allerwenigsten im Kultus das Traditionelle unterschätzen. Denn er soll ja nicht nur die Verbindung mit Gott vermitteln, erneuern, ausdrücken — und nur in dieser Hinsicht wandelt er sich mit der Kultur — sondern er soll auch — und hier liegt seine Stärke und Wirkung gerade umgekehrt, in dem Altgewohnten und Althergebrachten, von Urvätern Ueberkommenem und pietätvoll Festgehaltenem — ein festes Band nur die Glaubens- und Stammesgemeinschaft schlingen, wie es ja schon die erste kultische Feier Israels, das Passah, lehrt. In dieser zwiefachen Bedeutung allen Kultes, indem er sozusagen zugleich Gott und den Menschen dienen soll, wurzelt letzthin aller Streit um ihn. Wer die erste Seite betont, wird leicht zu Reformen neigen; denn Gott selber und ihm gegenüber kann es doch nicht auf die Form ankommen. Wer aber davon ausgeht, daß der K ult uns weni ge r mit Gott als mit unfern Glaubensgenossen verbindet, der wird mehr für Erhaltung des Alten sein. Von diesem zweiten Gesichtspunkt aus müssen auch »vir zugeben: Die gesamte Judenheit auf dem Erdenrund hat seit dem Untergang ihres nationalen Tempel und Staates, zumal wo die zeremoniellen Satzungen als unzeitgemäß teilweise geschwunden, kein stärkeres Bindemittel, keinen schöneren Ausdruck ihrer Zusammengehörigkeit als den synagogalen Kultus. Darum hat sie Recht, ja sogar die Pflicht, sowohl an dem sabbatlichen, wie an dem hebräischen Gottesdienste unbedingt festzuhalten; erst beide zusammen macheil ihn zu einem altjüdischen. Man kann sich wohl außerhalb jeden Kultes stellen, wer aber das traditionelle Judentum bejaht, der muß auch sein Hauptsymbol, den traditionellen Kult, bejahen; dazu aber gehört nicht weniger als der Sabbat und das Hebräische; ohne beides ist das Judentum als Ganzes nicht denkbar. Ich sage: als Ganzes, denn die Reform-Gemeinde z. B. ist und fühlt sich nur als Teil der großen Gemeinde, die ja in genügender Weise für den sabbattich - hebräischen Gottesdienst sorgt und darum mit Recht den lange gehegten Plan einer sonntäglichen Andacht fallen gelassen hat. Denn für eine solche hat die Reformgemeinde gesorgt und auch ferner zu sorgen; darin besteht ihre Rechtfertigung und Berechtigung und ihr Verdienst. Sie muß und will Denen, die an dem einzigen Ruhetage ein jüdisches Gotteshaus besuchen und in der Muttersprache zu dem Gott ihrer Väter beten und eine jüdische Predigt hören wollen, die Gelegenheit dazu geben, daurit, wie der Prophet sagt, der glimmende Docht nicht erlösche, sondern zu neuen: Licht und neuer Wärme sich entfache. Aber das Judentum als Ganzes muß um so mehr, soweit nur irgend möglich, an dem traditionellen Kult festhalten, wenn es sich selbst erhalten will. Der hebräische Laut z. B., in dem ja das Heiligste der Menschheit offenbart wurde, darf in. einer Synagoge nie verstummen, und auch die Reform-Gemeinde hat ihn wenigstens in einigen Hauptsätzen und in der Thora-Vorlesnng festgehalten. Aber nicht nur an dem Laut, sondern auch an dem Geiste wollen wir festhalten, damit unser Gottesdienst nicht nur mit unseren Vätern und Brüdern, sondern auch mit unsernr Vater, mit Gott, uns verbinde. Das Judentum im Lichte moderner Kritik. Ein Bortrag von Rabbiner Dr. K. Werner-München. IH. meine hochgeehrten Herren! Ich würde dem Aufträge, mit dem ich beehrt worden bin, nicht nachkomiuen, wenn ich nicht noch irr wenigen Worten den letzten der großen Gesichtspunkte