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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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88 Das Lrennungsgejetz hat unter den Juden in Frankreich eine Bewegung hervorgerufen, die Psychologisch leicht erklärlich, aber darum doch nicht gerade sehr erfreulich ist. Der „Pester Lloyd" berichtet darüber: „Vor einigen Togen versammelte sich im Salon der Madame Eugene Simon eine Anzahl hervorragender Persönlichkeiten mosaischen Glaubens, darunter Theodor Reinach, der berühmte Historiker, Professor Abraham von der Sorbonne , und der Rabbiner Louis Germain Levh von Dijon, um über die Gründung einer reformierten Iudengemeinde zn beraten. Die Urheber des Gedankens gehen von der Erfahrung aus, daß weitaus der größte Teil der jungen Generation des Judentums dem Glauben in seiner überlieferten orthodoxen Form untreu geworden ist. Das atheistische Freidenkertum sowie der Sozialismus machen auch in den Kreisen des begüterten jüdischen Bürgertums große Fortschritte, die Mischehen nehmen zu, die Kindererziehung wird aller Religiosität entkleidet und wenn nicht die starke Zuwanderung ans dem europäischen Oste» wäre, müßte man geradezu eine Auflösung des Judentums in naher Zeit gewärtigen. Diesen Tendenzen, wollen nun die jüdischen Kapazitäten deS bezeichneten Kreises entgegenwirken. Das Reformjudeninm, das sie begründen wollen, soll die religiös-sittlichen Prinzipien des alten Glaubens erhalten und in einer der modernen Weltanschauung entsprechenden Form darbieten. Die rituelle Strenge dagegen, die nach ihrer Ueberzeugung ihre historische Berechtigung, ihren erziehlichen Wert eingebüßt hat und eine Entsreindung zwischen den Inden und den Massen der übrigen Bevölkerung schafft, soll preisgegeben Iverden. Dieses Reformjudentuin will ausschließlich religiös, nicht nationalseparatistisch sein. Vielmehr soll das Bestreben, die französische Judenschaft mit dem übrigen Volk zu eine>n nationalen Organismus zu verschnielzen, auch äußerlich dokumentiert werden, vor alleiii durch die Einführung der französischen Sprache in den Gottesdienst. Nur einzelne kurze hebräische Gebete sollen sozusagen als historische Zeugnisse beibehalten, die Dauer des Gottesdienstes aber gemäß den Bedürfnissen des modernen Lebens, das ein Leben der Arbeit ist, ans eine Stunde beschränkt werden. Von besonderer Bedeutung ist die Zulassung des Laienelements zur Predigt. Der eigentliche Gottesdienst findet am Sonntag statt, doch wird den konservativen Bedürfnissen auch durch eine Gebetstunde am Samstag Rechnung getragen." Andere französische Juden gehen in ihren Reformbestrebungen noch einen Schritt weiter. So meint Mr. Albin Valabrsgue im „Gil-Blas", daß „man nicht die Fassade des alten Judentums umbauen", sondern den Tempel eines Neuen Jerusalems bauen müsse. „Es wäre für die Juden keine geringe Ehre, die ersten zu sein, die dem Freimaurer und dern Pfarrer brüderlich die Hand reichen würden.. . Das Judentum ist mehr als eine Religion, es ist eine soziale Mission." Doch das sind nur Schwärmereien. Viel ernster sind dagegen die Reformbestrebungen zu nehmen. Im ganzen zeigt sich jetzt der Unsegen der Konsistorialverfassung in Frankreich und der offiziellen Orthodoxie, die sie im Gefolge hatte und die alle ernsthaften Reformversuche, selbst denen, die von Zadoc Kahn ausgingen oder gebilligt wurden, ihren passiven Widerstand entgegensetzte. -V> In der Sitzung des Londoner lloarck ok Guardians vom 12. d. M. teilte Mr. Leonhard L. Cohen mit, daß das englische Ministerium des Innern die Absicht habe, die erst vor zwei Monaten erlassenen Ausführungsbestimmungen der Freindenbill einer Revision zu unterziehen. In der