Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
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90 Desgleichen konnten es manche unter ihnen freudig begrüßen, daß der Religionsunterricht nicht mehr in ganz unzulänglichen, geradezu sanitätswidrigen Räumen, sondern infolge der Intervention der Schulinspektion in den Kommunalschulen erteilt wird. Aber auch sonst vermochte der persönliche Kontakt mit ihnen manches Gute zu schaffen. Es konnte nicht selten bewirkt werden, daß die schulentlassenen Knaben nicht mehr wie früher zumeist dem Biehhandel und der Metzgerei, sondern auch anderen Berufsarten, und darunter namentlich dem Handwerk, zugeführt wurden. Die Erfolge der Inspektion lassen sich nach obigem in folgende Punkte zufammenfassen: 1. Allgenreine Teilnahme der schulpflichtigen Kinder am Religionsunterricht. 2. Erhöhte Opferwilligkeit der Gemeinden für Schulzwecke. 3. Vermehrung der Schulen und der Lehrkräfte. 4. Ausnahmslose Anstellung von staatlich geprüften Lehrern. 5. Beschaffung geeigneter Schulräume. 6. Verbesserter Unterricht. 7. Besserung der Stellung und des Einkommens der Lehrer. Die Frage der Inspektion des jüdischen Religionsunterrichts wird gegenwärtig von verschiedenen Seiten lebhaft ventiliert. Auf Grund der von mir gemachten Erfahrungen kann ich die Einrichtung derselben nur warm befürworten. Lrirk aus Vrlterreich. Februar 1906. ie Zeitungen haben vom Tode Bickells, des hervorragenden Orientalisten und Hebraisten an der katholischtheologischen Fakultät der Wiener Universität, berichtet. Es ist hier durchaus nicht unsere Absicht, den zahlreichen, sehr wohlgemeinten Nekrologen auf den Verblichenen noch einen hinzuzufügen. Wir wollen nur ' nebenbei auch unsere Glaubensgenossen, die sich oft gegen biblische Arbeiten Andersgläubiger zu sträuben pflegen, auf die metrische Uebersetzung der Psalmen, eine ungemein bedeutende Arbeit des Verewigten, aufmerksam machen. Warum wir uns also hier nochmals mit dem gelehrten Manne beschäftigen? Die Antwort auf diese Frage soll kurz gegeben werden. Es hat uns nämlich wirklich gerührt, als wir lasen, Dr. D. H. Müller, der große Arabist, der, trotzdem er Hofrat geworden, Jude geblieben ist, habe dem verstorbenen Kollegen, dem katholischen Geistlichen, den letzten Nachruf gehalten. Auf dem Gebiete der Wissenschaft hört also doch, so sagten wir uns, die nationale und konfessionelle Borniertheit auf, welche unsere ganze Zeit verpestet. Das Wort von der alles verbindenden Wissenschaft -sollte wohl beherzigt weroen. Kunst und Wissenschaft mögen nicht unter dem Jingoismus, dem Chauvinismus unserer Tage, leiden. Unwillkürlich sagten wir uns, als wir lasen, der Jude habe dem Katholiken die Grabrede gehalten: Könnte der Friede, der auf diese Weise verkündet wird, nicht überall herrschen? Was hat z. B. Oesterreich unter dem konfessionellen und nationalen Hader zu leiden? Der Reichsrat soll nun wieder zusammentreten, er wird sich selbst sein Totenlied zwar nicht singen, dafür desto ausführlicher sagen; vielleicht wird der höchstwahrscheinlich nach einem neuen Wahlgesetze zusannnentretende Reichsrat den Frieden bringen für dieses schwergeprüfte Reich — aber Kampf muß es bei uns immer geben, und es ergreift Widerwillen,' ja Ekel den Beobachter unserer Verhältnisse, wenn er sieht, wie die beiden Reichshälften Oesterreich und Ungarn, die doch aufeinander angewiesen sind, in selbstmörderischer Weise sich