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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 92 (sequence 8)
Language
German
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WWWWWWWWWMff 92 schließlichkeit soweit, daß sie nicht nnr den heidnischen, sondern jeglichen Kultus überhaupt verwarfen, wie es vielleicht am reinsten und ergreifendsten zum Ausdruck bringt der Prophet Micha in den Worten: „Womit soll ich dem Herrn entgegenkommen, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihm erscheinen, mit jährigen Kälbern? Hat der Ewige Gefallen an Tausenden von Widdern, an Myriaden von Oelbächen? Soll ich meinen Erstgeborenen als meine Buße geben, meines Leibes Frucht zur Sühne meiner Seele? Nein, es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Recht üben, Liebe hegen und in Demut wandeln vor deinem Gotte." l Das ist der echt prophetische Standpunkt, der in die Moral allein den ganzen Inbegriff der Religion verlegt; über ihn geht nur noch das Buch Hiob hinaus mit seiner Lehre, daß Gott über jeden, auch den moralischen Dienst, erhaben sei, daß wir auch mit einem sittlich heiligen Lebenswandel nicht ihm, sondern nur uns und den Menschen dienen (vgl. Kap. 35 V. 5—8). Aber das ist im Grunde auch die Meinung der Propheten; wenn sie als den einzig berechtigten und gottgefälligen Kultus die Moral betrachten, so wollen sie damit nur sagen, daß sie für uns das Höchste und Heiligste ist, was es gibt, -ohne zu glauben, daß Gott selber etwas dabei gewinnt. Sv wahr auch diese ganze Anschauung ist, so enthält sie dennoch nicht die ganze Wahrheit. Die Polemik der Propheten gegen jeden äußeren Gottesdienst ist nur daraus entsprungen, daß das Volk so leicht in dem Kultus einen Ersatz der Moral zu erblicken geneigt war, daß es das unschuldig vergossene Blut init dem Blut der Opfertiere abzuwascheu glaubte, die sündenbefleckte Hand mit der zum Gebet erhobenen, das alltägliche Freveln mit dem Feiern der Feste, das Darbenlassen der; Armen und Hungrigen mit Fasten und Spenden fürs j Heiligtum. Dagegen erhoben mit Recht die Propheten ihre gewaltige, durch die Jahrtausende uachwirkende Stimme. Aber weil der Kultus kein Ersatz der Moral ist, darum dürfen wir doch nicht die Moral als Ersatz der Religion betrachten, »vie es heutzutage so häufig geschieht. Die Religion ist mehr als bloß ethische Kultur; diese soll die Menschen miteinander verbinden, jene über alles Menschliche und Irdische erheben, diese soll brüderliche Liebe in uns wecken, jene die Gottesliebe, die Ahnung von und die Sehnsucht nach einem Unendlichen und Ewigen. Wohl kann man ein rechtlich denkender und handelnder Mensch sein auch ohne diesen mystischtranszendenten Zug, der zur wahren Religiosität nun einmal gehört, aber das ideale Verlangen, Gott zu schauen, schließt schon an und für sich eine höhere Sittlichkeit in sich ein. Weil nun aber jede Religion es mit einen» gewissen Unaussprechlichen und Unausdenkbaren zu tun hat, darum kann keine der kultischen Formen entbehren; wohl ist jede derselben nur ein schwacher Notbehelf, ein kindliches Lallen, ein dürftiger Ausdruck. „Wir wissen nicht, wie wir dem Ewigen dienen sollen", hat selbst ein Mose gesagt. Daß wir ihm dienen müssen in irgend einer Form, ist ihm keine Frage, ist ihm selbstverständlich, nur über die Form selbst ist er im Zweifel; doch fügt er hinzu: „ bis wir dahin gekommen" au den Gottesberg, also an Ort und Stelle sind. Auch aus diesen Worten können wir viel lernen; sielehren vor allem, daß der Kultus nicht wie die Religion und Moral etwas Ewiges, Unwandelbares, sondern von Ort und Zeit, Umgebung und Verhältnissen, Kultur und Anschauung Abhängiges ist. Wir können geradezu sagen: Der jeweiligeir Kultur entspricht auch der Kultus. Ja, Mose selber sagte mit jenen» Ausspruch