Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228699--62407-3289545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Ton war angegeben, nun bliesen sie alle die gleiche Melodie weiter. Selbstverständlich mit feinen und groben Nuancen. Dem bekannten Dr. Oertel, dem Chefredakteur der „Deutschen Tageszeitung", war der beste Einfall beschieden, als er in seinem blinden, fanatischen Antisemitismus sogar die Zigarette zum Judentum zählte' nnd den 'Juden zum Vorwurf machte — unter dem jubelnden Beifall der gleichgestimmten Freunde. Der allbeliebte, erfolgreichste Spaßmacher Liebermann von Sonnenberg hatte die — dreisteste Stirn. Er sagte ganz ernst und feierlich: „Er nehme nicht gern antisemitische Schlagworte in den Mund (!) (Heiterkeit), das habe er Gott sei Dcknk nicht mehr nötig. Die Saat, die er mit auszusäen begonnen habe, sei anfgegangen. Unter den Leuten, welche im Schweiße des Angesichts ihr Brot essen, sei der Feind erkannt. Bei den nächsten Neichtstagswahlen müsse sich die ganze Rechte zusammenschließen. (Bravo.) Dem Feinde müßten die Sitze abgenommen werden. (Stürrnische Heilrufe.)" * Es will am besten scheinen, auf diese Ausführungen der schönen Seelen gar nicht weiter einzugehen. Soll man die albernen Schimpfereien zum tausendsten Male mit den Gründen der Vernunft bekämpfen, soll man mit den unebenbürtigen Gegnern mit Waffen kämpfen, die sie nicht zu führen verstehen, mit den Waffen der Moral und der Klugheit, der Toleranz und der Menschlichkeit? Wahrlich, es lohnt sich nicht der vergeblichen Mühe, wir kennen nun schon zur Genüge den wüsten Ton, wir brauchen ihn sogar vielleicht, um aus einer allzu großen Gleichgültigkeit einmal wieder ein wenig anfgerüttelt zn werden. Aber mit diesen Herrn noch streiten? Nein. Wir Habens nicht mehr nötig; die Zeit, die Entwicklung spricht für uns, wird trotz allen Redens und Faselns immer beredter und eindringlicher sprechen. Wir können uns mit einem mitleidigen bedaneruden Lächeln begnügen, wir wollen vergeben, wenn auch nicht vergessen. Und sogar einen leisen Wunsch wollen wir nicht unterdrücken : möge den Herren nie der Humor und die Laune vergehen zu ihren Zirkusspäßen! Die Welt wäre gar zu traurig ohne solche Scherze. -AM Bit Mochr. Berlin, 20. Februar. nsere Chancen bez. des Schulunterhaltungsgesetzes, die in der letzten Zeit sich zu bessern schienen, haben sich in der Sitzung der betreffenden Kommission vom 13. d. M. des Abgeordnetenhauses erheblich verschlechtert. In dieser Sitzung kamen nämlich die Petitionen zur Beratung. In dem offiziellen Bericht heißt es: Eine große Anzahl von Petitionen treten für Gleichberechtigung der jüdischen Schulen ein, ohne daß die Petenten sich über ein bestimmtes Schulsystem einig wären, vielmehr gibt es sowohl solche, die sich für konfessionelle, als solche, die sich für Simultanschulen aussprechen, alle aber wünschen die Erteilung jüdischen Religionsunterrichts an den Volksschulen. Das ist sehr unklar. Aber wir können den Bericht nach zuverlässigen Mitteilungen ergänzen. Das Schulunterhaltungsgesetz wird, nach den Absichten der Mehrheitsparteien, für die Juden alles beim alten lassen, mit Ausdehnung des 1847er Gesetzes in den Schulbestimmungen über den ganzen Staat. Das soll den berüchtigten 8 24 des Entwurfes ersetzen. Im Vergleich mit diesem ist der Beschluß ein befferer, aber er bleibt doch sehr bedenklich. Denn einmal wird dadurch der jüdische Religionsunterricht an der Volksschule nicht wie der christliche obligatorisch; zweitens werden die jüdischen Lehrer, die Religionsunterricht an nichtjüdischen Volksschulen erteilen, nicht auch mit anderweitigen Fächern des Unterrichts betraut, wie christliche Religionslehrer der Minderheit. Und drittens, es wird