zerfleischen. Ich könnte Ihnen wahrlich keine Antwort geben, wenn Sie mich fragten, was eigentlich die Magyaren wollen. Denn uns dünkt es, daß diese Magyaren doch noch etwasanderes wünschen als die Einführung von 60 magyarischen Kommandoworten. Die Tschechen wieder wollen eine Uriiversttät, und in der mährischen Landeshauptstadt soll sie errichtet werden. Ist diese Universität wirklich ein Bedürfnis, das für unabweisbar erklärt werden muß? Kann man Universitäten aus dem Boden stampfen? Woher die Professoren nehmen? Oder will man die breite Mittelmäßigkeit noch mehr großziehen, dazu auf einem Gebiete, die diese am wenigsten verträgt? Die Tschechen wollen ihre Kinder versorgen, — das ist ein realistisches Volk. Wir nehmen es ihnen nicht übel. Der Kamps ums Dasein — verzeihen Sie das ebenso alte, wie abgedroschene Wort — hat bei uns erschreckliche Formen angenommen. Man weiß wirklich nicht, was man mit seinen Söhnen anfangen soll. Das gilt aber insbesondere für uns Juden. Da hat vor einiger Zeit in der mährischen Landeshauptstadt eine von Juden einberufene politische Versammlung stattgefunden. Fast möchten wir sagen: Gelobt sei der Herr der uns dies Novum hat erleben lassen. Die Juden sind auch bei uns politisch reif geworden. Ihr Judentum besteht nun nicht mehr allein in kleinlichen Zwistigkeiten wegen Rabbiner und Kantorenanstellungen, Errichtung von rituellen Bade anstalten, Koscherfleisch- und Friedhofsangelegenheiten. Di« Juden, auch in Oesterreich, schütteln den Staub ihrer Gemeindestuben von sich, und beginnen, trotzdem dies manchen Herrn nicht ganz gefällt, auch ihre politische Meinung zu äußern Es ist aber auch höchste Zeit. Sonst rollt der Kurierzug unserer Zeit über unsere Köpfe hinweg und zermalmt uns. In be sagter Versammlung traten die verschiedenartigsten Typen desmodernen Judentums auf. Wir hörten den Idealisten unt den Theoretiker, den praktischen Zionisten, den Demokraten - und auch Sozialdemokraten, die jüdischer Abstammung sind Zu den Demokraten alten Stiles zählt sich Herr Luziair Brunner, ein Mann, der es, wie man zu sagen pflegt Gottlob nicht nötig hat. Er ist Besitzer einiger Millionen, hat sich aber, was ihm nicht hoch genug angerechnet werden kann sein jüdisches Herz bewahrt. Der Mann steht durchaus au realem Boden. Und so hat er denn den Herrn Idealisten Zionisten und Sozialdemokraten so recht die Wahrheit ins Gesicht gesagt. Die Wahrheit verträgt man bekanntlich nicht gut, aber mit Schreien hilft man hier wenig. Tatsachen beweisen immer. Luzian Brunner ist ein Mann der Tatsachen daher auch, wir gestehen es gern zu, unser Mann. Er wm der einzige Jude im Wiener Gemeinderate, der es wagte, mn Lueger zu ringen und ihn auch, wie man bei uns wenige: schön, dafür desto mehr drastisch sagt, bei manchen Gelegen heiten „niederbögelte." Sie müssen schon diesem Worte Ver zeihung gewähren, es ist nicht aus unserem Sprachschätze. Was sagte nun Luzian Brunner? Das Judentum gleiche seinem Stammvater Jakob — der Midrasch behauptet etwas Aehnliches — Jakob diente einem Laban, und wäre es aui diesen angekommen, der hätte ihn auch ohne Lohn weggeschickt: die alte Bibel erzählt es, und wer unter uns dies noch immer nicht weiß, lese sichs gefälligst nach. Auch die Inden dienen den Labans. Diese heißen bei nns Deutsche, Tschechen, Alldeutsche, Sozialdemokraten; ja, manchmal dienen sie sogar den Antisemiten. Wer manche Wahlen in Oesterreich betrachtet,