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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
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91 wird Herrn Brunner Recht geben. Jakob freilich mußte schlau sein, denn er hatte es mit einem Laban zu tun. Seine Nachkommen sind weniger schlau. Sie sind eifrige Deutsche, oft fanatische Tschechen, furchtbare Sozialdemokraten, eingefleischte Magyaren in Ungarn — nur keine Juden, für alle sorgen sie, nur für sich nicht. Unser Judentum krankt an jenen Wunden, die ihm übelberatene und noch übler beratende sogenannte Helfer zugefügt. Lueger sagt, die Juden seien alle Umstürzler, d. h. Sozialdemokraten. Traurig, wenn es wirklich so wäre. Mit Recht hat Brunner darauf hingewiesen, wie sich die Sozialdemokraten durch ihren Vertreter, den Lehrer Seitz, im niederösterreichischen Landtage benommen haben, als es sich um die „Schächtfrage" handelte. Wie verträgt es sich nun aber mit der wahren Freiheit, wenn man eine solche interne Frage des Judentums vom Standpunkte der Antisemiten behandelt, und doch der alleinige Pächter der Freiheit sein will, wie dies die Sozialdemokraten von sich behaupten? Vor dieser Schutztruppe bewahre uns der Herr in Gnaden. Wir haben unsere Religion zu hüten, und diese ist doch bei den Herrn Generalpächtern der Freiheit, denen Religion Privatsache,d.h. Nichts ist, schlecht aufgehoben. Da erstand endlich einmal ein Mann, der es wagte — in unseren Tagen ein doppelt tapferes Wagen — denHerrschaftendieWahrheitzusagen.Erzeigte, wie alle diese Kämpfer für Freiheit und Recht, für ihre Freiheit und für ihr Recht kämpfen. Lernen wir von den Tschechen. Stellen wir uns auch auf den Boden des Realismus. Werden wir endlich Gegenwartspolitiker. Da kommt sie wieder die greisenhafte Weisheit, die einschläfernde Klugheit satter Eunuchen: Wir Juden sind die Minorität. Wo aber steht geschrieben, daß sich eine Minorität, und wäre sie auch weniger stattlich als die unsrige — ich gebrauche nun schon wieder das Wiener Dialektwort — „niederbögeln" lassen muß? Wir hören, daß Ende Februar in Brünn ein „Judentag" znsammentreten soll; es ist dies ein Gedanke, den wir schon lange und vor langer Zeit propagiert haben in diesen Briefen. Offen gesagt, viel erwarten wir von diesem „Judentage" nicht. Vielleicht täuschen wir uns. Warum wir aber von diesem „Judentage" nichts erhoffen? Weil es uns an Männern fehlt, die diesem Luzian Brunner gleichen. Wir fürchten wieder die alten Eifersüchteleien und kleinlichen Parteizänkereien der Herren Vorsteher. Aber auch dies ist ein Gewinn, daß man erkannt hat, die Juden müßten sich nun auch politisch betätigen, und ihre Politik müßte die Gegenwart im Auge behalten. Wahrlich an hellen Köpfen fehlt es uns nicht. Wir haben gute! Redner, gebildete Männer, kräftige Steuerträger, wir haben Namen, die auf allen Gebieten der modernen Kulturbewegungen mit Ehren bestehen, warum sollten wir nicht imstande sein, auch auf dem Felde der Politik, wo es gilt, für die Existenz unserer Kinder zu kämpfen, zu zeigen, daß wir die Zeichen der Zeit ivohl verstehen, daß es jetzt nicht allein gilt, für Synagogen, Beerdigungen und Kranke und Arme zu sorgen, sondern auch für die Gesunden, die Starken, die sich so gerne in den Dienst der Zeit stellen wollen, die bereit sind, ihre besten Kräfte herzugeben für alles, was die Geister jetzt bewegt und erregt. Die Juden mögen erklären, daß sie es satt haben, Mameluckendienste zu leisten,'daß sie es müde geworden sind, auf ihren Schultern ehrgeizige Streben zu tragen, daß sie nicht gewillt sind, anderen zu Aemtern und Würden zu verhelfen und dann noch von ihnen geschmäht zu werden. Iwri. Der