Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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•WMIWIPPIII MWWWMMMEM: 70. Jahrgang. No, 8. Berlin, 23. Februar 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstrllen) bezogen vierteljährl. 5 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. VkrlgZs-LxpküMov: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind cm die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Iudentums", Berlin 8^., Jerusalemer Siraße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. LirKuslchkrrr. Berlin. 20. Februar, enn im alten Rom Feste gefeiert werden sollten, in der Stadt, die für uns die Stätte der höchsten Kultur des Klassizismus ist, dann fanden sich alle Stände, die Feldherren und die gemeinen Soldaten, die Dichter und die Handwerker, die Gelehrten und die Krämer ein zu den glanzvollen, prunkenden circenses. Das Interesse für die gymnastischen Schauspiele war bei hoch und niedrig gleich groß, die Freude an dem Wettlauf der Pferde, an den Kämpfen der Gladiatoren ließ Philosophie und Strategie, Dichtkunst und Staatsgeschäfte vergessen, die kleinen Sorgen des Alltags schwanden, und so wurden die oiroenses der Inbegriff der höchsten Freude im alten Rom. Wir sind nicht auf jener Stufe der naiven Genußfreudigkeit stehen geblieben, unser Geschmack ist anders geworden, vielleicht verfeinert, vielleicht verschlechtert — die große Menge der Gebildeten hat heute für den Zirkus kaum mehr als ein geringschätziges Lächeln. Wie wir weiter fortgeschritten sind in der rastlosen Entwicklung, so fanden wir bald nicht mehr Genüge an den schlichten Formen; von dem einfachen Naturprodukt suchten wir nur zu schnell den Weg zu dem vollendeten Kunsterzeugnis. So verlor allmählich der Zirkus für uns sein Interesse, seit das Automobil immer erfolgreicher den Wettbewerb mit dem Pferde aufnahm, und wenn doch einmal der Besuch des Zirkus unvermeidlich ist, dann bilden für die meisten, inmitten all der equestrischen Künste, die Späße des dummen August einen Lichtpunkt. - Vielleicht, weil uns das gesprochene Wort allein schon erquickt in all der Stallatmosphäre, vielleicht auch, weil wir da doch wenigstens den Hauch menschlichen Geistes verspüren. Der dumme August ist so für viele immer unlöslicher mit dem Zirkus verknüpft worden; so untrennbar erscheint er, daß sogar seines Wesens Art zu uns im Zirkus auch dann noch spricht, wenn die weite Halle nicht erstrahlt im hellen Glanze tausender Lichter bei den halsbrecherischen, aufregenden llebungen, bei den gemäßigten, langweiligen Touren der hohen Schule — selbst wenn erste Männer zu ernstem Tun sich versammeln in dem geräumigen Hause, bei grauem, trübe«: Tageslicht, auch selbst dann sind die dummen Auguste noch siegreich. Im Zirkus Busch tagten in dieser Woche die Herren Agrarier, mit Eifer und Ernst bemüht um die beste Ausnützung ihrer Interessen, und es fordert die gewaltige Heerschau der Ritter von Halm und Aar auch dem politischen Gegner respektvolle Anerkennung ab. Die Organisation, die Disziplin, alles ist mustergültig, die Reden siird alle auf den gleichen Ton gestimmt — bis die Spaßinacher Abwechslung in die Sache bringen, bis sie humoristisch zu wirken anfangen. Schließlich, auch die tiefsinnigsten Ausführungen können auf die Dauer langweilig werden, wenn man stets die abgedroschenen Phrasen wieder hört, zu rasch nur tritt eine Ermüdung ein und auch die Getreuesten könnten in solchem Falle wegbleiben. Darum sorgten die Leiter des Bundes immer für ein wenig Abwechslung; wen» man des trockenen Tones satt geworden, kam die humoristische Note. Sonst, in früheren Jahren, war es immer ein possierliches Spiel, wenn die hochgeborenen Herren von und zu auf die Regierung ,31t schimpfen anhuben. Jetzt haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Parteien gebessert, und da muß denn wieder einmal der alte, beliebte und bewährte Prügelknabe vor das Forum gezogen werden. Er hat wirklich nichts dabei zu suchen, aber das tut nichts, der Jude wird doch verbrannt. Wenn man die Herren und ihren Antisemitismus ernst nehmen wollte, könnte man vielleicht böse werden und sich mehr Mühe niit den törichten Neckereien geben, als sie es verdienen aber man kann gar nicht wirklich böse sein; der genius loci erklärt und entschuldigt vieles. Klingt es nicht geradezu komisch, wenn der erste Vorsitzende des Bundes mit dem Brustton der Ueberzengnng sagt: „Ich liebe es nicht, in Antisemitismus zu machen. Es kommt gewöhnlich dabei nicht viel heraus. Aber die Arbeiter und gewerblichen Stände sollten sich doch klar machen: wer sind die Führer auf dem Wege zur Revolution nicht nur in Rußland, sondern auch bei uns? (Stürmische Zurufe: Juden, Inden!!) Das internationale Judentum ist es!" Oder wenn der Freiherr von Bodelschwmgh-Schwersenhesel die kühne Behauptung aufstellt: „ ... Solange erlangen wir keine Rückkehr zum sozialen Frieden, che nicht alle Deutschen, sie stehen hoch oder niedrig, ihre Stellung zum Judentum einer gründlichen Revision unterziehen! (Stürmischer Beifall.)" Und zu den Reichsdeutschen gesellt sich in brüderlichen Gefühlen der Oesterreicher Reichsritter von Hohenblum: „Eine goldene Internationale richtet ihr Denken und Fühlen daraus, uns unseren Boden abzuschwindeln und dann selbst agrarisch zu werden. (Großes Gelächter.) Die goldene und die rote Internationale gehen stramm zusammen. Wie bei Ihnen, steht auch bei uns an der Spitze der roten Internationale (Ruf: der Juden!) das internationale Judentum. (Minutenlanger dröhnender Beifall.) Unsere grüne Internationale unterscheidet sich wesentlich von der goldenen Internationalen, denn sie kämpft für den nationalen Besitz. (Großer Beifall, Hochrufe und Hutschwenken.)"