eigentlich nichts anderes als: Unser Gottes-! dienst wird sich nach Ort und Zeit richten — ein Ausspruch und Gedanke von unendlicher Tragweite und Bedeutung. Daß in der Tat auch der jüdische Kultus sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt, lehrt ein flüchtiger Blick auf seine Geschichte. Wir können drei Hauptperioden unterscheiden: Die erste ist charakterisiert durch den Opferdienst, die zweite durch den Gebet- und Thoradienst, die dritte durch Hinzufügung der muttersprachlichen Predigt. Die erste Periode reicht von der Vorzeit bis zur Zerstörung des Tempels; denn der Opferdienst, der bei manchen Völker»! sogar zu Menschenopfern sich verirrte, ist die älteste und allgemeinste Form des Kultus überhaupt. Das Blut, dessen Genuß in Israel, auf das strengste verboten »var, wurde auch in ihm zu kultisch-symbolischen Handlungen verwendet, wie noch kurz vor dem Auszug aus Aegypten, natürlich nur das der Tiere; denn wer Blut eines Menschen vergießt, so wird schon dem Noah eingeschärft, dessen Blnt soll wieder durch Menschen vergossen werden. In Israel war nur das Tieropser geboten und erlaubt, und das Menschenopfer bekäinpft zu haben, ist gerade eines seiner Hanptverdienste. Welche Bedeutung aber das Tieropfer für den alten Kn lins auch in Israel hatte, ersehen wir ain besten daraus, daß die Schlachtung des Passahlammes das erste Gebot ist, das Mose dem Volke gibt. Den tiefsten Einschnitt erfährt die erste Periode durch die Reform des Königs Josia um das Jahr 620 v.; es ist vielleicht die radikalste Aenderung, die jenrals in der Geschichte ans kultischen» Gebiete vorgenommen wurde; denn sie bezweckte und bewirkte nichts Geringeres, als daß überhaupt aller Kultus außerhalb Jerusalerns aufgehoben wurde. Die lokalen Altäre im Lande »vurden zerstört und nur der salomonische Tempel als einzig legitinre Opferstätte zugelassen. Das hatte unendliche Folgen, unter anderen auch die, daß »nit dein Teinpel selbst der ganze alte Kultus fiel, und damit beginnt die zweite Periode. An Stelle des Opfers trat das Gebet und zu ihn» die Thora. Diese ersetzte dem Volke alles, den Staat und den Tempel, das Priestertum und den Opferdienst; ja nran kann sagen: durch die Thora wurde unser Kultus zur Kultur, und »vährend oft Finsternis über den Ländern »»nd Völkern lagerte, »var, wie einst zur Zeit der ägyptischen, Licht in den Wohnungen und Gotteshäusern Israels; denn für sie galt so recht das Wort des Spruchdichters (28, 9): „Wer sein Ohr von der Lehre abwendet, dessen Gebet sogar ist ein Greuel." Zu diesen beiden Bestandteilen trat als dritter — und damit beginnt die dritte Periode — die Predigt hinzu. Schrifterklärungen gab es von Einführung der Schrift an, aber das lebendige, nicht nur auslegende und belehrende, sondern auch aufrüttelnde, und auferbauende, d. h. das echt prophetische und zwar in der Muttersprache verkündete Gotteswort, also das, was »vir heute Predigt nennen, und zwar als integrierender Bestandteil unseres Gottesdienstes, datiert erst seit der Neuzeit. In Deutschland wurde ein solcher Kultus erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts in die Synagogen eingeführt, und wieviel Käinpfe hatte er zu bestehen, bis er sich auch in orthodoxen Gemeinden durchsetzte, die heutzutage alle die deutsche Predigt nicht nur nicht mehr bekäinpfen, sondern gleich den liberalen nicht mehr entbehren wollen, und mit Recht! Denn sie ist neben den» ein für allemal feststehenden Gebet und Gesang und der imnier rviederkehrenden Thoravorlesung das einzig flüssige, bewegliche Eleinent, das stetig sich >va»»delnde, ent- »vickelnde, fortschreitende. Thora und Gebet sind »vie vor Jahrhunderten und sollen es sein, aber die Predigt ist und soll ein Ausdruck der Gegen-

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