hier zum erstenmal seit Erteilung der Verfassung für die Juden ein Aus na h me gesetz erteilt. Das ist aber sehr gefährlich! . . Dieses recht unerfreuliche Ergebnis haben wir vor allem der Arbeit derselben süddeutschen Orthodoxie zu verdanken, die so oft die Pläne der Gesa'mtjudenheit vereitelt hat. Auch diesmal hat sie alle Bemühungen des Verbandes der deutschen Juden durchkreuzt, diesen bei den Konservativen und Ultramontanen als -„Reformjuden" hingestellt und eine solche Verwirrung erzeugt, daß schließlich die Abgeordneten sich sagen mußten: Die Juden wissen selber nicht, was sie wollen, also laffen wir alles beim alten. Bei der Verhandlung im Plenum wird ja die Sache klar werden, und daun wird es Sache der deutschen Judenheit sein, energisch Stellung zu dieser Minorität zu nehmen. Im Abgeordnetenhause kam der Fall der Breslauer Referendare in der Sitzung vorn 17. d. M. wieder zur Sprache. Der Abgeordnete Strosser (kons.) tadelte natürlich die Regierung, weil sie gegen den Landgerichtsrat Hoffmann, den Verfasser jenes Festliedes, ein Disziplinarverfahren eingeleitet hatte, obgleich dieser durch Rettung eines jüdischen Knaben aus der Oder bewiesen hätte, daß er kein praktischer Antisemit ist. Der Justizminister Beseler erkannte die Verdienste dieses Herrn auch an, meinte aber doch scherzhaft, jener hätte vorher nicht wissen können, ob der ins Wasser gefallene Knabe jüdischen Glaubens war. Mit der Verteilung eines antisemitischen Liedes an den Verein hätte er immerhin eine Taktlosigkeit begangen, die nicht nur in den jüdischen Kreisen Breslaus eine große Verstimmung erregt hat. Hierin stimmte der freisinnige Abgeordnete Keruth dem Minister bei. Wir geben im folgenden einen Auszug aus den Verhandlungen: AbgeordneterStrosser (forti.): Der Verein christlicher Referendare in Breslau hat bei seinem 25 jährigen Stiftungsfeste ein antisemitisches Tischlied gesungen. Das bedaure ich an sich. Nun ist diese Tatsache einem jüdischen Rechtsanwalt bekannt geworden, daS konnte nur durch einen groben Vertrauensbruch geschehen. (Hört, hört! rechts.) Auf eine Anfrage des Abgeordneten Peltasohn hat der Minister in der Kommission erklärt, daß ein Disziplinarverfahren gegen den Verfasser des Liedes. Landgerichtörat Hosfmann, eingeleitet worden sei, er sei aber nicht in der Lage, Untersuchungen über den Umgang der Referendare anzustellen. Der Landgerichtsrat Hoffmann habe einen Verweis bekommen. (Hört, hört!) Vor Jahren ist ja ein ähnlicher Fall in Hildesheim vorgekommen. Da sind die Referendare, die eine Tischgesellschaft bildeten, strafweise versetzt worden, weil sie einen jüdischen Kollegen nicht aufnehmen wollten. (Hört, hört!) Das Gericht hat sich doch aber nicht um den Umgang der Referendare zu kümmern. (Sehr wahr! rechts.) Damals haben sich auch die Nationalliberalen gegen das Eingreifen der Behörde in geschloffene Gesellschaften erklärt, und auch der freisinnige Abgeordnete Munckel hat sich gegen ein Vorrecht jüdischer Referendare, in Gesellschaften einzutreten, die sie nicht haben wollen, ausgesprochen. Hier liegt der Fall ganz ähnlich. Man darf die Referendare nicht behandeln wie Tertianer, sie sind freie Männer. (Beifall rechts.) Wer von Ihnen hat in seiner Jugend nicht einmal ein Lied gesungen oder gedichtet, das er jetzt nicht mehr singen oder dichten würde? Der Referendarverein nimmt auch nicht jeden christlichen Referendar aus. Zur Aufnahme gehört vielmehr Einstimmigkeit der Mitglieder. Und war denn der Verfasser wirklich ein so gefährlicher Mann, wie es nach all dein Lärm, der von dem Falle gemacht wurde, scheinen könnte? Er ist Besitzer der Rettungsmedaille, weil er einen Knaben mit eigener Lebensgefahr aus den Fluten der Oder gerettet hat. Er ist also ein