beleuchtete, von dein aus in moderner Zeit die Judenfrage behandelt wird. Man sah ein, daß die Erörterung der Judenfrage im Lichte der Religion und der Rasse die gewünschte elementare Wirkung bei vielen nicht auszuüben imstande ist, und man wollte doch in allen Kreisen Gehässigkeit gegen uns Hervorrufen. Das Volk läßt sich oft durch Religions- oder Rassenprobleme nicht so leicht aus seiner Ruhe bringen; das Volk aber hat in unserem Zeitalter, das wir mit Recht das soziale nennen, immer ein feines Gefühl für soziale Schädlinge; wenn man ihm jetzt immer und immer wieder vorspiegelt, daß man die Juden nicht ihrer Religion oder ihrer Abstammung, sondern ihrer sozialen Gefährlichkeit wegen in die Schranken weisen müsse, wenn man dasselbe immer und immer wieder von neuem behauptet, dann wirkt es hypnotisierend; das logische Element wird ausgeschaltet, und der leidenschaftliche Trieb wird geweckt. Man nennt Zahlen und will mit Zahlen beweisen, daß wir Juden dem Vaterlande und der Menschheit gefährlich sind. Meine Herren! Das Judentum ist die älteste soziale Religion. Das Judentum hat zuerst die soziale Fürsorge für die Armen und Schwachen gelehrt und betätigt. Von dem ersten Blatte der heiligen Schrift bis zu dem letzten rabbinischen Gutachten über Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist alles von echt sozialem Geiste durchtränkt. Wirklich jüdisch sein heißt sozial sein in des Wortes edelster Bedeutung. Nicht bloß unsere Lehre ist sozial, auch das Leben der Juden — ob es sich in: finsteren Ghetto oder in der lichten Freiheit abgespielt hat — ist erfüllt von der herrlichsten und verständnisvollsten sozialen Wirksanikeit. „Zedakah" heißt Gerechtigkeit und Wohltätigkeit; der Arme hat ein Anrecht auf unsere Hilfe - so lehrt die heilige Sprache. Es tut deir Juden so weh, wenn rnan nur von christlicher Nächstenliebe, nur von christlicher sozialer Hilfstätigkeit liest und hört, als ob das Judentum mit seiner sozialen Weisheit und die Judenheit mit ihrer sozialen Wirksamkeit nicht vorhanden wären. — „Zahlen sollen beweisen," das sagen unsere Gegner, und wir wollen Zählen sprechen lassen. Die falsche Statistik hat „eine wächserne Nase", die man wenden und drehen kann, wie inan will, wenn man das Resultat, das man wünscht, im voraus als gesicherte Wahrheit hinstellt. Die ehrliche, tendenziöse Statistik aber fällt das richtige Urteil. Nur d i e Zahleil beweisen, die ohne Liebe und ohne Haß zusammengestellt werden. „Zahleir sollen betveisen," daß wir Juden eine antisoziale Anlage haben. Antisozial sein heißt in erster Reihe, sich gegen das staatliche Gesetz versündigen; man berechnet die Anzahl der Verbrechen und der Verbrecher: als Fazit soll sich dann die Tatsache ergebe», daß die Juden Widersacher der allgemeineil Wohlfahrt sind. Meine verehrten Herren! Lesen Sie ohne jedes Vorurteil die Zahlen, und das Gegenteil von deiii, was von unseren Widersachern behauptet wird, ergibt sich als Resultat. Die Kriminalstatistik legt für uns ein glänzendes Zeugnis ab. Nur bei einigen Delikten ergibt sich für uns ein Resultat, das scheinbar dem Gesagten widerspricht; das ist aber nur scheinbar, nicht in Wirklichkeit der Fall. Es handelt^ sich hierbei uin die Delikte, die mit den Berufen Zusammenhängen, denen die ineisten Juden obliegen, mit Handel und Industrie. Man darf nicht fragen, wieviel Inden und wieviel Christen — um