Gottesdienst. Von Dr. I. Jelski. elche außerordentliche Bedeutung die gottesdienstliche Feier von jeher in Israel hatte, geht schon daraus hervor, daß auf sie sich eigentlich das erste Gebot bezieht, welches Mose dem Volke noch in Aegypten gibt, indem er das Passah cinsetzt, und daß ja andererseits der Gottesdienst als Anlaß und Zweck der geforderten Befreiung hingestellt wird. Wir können also sagen: Mit der Geburtsstunde unseres Volkes fällt die Entstehung unseres Kultus zusammen; auf der einen Seite soll er an ein geschichtliches Ereignis gemahnen, auf der andern den ersten Anstoß dazu gegeben haben; jedenfalls ist schon daraus seine fundamentale Bedeutung ersichtlich, und dennoch hat selbst ein Mose, und zivar gerade da, wo er die Entlassung seines Volkes zu jener Gottesfeier fordert, den denk- und merkwürdigen Ausspruch getan: „Wir wissen nicht, wie und womit wir dem Herrn dienen sollen, bis wir an seinen Berg gekommen sind!" (Ex. 10, 26). In dem Munde des Stifters unserer Religion, der mit einem kultischen Gebote beginnt, der immer von neuem die Forderung aufstellt: „Entlasse das Volk, daß es Gott diene", ist dieser Ausspruch ganz besonders merkwürdig und bedeutsam^ er ist der beste Beweis, daß man über den Gottesdienst verschiedener Meinung sein kann, je nach dem Standpunkt, den man einnimmt, und so gehört bis heutzutage gerade der Kultus wie zu den wichtigsten, so auch zu den strittigsten Fragen unserer Religion. Noch vor kurzem ist in unserer Mitte die längst für erledigt gehaltene Orgelfrage wieder aufgetaucht, eine Frage, die doch eigentlich als schon durch die Praxis bejaht gelten mußte. Ein notwendiger Bestandteil des jüdischen Kultus ist die Orgel zwar nicht, aber ein durchaus zulässiger; das Wesen unseres Gottesdienstes hängt nicht an ihr, sondern an der Thora, besteht also nicht in musikalischen Genüssen, sondern in religiöser Belehrung. Aber wer wollte leugnen, daß auch die Orgel uns religiös stimmen, erbauen, erheben, das Unfaßbare, Ueberirdische gleichsam am besten zu Gehör bringen kann? Es hat einen tiefen Sinn, wenn die Alten von der Sphärenharmonie reden und der moderne Dichter von der Sonne, die nach alter Weise tönt; vielleicht denkt auch der Psalmist (19, 2 ff.) daran, wenn er dem Tag und der Nacht Stimmen zuschreibt, die durch das Weltall klingen, für jedes feingestimmte Ohr vernehmlich, d. h. also: man suchte sich die auf Erden vermißte Harmonie des Unendlichen, des Weltganzen, des Göttlichen in Form einer wirklichen Harmonie vorzustellen und nahe zu bringen, und es bleibt in der Tat dem doch nicht bloß geistig, sondern auch sinnlich empfindenden Menschen kein anderes Mittel übrig. Darum fordert der letzte Psalm geradezu auf, Gott mit allen nur möglichen Instrumenten zu rühmen und zu preisen, mit Posaunen und Harfen, mit Pauken und Schalmeien, mit Zithern und Chmbeln; das allein schon ist die beste Rechtfertigung der Orgel, ja ich meine, je mehr die Synagoge die bildende Kunst verpönt hat, umso weniger darf sie die tönende verschmähen; denn wie gesagt, in gewisser Weise kann nur die scheinbar sinnenfällige Kunst uns das Uebersinnliche faßbar machen; insofern gehören Kunst und Kultus aufs engste zusammen, wie ja bekanntlich auch umgekehrt dieser auf sehr viele Künste anregend gewirkt, ja sie zur höchsten Blüte gebracht hat, wie sie religiös indifferente Zeiten nie erreichen. Daß freilich in der Religion das Moralische höher steht als alle Kunst und aller Kultus, darüber kann kein Zweifel sein und war es in unserer Geschichte am allerwenigsten; ja, die Propheten gingen in ihrer moralischen Strenge und Aus-

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