Tat sind diese Ausführungsbestimmungen dem Geiste der Bill durchaus zuwider. Nicht nur wird die mehrfache Versprechung der früheren Regierung, die Bill auf religiöse Flüchtlinge nicht anzuwenden, nicht im geringsten berücksichtigt, es werden selbst politische Flüchtlinge fortwährend zurückgewieseu. So wird die Bill gegen Deserteure, die Führer der Revolution in Livland und andere unzweifelhaft politische-Verbrecher angewendet. Die englischen Blätter sind voll von Berichten über derartige Vorgänge, und die Erregung über die Mißachtung des Asyl rechts in England nimint immer größere Dimensionen an * Nachdem die Juden fast 250 Jahre aus Portugal ver bannt waren, begannen sie vor etwa zehn Jahren sich all mählich von neuem daselbst niederzulassen. Ihre Zahl is namentlich in Lissabon bereits so groß, daß sie vor zwe Jahren in der Lage waren, eine kleine aber hübsche Shnagog, zu errichten. Freilich ist die jüdische Gemeinde von der Behörden nicht anerkannt, so daß sie offiziell noch gar nich existiert. Die Synagoge, die eine Sehenswürdigkeit Lissabonist, gehört rechtlich keinem Menschen. Nunmehr will man er versuchen, diesem Uebel abzuhelfen. In einer kürzlich ab gehaltenen Gemeindeversammlung wurde ein Komitee eingesetzt das mit allen Rechten eines Gemeindevorstandes ausgestatte worden ist. Dasselbe hat wiederum eine Reihe von Ausschüsse! eingesetzt, von denen jeder mit einem besonderen Zweig der Gemeindewesens sich befassen wird. Der eine Ausschuß Wirt den Gottesdienst, der' andere die Beerdigungsangelegenheiter verwalten, der dritte die Matrikelbücher führen. In erste'. Reihe wird aber das Komitee bestrebt sein, die offiziell, Anerkennung der jüdischen Gemeinde als solche und die Ver lxihung der Korporationsrechte an dieselbe herbeizuführen Man hofft um so eher das Ziel zu erreichen, als die Behörden die Juden seit dem Besuche König Carlos in England seh: gern sehen. Zum erstenmal könnte der König sehen, wa eigentlich Juden sind, und welche Stellung sie in England ein nehmen. Vielleicht hat er sich bei diesem Anlaß erinnert, welche mächtige Stellung einst Portugal in Europa ein genommen hatte, und wieviel die Juden zur Größe Portugal: seinerzeit beigetragen haben. Jedenfalls soll König Carlo«? seitdem ein Freund der Juden geworden sein. * Immer mehr versuchen es australische Staatsmänner die Aufmerksamkeit der jüdischen Emigranten auf Australien zn lenken. So hat Mr. Coglhan, der Generalagent für Ne»' Svuth-Wales, einem Vertreter der „Jewish Chronicle" gegen über betont, daß geeignete jüdische Landwirte in der von ihn vertretenen Kolonie einen herzlichen Empfang haben würden Der Generalagent für Westaustralien, Mr. Walther James erklärte einem andern Vertreter des Blattes, er sehe nicht ein warum die Juden es nicht in Westaustralien zunächst mit der Ansiedlung einer kleinen Anzahl jüdischer Familien versuche! sollten. Raum wäre da für tausende vorhanden. Den jüdische! Ackerbauern würden bald eine große Anzahl von Handwerker!, folgen können. Endlich hat der Emigrationskommiffär diese Kolonie, Mr. Scamell, versichert, den Juden wäre es leicht, h. Westaustralien ganze Städtchen mit eigener Verwaltung um Autonomie zn gründen. Alle diese Aeußerungen weisen daran hin, daß Australien von seiner strikten Absperrungspolitik ab zllgehen beginnt und den Versuch - machen will, dem Landl' frisches Blut zuzuführen. Die verschiedenen Regierungen de-: Landes beginnen auch bereits, von Worten zu Taten überzu gehen, und der Premierminister der Commonwealth, Mr Deakin, hat im Parlament ein Gesetz eingebracht, das geeignet ist, die strikten Absperrungsbestimmungen wesentlich zn er leichtern.

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